Ruhrgebiet

Nordrhein-Westfalen

Ruhrgebiet

Vom verschlafenen Landstrich zu einer der wichtigsten Industrieregionen Europas, und das innerhalb weniger Jahrzehnte: Der Aufstieg des Ruhrgebiets in den Zeiten der Industrialisierung ist fast beispiellos. Der Niedergang allerdings auch. In den 1950er Jahren ändert sich der Energie-Weltmarkt drastisch: Die Kohlekrise erwischt den Pott auf ganzer Linie.

Darum geht's:

  • 18. Jahrhundert: Verschlafene Dörfer und viel Landwirtschaft
  • 19. Jahrhundert: Überall im Ruhrgebiet entstehen Zechen.
  • Das Ruhrgebiet ist heute der größte Ballungsraum Deutschlands.
  • 20. Jahrhundert: Brieftaubenzucht wird zum beliebten Hobby.
  • Fußball wird zum Identitätsstifter.
  • Das Zechensterben fordert ein Umdenken im Ruhrgebiet.

Am Anfang war der Farn

Das Rezept für das Ruhrgebiet ist im Grunde ganz einfach: Man nehme Farn. Sehr viel Farn. Dazu Schachtelhalme, Bärlapppflanzen und ein paar weitere Bäume. Wer will, kann das Ganze mit ein paar Spinnen, Libellen und Reptilien garnieren. Die Temperaturen bitte hochdrehen, die Luftfeuchtigkeit ebenfalls.

Versteinerter Farn neben grünem Farn.

Aus Pflanzen wird Kohle

Während die Biomasse dann nach und nach abstirbt und versumpft, ist es hilfreich, immer mal wieder ein paar Flüsse und Meere über die Zutaten zu führen. Diese decken die Sumpfsuppe luftdicht mit Ton und Sand ab, die Flüssigkeit wird mit viel Druck und Hitze aus den abgestorbenen Pflanzen- und Tierüberresten gepresst.

Jetzt muss man nur noch zwischen 250 und 350 Millionen Jahre warten, und fertig ist das Material, das aus dem Ruhrgebiet das gemacht hat, was es heute ist: die Kohle.

Vor der Industrialisierung

Noch bis Ende des 18. Jahrhunderts ist die Gegend zwischen Rhein, Ruhr und Lippe verschlafen und spärlich besiedelt wie viele andere auch: Viele Dörfer und Gehöfte, schlechte Straßen- und Schiffsverbindungen, ein bisschen Handel hier, viel Landwirtschaft dort.

Die größten Städte sind Duisburg und Dortmund mit jeweils 5000 Einwohnern, in der Gegend um Mülheim an der Ruhr leben gut 10.000 Menschen. Hier und dort gibt es schon Vorzeichen auf die kommende Ära: Im heutigen Oberhausen verhütten Arbeiter Eisenerz in einem Hochofen.

In Witten, Hattingen, Holzwickede und Mülheim entstehen Zechen, in denen Steinkohle abgebaut wird. Einträglich ist das aber zunächst nicht, ein Großteil des Bergbaus wird von Bauern als Nebenjob betrieben.

Vom Dorf zur Großstadt

Im 19. Jahrhundert stellt die Industrialisierung große Teile der westlichen Welt auf den Kopf – auch im Ruhrgebiet. Die ersten Dampfmaschinen werden aufgestellt, Ruhr und Lippe werden auf großen Strecken schiffbar gemacht, der Handel wird erleichtert.

Erzgrube Neu Essen II im Jahr 1865.

Überall im Ruhrgebiet entstehen Zechen

Die Kohle ist der wichtigste Energieträger dieser Zeit: Dampfschiffe, Eisenbahnen, Maschinen – nichts läuft ohne das schwarze Gold. Und im Ruhrgebiet gibt es mehr als genug davon. 1840 fördern die Bergleute bereits fast 1 Million Tonnen Steinkohle zutage.

