Anatolien

Naher und Mittlerer Osten

Anatolien

Von der Schwarzmeerküste bis zum Mittelmeer, von Istanbul bis zur iranischen Grenze – die Türkei ist Anatolien. Der Rest ist zumindest flächenmäßig so gering, dass er kaum ins Gewicht fällt. Auf dieser riesigen Fläche hat Anatolien viel zu bieten: abwechslungsreiche Küsten, zerklüftete Gebirge, weite Ebenen mit fruchtbaren Flusstälern und einen enormen Reichtum an kulturellen Schätzen.

Doppelt so groß wie die Bundesrepublik

Anatolien

Weites, fruchtbares Land

Der gesamte asiatische Teil der Türkei, etwa 97 Prozent der Landesfläche, wird als Anatolien bezeichnet. Von der Ägäis im Westen bis zur iranischen Grenze im Osten sind es etwa 2000 Kilometer, von der Schwarzmeerküste im Norden bis zum Mittelmeer im Süden etwa 800 Kilometer. Anatolien ist doppelt so groß wie die Bundesrepublik Deutschland, jedoch in weiten Teilen deutlich dünner besiedelt.

Die Landschaft prägen in großen Teilen weite, fast menschenleere Hochebenen und zerklüftete Mittelgebirge, die von weiten fruchtbaren Flusstälern durchsetzt sind. Im Norden bildet das direkt an die Schwarzmeerküste angrenzende Pontische Gebirge mit seinen mehr als 3000 Meter hohen Gipfeln eine natürliche Wetterscheide, im Süden das am Mittelmeer gelegene Taurusgebirge mit seinen ebenfalls mehr als 3000 Meter hohen Gipfeln.

In Ostanatolien erheben sich einzelne Vulkane aus der Hochlandebene. Der mächtigste von ihnen ist der nahe der iranischen Grenze gelegene Ararat, mit 5137 Metern der höchste Berg der Türkei. An seinen Hängen soll der Bibel nach Noah mit seiner Arche gestrandet sein.

Wiege der Zivilisation

Ausgegrabener Tempel in Göbekli Tepe

Der wahrscheinlich älteste Tempel der Welt

Anatolien ist fruchtbar. Das erkennen schon vor mehr als 10.000 Jahren die Menschen in der Jungsteinzeit. Die Schwemmlandebenen der Flüsse Euphrat und Tigris im Osten der Region sind ideal, um Ackerbau und Viehzucht zu betreiben. Nicht von ungefähr ist der Mensch in der Gegend um diese beiden Flüsse zum ersten Mal in seiner Geschichte sesshaft geworden.

In Göbekli Tepe nahe der Stadt Sanliurfa graben deutsche Archäologen seit 1994 in einem Langzeitprojekt die älteste bekannte Tempelanlage der Welt aus. Die ältesten Funde gehen bis auf das 10. Jahrtausend vor Christus zurück. Und in der Siedlung Çatalhöyük am Rande der zentralanatolischen Hochebene leben bereits im 7. Jahrtausend vor Christus mehrere Tausend Menschen. Sie streitet sich zusammen mit Jericho und einer indischen Ausgrabungsstätte um den Titel "älteste Stadt der Welt".

Im 2. Jahrtausend vor Christus siedelt sich das Volk der Hethiter in Anatolien an. Die Hethiter werden innerhalb kurzer Zeit zu einer Großmacht, mit der selbst der übermächtige ägyptische Pharao Ramses II. eine Konfrontation scheut. Davon zeugt der der älteste erhaltene Friedensvertrag von 1274 vor Christus. Nach dem bisher ungeklärten Zusammenbruch des hethitischen Reiches im 12. Jahrhundert vor Christus fällt Anatolien zunächst in eine Art Dornröschenschlaf.

Im Wechselbad der Kulturen

Antiker Tempel in Ephesus.

Blühende antike Kultur in Ephesus

Ab dem 10. Jahrhundert vor Christus siedeln griechische Stämme nach Anatolien über und gründen zahlreiche Städte. In den folgenden Jahrhunderten entwickelt sich vor allem an der Mittelmeerküste eine blühende Kultur, von der noch heute zahlreiche Bauwerke zeugen. Nicht von ungefähr sind drei der sieben antiken Weltwunder dort zu finden: der Artemistempel in Ephesos, das Mausoleum von Halikarnassos auf dem anatolischen Festland und der Koloss von Rhodos auf der gleichnamigen vorgelagerten Insel.

Nach dem Zusammenbruch des Reiches von Alexander dem Großen führen die Römer  ab dem 2. Jahrhundert vor Christus das griechische Erbe in Anatolien fort. Während das weströmische Reich am Ende der Antike von der Landkarte verschwindet, hat das oströmische (byzantinische) Reich mit der Hauptstadt Konstantinopel (das heutige Istanbul) noch lange Bestand.

Durch das Erstarken der Araber im 7. Jahrhundert nach Christus muss das byzantinische Reich zwar Gebietsverluste im Osten Anatoliens hinnehmen, kann sich im Westen aber noch für lange Zeit halten. Im 11. Jahrhundert drohen sich jedoch die Machtverhältnisse nachhaltig zu verschieben. Aus Zentralasien drängen immer wieder islamisch geprägte turksprachige Nomaden nach Anatolien.

