Islamischer Fundamentalismus

Islam

Islamischer Fundamentalismus

Seit den Terroranschlägen in den USA und in Europa hat die Konfrontation zwischen islamisch-arabischer Welt und dem Westen eine neue Dimension angenommen. "Ob es uns gefällt oder nicht, die größte Herausforderung westlicher Politik in den nächsten zehn bis 20 Jahren ist die arabisch islamische Welt", so der Islamwissenschaftler und Arabien-Kenner Michael Lüders. "Offenbar kommen Politik und Gesellschaft ohne Feindbilder nicht aus, vor allem in Zeiten des Krieges, auch des Anti-Terror-Krieges. Der Islam ist in weiten Teilen der öffentlichen Wahrnehmung im Westen das, was früher der Kommunismus war, ein gefährlicher, unberechenbarer, auf die Weltherrschaft zielender Gegner."

Was ist Islamismus?

Das Minarett einer Moschee in Instanbul.

Das Minarett einer Moschee in Instanbul.

"Fest steht: Nicht alle Muslime sind Terroristen. Fest steht aber auch: Fast alle Terroristen sind Muslime." Dieses Zitat, das 2004 im "Stern" veröffentlicht wurde, stammt von Abdel Rahman al-Rashid, dem Direktor des Fernsehsenders Al Arabiya. Das Zitat beschreibt eindringlich das Bild einer neuen Realität, mit dem sich gegenwärtig die westliche Welt konfrontiert sieht. Dabei ist es wichtig, genau zwischen Islam und Islamismus zu unterscheiden.

Der Islam ist eine 1400 Jahre alte Offenbarungsreligion. Der Islamismus ist dagegen eine politische Ideologie, eine politische und radikale Verengung des Islam. Die Anhänger dieser Ideologie, islamische Fundamentalisten missachten die Grund- und Menschenrechte und die Religionsfreiheit. Sie sind gegen eine Trennung von Staat und Religion und verstehen sich als Gegner der Demokratie.

Die Islamisten sichern ihren Machterhalt, indem sie sich auf die Unantastbarkeit des Koran berufen, damit aber die Unantastbarkeit der eigenen Korandeutung meinen. Weil islamische Fundamentalisten jede Abweichung von der eigenen Koranauslegung als Abkehr vom richtigen Glauben werten, können die Positionen des Islamismus nicht mehr hinterfragt und angetastet werden.

Wer sich gegen die Meinung islamischer Fundamentalisten ausspricht gilt nicht als Kritiker, sondern als Ungläubiger, als Feind, der Allah verrät. Kritiker leben oft gefährlich, werden eingeschüchtert und bedroht. Der brutale Mord an dem niederländischen Filmemacher Theo van Gogh im November 2004 ist ein prominentes Beispiel dafür, dass der islamische Extremismus längst Teil der politischen Lebenswirklichkeit in Europa geworden ist.

Was will der Islamismus?

Muslime in alten Trachten und Rüstungen bei einer Feier der islamistischen Organisation Milli Görüs in einem Stadion.

Angst vor einem mittelalterlich geprägten Islam

"Islamisten, oder anders ausgedrückt: islamische Fundamentalisten, wollen die Welt neu ordnen, indem sie diese zunächst 'entwestlichen'; sie sind bestrebt, die westlich-europäische Globalisierung rückgängig zu machen. Damit ist nicht nur gemeint, die Hegemonie (Vorherrschaft) des Westens durch eine Vorherrschaft des Islam abzulösen, sondern auch und vor allem, westliche Normen und Werte durch islamische abzulösen. Also: kein Pluralismus. Islamisten wollen - wie im 'Bulletin der Diaspora-Islamisten' in London angegeben wird - eine 'weltweite Herrschaft des Islam' etablieren", so der renommierte Professor für internationale Beziehungen Bassam Tibi.

Der Verfassungsschutz formuliert die Ziele der radikalen Bewegungen des islamischen Fundamentalismus wie folgt: " [...] die Islamisten, fordern unter Berufung auf den Urislam des 7. Jahrhunderts die 'Wiederherstellung' einer 'islamischen Ordnung' als der nach ihrem Verständnis einzig legitimen Staats- und Gesellschaftsform, die alle anders geprägten Ordnungssysteme ersetzen soll. In dieser 'islamischen Ordnung' sollen alle Lebensbereiche so gestaltet sein, wie es von Gott durch den Koran und das Vorbild des Propheten und der frühen Gemeinde (Sunna) verbindlich vorgegeben sei.