Ende des 19. Jahrhunderts sind es 60 Millionen Tonnen – Tendenz steigend. Hinzu kommt die energieintensive Schwerindustrie, die ebenfalls im Ruhrgebiet ihr Zentrum bildet.

Arbeiter aus dem Osten

Der Hunger der sich industrialisierenden Welt nach Kohle ist unersättlich, die Folgen sind weitreichend: Zwischen 1850 und 1905 verzehnfacht sich die Bevölkerung im Ruhrgebiet beinahe: von 360.000 auf etwas mehr als 3.000.000 Einwohner.

Rund um die Zechen und Hochöfen entstehen Arbeitersiedlungen. Dörfer wie Gelsenkirchen, Essen oder Bochum wachsen binnen weniger Jahrzehnte zu Großstädten heran. Als die Zechenbetreiber und Fabrikbesitzer keine Arbeiter mehr in der Region finden, werben sie Leute aus dem deutschsprachigen Osten an, später auch aus Polen.

Zehntausende Arbeite folgen dem Ruf: Anfang des 20. Jahrhunderts leben im Ruhrgebiet etwa 500.000 Menschen, die aus dem Osten stammen. Familiennamen, die auf -owski, -anski oder -czek enden, zeugen noch heute davon.

Der größte Ballungsraum Deutschlands

Mit der Bevölkerung wachsen auch die Orte. Die Grenzen und Übergange existieren oft nur noch auf dem Papier und in den Verwaltungen. 1920 legt der Siedlungsverband Ruhrkohlenbezirk erstmals offiziell die Außengrenzen des Wirtschaftsraums Ruhrgebiet fest:

  • Von Sonsbeck im Osten bis Hamm im Westen,
  • von Haltern im Norden bis Breckerfeld im Süden.
Lithografie der Krupp-Werke in Essen von 1879.

Probleme der Industrialisierung werden spürbar

Im 21. Jahrhundert besteht die Region aus 53 Städten und Gemeinden und beherbergt 5,1 Millionen Menschen (Stand 2013). Damit ist das Ruhrgebiet der größte Ballungsraum Deutschlands und der fünftgrößte Europas.

Den Frühkapitalismus ausbremsen

Wo viele Menschen leben, entstehen auch viele Probleme. Im 19. Jahrhundert steigt die Bevölkerungszahl so rasch an, dass die Infrastruktur nicht mithalten kann. Es gibt zu wenig Wohnungen, die sanitären Zustände in den Siedlungen sind teilweise untragbar und die Arbeitsbedingungen schlecht. Krankheiten breiten sich aus. Kinder müssen arbeiten oder verwahrlosen. Die Kriminalitätsrate ist hoch.

Die Arbeiter bilden bald schon die größte Gesellschaftsschicht. Sie fordern ihre Rechte ein, bilden Vertretungen, Gewerkschaften und Parteien – und gewinnen damit immer mehr an Einfluss. Der Turbokapitalismus der frühen Tage der Industrialisierung, der auf Ausbeutung setzt und Menschen bloß als Produktionsmittel begreift, gerät Stück für Stück ins Stocken.

Leben jenseits von Zeche und Ofen

Mit der Verbesserung der Lebens- und Arbeitsbedingungen kommen die Menschen im Ruhrgebiet im 20. Jahrhundert in den Genuss eines neuen Phänomens: Sie haben immer mehr Freizeit, die sie entsprechend füllen. In Kirchen und Vereinen, mit Sport und Kultur, mit Hobbys und Müßiggang.

Mann mit Brieftauben.

Brieftaubenzucht wird zum beliebten Hobby

Eine der populärsten Beschäftigungen wird der Brieftaubensport. Die Arbeiter aus den eher ländlichen Ostgebieten haben diese Tadition beibehalten. Neben den Tauben züchteten sie auch Kleintiere wie Hasen und Hühner.

