Margot Käßmann

Porträtfoto von Margot Käßmann.

Christentum

Margot Käßmann

Vier Töchter hat sie groß gezogen, sie war Bischöfin und stand als erste Frau an der Spitze der evangelischen Kirche. "Geplant war das alles nicht, irgendwie kam immer ein Schritt nach dem andern", sagt Margot Käßmann lachend. Ihre Karriere endet auch nicht, als die Polizei sie mit 1,54 Promille am Steuer antrifft. Margot Käßmann findet klare Worte des Bedauerns, tritt zurück. Und ist seither noch beliebter als zuvor. Seit 2012 ist Käßmann Lutherbotschafterin für das Reformationsjubiläum im Jahr 2017.

Als Lutherbotschafterin unterwegs

"Tritt fest auf, mach's Maul auf", heißt es bei Martin Luther und das Zitat gefällt Margot Käßmann so gut, dass sie es gerne anbringt. Vier Jahre lang ist sie als Botschafterin für den großen Reformator unterwegs. Stets "mit festem Tritt und klaren Worten", ganz im Sinne Luthers.

Mit Luther teilt Käßmann die Fähigkeit mitreißend zu reden. Schlagfertig und dennoch charmant, christlich und dennoch nie moralinsauer erhebt sie die Stimme, wo immer eine Einschätzung gefragt ist.

Dass sie in ihrer Neujahrspredigt 2010 mit dem Satz "Nichts ist gut in Afghanistan" ordentlich aneckt, führt nicht dazu, dass sie fortan ein Blatt vor den Mund nimmt. Im Gegenteil: Die Kritik an der Rüstungspolitik der Bundesregierung zieht sich seither wie ein roter Faden durch ihre Reden.

Zum Ärger vieler Bundespolitiker fordert sie ein Ende des Waffenhandels und sogar die Abschaffung der Bundeswehr. "Glaube findet nicht im Abseits statt", sagt sie und verweist auch hier gerne auch die lutherische Tradition "dem Volk aufs Maul zu schauen".

Margot Käßmann in schwarzem Talar mit ausgebreiteten Armen auf einer Kanzel.

Predigt kann eine Brücke herstellen vom Glauben zum Alltag

Die Erste sein

"Schafft die das?" – diese Frage hat Margot Käßmann mehr als einmal in ihrem Leben genervt überhört. Mit 25 Jahren reist sie als Jugenddelegierte zur Vollversammlung des Weltkirchenrats nach Vancouver. In einer Kampfabstimmung setzt sie sich bei der Wahl des Zentralausschusses des Ökumenischen Rats durch.

Ein echter Coup, der "ein bisschen Mut erforderte", räumt sie rückblickend ein. Denn sie ist das jüngste Mitglied und ihre erste Tochter noch klein. In den folgenden Jahren wird Ehemann Eckhard, ebenfalls Pfarrer, sie noch oft zu beruflichen Herausforderungen und Kandidaturen ermutigen. Und Margot Käßmann wird Karriere machen.

Mit 41 Jahren setzt sie sich überraschend bei der Bischofswahl in Hannover durch. Inzwischen hat sie vier Töchter. Die Frage "Schafft die das?" ist jetzt nicht mehr zu überhören. Ihren Gegenkandidaten mit fünf Kindern habe das keiner gefragt, kontert Margot Käßmann.

Kurz darauf, im Jahr 2000, verzichtet ihr Mann zugunsten ihrer Karriere auf sein Pfarramt. Er wird Hausmann und sie selbst endgültig zur "Vorzeigefrau" der Frauenmagazine.

2008 ist sie die erste Bischöfin, die sich im Amt scheiden lässt. Über die Gründe, warum sie nach 26 Ehejahren die Scheidung einreicht, redet sie nicht. Den Vorwurf, das Private öffentlich zu machen hört sie dennoch immer wieder, auch im Zusammenhang mit ihrer Brustkrebserkrankung, die sie 2006 bekannt gibt.

Ihrer Karriere schadet es nicht. 2009 wird sie als erste Frau Vorsitzende des Rates der Evangelischen Kirche (EKD). Sie steht nun an der Spitze der evangelischen Kirche. Und das als "geschiedene, linksliberale Mutter von vier Kindern" wundern sich die Medien.