Die Osmanen kommen

Gemälde: Die Osmanen werden vor den Toren Wiens bekämpft.

1683 stehen die Osmanen vor den Toren Wiens

Aus anfänglich unbedeutenden kleinen Fürstentümern entwickelt sich im Laufe der Jahrhunderte ein riesiges türkisch geprägtes Reich, das 1453 auch Konstantinopel erobert. Im 17. Jahrhundert hat das Osmanische Reich eine Ausdehnung, die weit über die Grenzen der Türkei hinausgeht. Der Balkan, Griechenland, Algerien, Libyen, Ägypten, der gesamte Nahe Osten und Teile des Iraks sowie der arabischen Halbinsel stehen unter seiner Herrschaft. 1529 und 1683 scheitern jedoch zwei Anläufe, Wien zu erobern und nach Mitteleuropa vorzudringen. Mit dem Erstarken der europäischen Nationen verliert das osmanische Reich in der Folgezeit immer mehr Einfluss. In zahlreichen Kriegen muss es große Gebietsverluste außerhalb des anatolischen Kernlandes hinnehmen.

Im Ersten Weltkrieg schlägt sich das Osmanische Reich auf die Seite des Deutschen Reiches, was im Oktober 1918 zur bedingungslosen Kapitulation führt. Anatolien ist fortan unter fremder Herrschaft. Franzosen, Italiener und Griechen beanspruchen die Küstengebiete für sich, Istanbul und der Bosporus stehen unter internationaler Vormundschaft und im Osten Anatoliens sollen autonome armenische und kurdische Gebiete entstehen.

Anatolien wird türkisch

Blick über Ankara.

Atatürk baut Ankara zur modernen Metropole aus

Für den Großteil der türkischsprachigen Bevölkerung ist die Vorstellung einer Fremdherrschaft unerträglich. In dieser Situation betritt ein junger General die Bildfläche, der in den folgenden Jahrzehnten die Belange der Türkei maßgeblich prägen wird: Mustafa Kemal Atatürk. Eigentlich soll er im Auftrag der Engländer nur die versprengten osmanischen Truppen entwaffnen. Doch Mustafa Kemal Atatürk eint die Truppen und formiert den Widerstand gegen alle Fremdbesatzer. Nach und nach vertreibt er Italiener, Griechen und Franzosen aus Anatolien.

Da die europäischen Großmächte kein Interesse daran haben, den Krieg wieder aufleben zu lassen, kann Atatürk nahezu ungestört schalten und walten. Am 29. Oktober 1923 verkündet er die Gründung der Republik Türkei. Er selbst wird bis zu seinem Tod 1938 Staatspräsident der neuen Republik.

Für die Türkei hat die Bildung der Republik weitreichende Folgen. Atatürk krempelt die gesamte Verwaltung um, macht aus einem islamisch geprägten Reich einen modernen, europäisch ausgerichteten Staat. Die Religion wird aus der Öffentlichkeit verbannt und findet nur noch im Privaten statt. Als Gegenpol zur alten Hauptstadt Istanbul baut Atatürk Ankara zur neuen Hauptstadt aus. Einzig und allein die türkische Nation zählt. Alle auf türkischem Gebiet lebende Bevölkerungsgruppen sollen sich fortan als Türken verstehen. Auf die Belange religiöser und ethnischer Minderheiten geht der neue türkische Staat nicht ein.

Probleme mit den Minderheiten

Brennende Barrikaden und gepanzerte Polizeifahrzeuge auf einer Straße.

Ein häufiges Bild in kurdischen Städten

Die neuere türkische Geschichtsschreibung verehrt Atatürk als nahezu gottgleichen Helden, der dem angeknacksten Selbstbewusstsein der Türken zu neuer Stärke verholfen hat. Doch nicht alle können sich mit der Etablierung des Türkentums identifizieren. Die Kurden im Osten Anatoliens verstehen sich seit Jahrhunderten als eigenständiges Volk, das sich in großen Teilen einen eigenen Staat wünscht. Diesen Konflikt versuchen beide Seiten mit brutaler Gewalt zu lösen: die türkische mit massiver militärischer Präsens im Osten des Landes, die kurdische mit immer wiederkehrenden Anschlägen im ganzen Land. Ein Ende des Konflikts ist in naher Zukunft nicht absehbar.

Die armenische Minderheit im Nordosten des Landes hingegen hat mit der Bildung eines eigenen Staates abgeschlossen. Sie versucht vielmehr den türkischen Staat dazu zu bewegen, die Vertreibung und Ermordung der armenischen Bevölkerung in den Jahren 1915/16, der Schätzungen zufolge bis zu 1,5 Millionen Menschen zum Opfer fielen, als Völkermord anzuerkennen. Bis heute wehrt sich die Türkei vehement gegen die Anerkennung. In den türkischen Geschichtsbüchern findet die Vertreibung überhaupt nicht statt. Die Türkei droht anderen Staaten sogar mit dem Abbruch diplomatischer Beziehungen, sollten sie den Völkermord anerkennen.

Autor/in: Tobias Aufmkolk

Stand: 19.09.2014, 12:00

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