Die Brieftaube wird auch unter den Einheimischen populär. Sie gilt schon bald als das Rennpferd des Bergmanns. Diese gründen Brieftaubenvereine – 1890 gibt es mehr als hundert davon im Ruhrgebiet – und veranstalten Wettbewerbe. Je schneller eine Taube fliegt, desto höher ist ihr Wert.

Die Zahlen steigen und steigen. Anfang der 1960er Jahre hat der deutsche Brieftaubenzüchterverein über 100.000 Mitglieder – die meisten davon zwischen Rhein und Ruhr.

Fußball als Identitätsstifter

Nicht nur die Feder, auch das Leder begeistert die Menschen im Ruhrpott: Die Fußballleidenschaft – sowohl als Zuschauer als auch als Spieler – ist dort sicherlich größer als in anderen Teilen Deutschlands. Wer aus dem Ruhrgebiet kommt, definiert sich oft nicht über seinen Wohnort oder über die Metropolregion, aus der er stammt. Sondern über den Fußballverein, dem er anhängt.

Siegtreffer für Schalke 04 im Endspiel der Deutschen Meisterschaft 1934.

Kuzorra trifft, Schalke siegt

Nicht nur das Revierderby zwischen Borussia Dortmund und Schalke 04 sorgt Tage vor und nach dem Spiel für Gesprächsstoff. Auch Vereine wie der VfL Bochum, Rot-Weiß Essen oder der MSV Duisburg, die in tieferen Ligen spielen, haben Zehntausende von Fans. Anfangs ist die Verbindung von Kumpel und Kicker noch ziemlich brüchig.

Bis nach dem Ersten Weltkrieg gilt Fußball im Ruhrgebiet eher als Oberklassensport, den Gymnasiasten und Studenten spielen. Das ändert sich in den 1920er Jahren, als die Stadt Gelsenkirchen und die Zeche Consolidation Schalke 04 den Bau eines neuen Stadions unterstützen – die legendäre Glückauf-Kampfbahn.

In den folgenden Jahren dominiert Schalke den nationalen Fußball und wird mit seinem legendären Kreisel sechsmal deutscher Meister und einmal Pokalsieger. Viele der Spieler arbeiten in den Zechen der Gegend sorgen so für eine enge Verbundenheit zu den Arbeitern der Region.

Kohlekrise und Zechensterben

Das Bild, das man vom Ruhrgebiet hat, steht damit fest: Dreckverschmierte Arbeiter, die unter Tage oder im Stahlwerk schuften und am Wochenende Brieftauben losschicken oder zum Fußball gehen. Das ändert sich in den 1950er Jahren.

Zwei Arbeiter verlassen eine Zeche (Aufnahme 1960er Jahre).

Die Arbeit wird knapp im Pott

1956 fördern die Bergmänner noch 125 Millionen Tonnen Kohle. Danch sinkt die Fördermenge. Das Erdöl verdrängt die Kohle auf vielen Märkten als Energielieferant, außerdem ist es immer aufwendiger und somit teurer, Kohle im Ruhrgebiet aus der Tiefe zu holen.

Ende 1958 wird die Bochumer Zeche Lieselotte geschlossen, und das ist nur der Anfang. In den kommenden Jahrzehnten kann der Bergbau im Ruhrgebiet nur noch mit staatlichen Subventionen aufrecht erhalten werden.

Die Jahresfördermenge sinkt dennoch: 2000 werden nur noch 26 Millionen Tonnen im Jahr abgebaut, 2008 sind es nur noch 14,5 Millionen. 2016 gibt es nur noch ein einziges Kohlebergwerk im Ruhrgebiet: Prosper-Haniel in Bottrop. Doch auch diese Zeche soll 2018 schließen.

Die Entstehung der Kohle im Ruhrgebiet hat mehrere hundert Millionen Jahre gedauert, der professionelle Abbau nur einen winzigen Bruchteil davon. Was bleibt, ist eine Region, die sich nun neu erfinden muss.

Autor: Ingo Neumayer

Stand: 04.08.2017, 09:00

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