Innehalten

An einem Samstagabend vier Monate später wird Margot Käßmann am Steuer ihres Dienstwagens von der Polizei überprüft, nachdem sie eine rote Ampel überfahren hat. Der Alkoholtest ergibt 1,54 Promille. Sie verbringt schlaflose Nächte, telefoniert mit den Kirchen-Juristen. Dann ist die Sache in den Medien, in dicken Schlagzeilen.

Die Theologin reagiert geradeheraus. Im Blitzlichtgewitter der Kameras verkündet sie, ihre Glaubwürdigkeit durch einen "schlimmen Fehler, den sie zutiefst bereut" beschädigt zu haben. Vier Minuten dauert ihre Rede. Dann ist Margot Käßmann als Bischöfin und EKD-Ratsvorsitzende zurückgetreten.

Nur zwei Tage später ist ihr Leben ein anderes. Im Studentenwohnheim in Atlanta erwartet sie kein festgezurrter Tagesplan, als sie an ihrem ersten Morgen aufwacht. Margot Käßmann will in den USA bleiben, bis es ruhiger wird um ihre Person.

Als Chance, so sagt sie, kann sie diese Auszeit zu Beginn nicht sehen, eher als Irritation: Sie sitzt da und denkt: "Jetzt bin ich 52 und nichts ist, wie es war. Ich muss nicht überlegen, wem ich das Abendessen hinstelle, keiner kennt mich. Und ich weiß nicht, was kommt."

Sie erlebt Monate des Leerlaufs, eine Phase der Neuorientierung. Nach Jahrzehnten in immer höheren Ämtern, mit immer mehr Terminen, blickt sie zurück auf das, was war und überlegt, was werden soll. Heute bezeichnet sie diese Phase als "wunderbare Zeit".

Und vielleicht ist es genau dieser Moment des Innehaltens, der Margot Käßmann für viele Menschen so glaubwürdig macht in den folgenden Jahren. Scheidung, Brustkrebsdiagnose, berufliche Neuorientierung: Margot Käßmann hat diese Brüche in der Biografie selbst erlebt.

Das Bild zeigt Margot Käßmann in schwarzem Kostüm sitzend in der Mitte ihrer vier erwachsenen Töchter.

Familienbande - die vier Töchter stehen zu ihr

Nicht verzagen

Eine Bischöfin mit Alkohol am Steuer: Häme und Medienschelte sind absehbar angesichts dieses Fehlers. Doch es folgt eine erstaunliche Entwicklung. Vier Monate bleibt Margot Käßmann in den USA. Verbringt viel Zeit in der Bibliothek, schöpft Kraft und schreibt das Buch "Sehnsucht nach Leben". Es wird ein Bestseller - wie die meisten ihrer Bücher.

Hier finden sich Popkultur und Bibelwissen, Spitzfindiges und Ironisches. Ihre Protagonisten, allen voran Margot Käßmann selbst, sind nicht frei von Fehlern. "Wir haben manches hinter uns, nicht alles war gut und schön – sicher könnten wir an manchem verzagen", heißt es in Käßmanns erfolgreichstem Buch "In der Mitte des Lebens".

Die Menschen in den Büchern scheitern und zweifeln, doch sie verzagen nicht, sondern vertrauen auf Gott und wenden ihre Niederlagen ins Gute. Wo immer Margot Käßmann in den Jahren nach dem Rücktritt auftritt, stehen die Menschen Schlange. Das "Phänomen Käßmann" wundert sich der Spiegel 2011 und erklärt die Theologin zu einer der erstaunlichsten Figuren des öffentlichen Lebens.

"Die Frau von der Kirche"

2011 bietet die evangelische Kirche Margot Käßmann wieder ein Amt an. Die ist unentschlossen. Als Professorin in Bochum genießt sie das freie Leben an der Universität. Sie hat Zeit für ihre Bücher und Erfolg als Autorin.

Es ist dann eine Zufalls-Begegnung am Frankfurter Flughafen, die sie im Nachhinein als ausschlaggebend für ihre Rückkehr in ein Kirchenamt, das der Lutherbotschafterin, ausmacht. Vor dem Abflugschalter geht sie noch schnell einen Kaffee kaufen, der Mann hinter der Theke fragt neugierig: "Sind Sie nicht die Frau von der Kirche?" Und sie denkt "Ja…, das bin ich."

Das Bild zeigt den Reformator Luther auf einem Ölgemälde von Lucas Cranach.

Luthers Botschaft: Der Mensch darf selbst denken!

Autorin: Britta Schwanenberg

Weiterführende Infos

Stand: 13.04.2017, 12:00

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