Militante Islamisten glauben sich legitimiert, die 'islamische Ordnung' mit Gewalt durchzusetzen. Sie beziehen sich dabei auf die im Koran enthaltene Aufforderung zum 'Jihad' (eigentlich: Anstrengung, innerer Kampf, auch: 'heiliger Krieg'), die sie - abweichend von anderen Muslimen - als heilige Pflicht zum unablässigen Krieg gegen alle 'Feinde' des Islam sowohl in muslimischen als auch in nichtmuslimischen Ländern ansehen."

Kampf der Kulturen?

Die Kaaba umringt von Tausenden von Gläubigen im Inneren der Harammoschee in Mekka.

Pilger umringen die Kaaba in Mekka

Der Begriff "Kampf der Kulturen" entstammt dem Buch des amerikanischen Politikwissenschaftlers Samuel Huntington "The Clash of Civilizations". Huntington vertritt die These, dass im 21. Jahrhundert nicht länger Nationen und Staaten als politische Akteure in Erscheinung treten, sondern unterschiedlich geprägte Kulturräume.

Im Jahr 1998 hat Huntington im Rahmen der Globalisierung weltweit gewalttätige Auseinandersetzungen zwischen Muslimen und Nichtmuslimen prognostiziert. Tatsächlich herrschen im Westen wie im islamisch-arabischen Raum gegenseitige Ablehnung und Verharren in Vorurteilen vor dem als feindlich empfundenen Gegenüber. Die westliche Gesellschaft hat Angst vor rückschrittlicher Weltanschauung durch einen mittelalterlich geprägten Islam.

Individuelle Lebensbestimmung, hoher Bildungsgrad, Emanzipation der Frau, sexuelle Freiheit, Säkularisierung (Trennung von Staat und Religion), Rechtssicherheit durch parlamentarische Demokratie und Fortschrittsglaube gelten als westliche Werte, hart errungen durch Epochen wie die Aufklärung und die Moderne.

Vielen Muslimen erscheint dagegen die westliche Welt entweder als heißersehnte, unerreichbare Ideen- und Konsumwelt oder sie empfinden die weltanschauliche Freizügigkeit des Westens als Bedrohung, die ihre Glaubensfundamente infrage stellt. Sie bemängeln die Dekadenz der abendländischen Welt, verurteilen Materialismus und Konsumhaltung, Einsamkeit und Zerrissenheit des Menschen, fehlenden Zusammenhalt in sozialen Netzwerken (Familie et cetera), übersteigerten Individualismus, entseelte, atheistisch bis zynische Lebenshaltung.

Der Nahostexperte Michael Lüders warnt vor einem allzu leichtfertigen Gebrauch der "Kampf der Kulturen"-Schablone. Lüders sieht vielmehr Fundamentalisten in beiden politisch-kulturellen Lagern: "Der Konflikt zwischen Modernisten und Fundamentalisten ist demzufolge ein Konflikt über Ideale der Lebensführung und gesellschaftliche Ordnungsprinzipien.

Obwohl es auch jüdische und christliche Fundamentalisten gibt, etwa in den Reihen der israelischen Siedlerbewegung oder der protestantischen Freikirchen in den USA, gilt der Fundamentalismus in der westlichen Welt, in unserer Wahrnehmung, in aller Regel als ein rein islamisches Phänomen. Es passt ja auch ins Bild: Islam gleich Terror.

Interessanterweise behaupten nur die islamischen Fundamentalisten und die Anhänger von Samuel Huntingtons These eines "Kampfes der Kulturen", dass der Islamismus identisch sei mit dem Islam, es folglich zwischen Koran und Heiligem Krieg keinen Unterschied gebe."

Warum hat der Islamismus Hochkonjunktur?

Der zunehmende Werteverlust westlicher Gesellschaften bildet ein Werte-Vakuum. Die nach Orientierung suchenden Muslime wollen diesem westlichen Werteverlust die eigenen Traditionen entgegensetzen. Daher hat die restriktive Auslegung der Religion heute auch unter "säkularen", durch den Westen geprägten, Muslimen Hochkonjunktur. Viele muslimische Gruppierungen schauen sehnsüchtig auf die Epoche zwischen dem 7. und 17. Jahrhundert zurück, als der islamisch geprägte Kulturraum hegemoniale Macht besaß und den Westen beeinflusste.

Ein tiefer Riss der Verunsicherung geht durch die islamisch-arabischen Gesellschaften. Die gegenwärtige Epoche der islamischen Zivilisation wird als rückständig, chaotisch und gegenüber der kulturellen Sogkraft des Westens als unterlegen empfunden: "Das Gefühl politischer Ohnmacht und die eigene Perspektivlosigkeit, gepaart mit dem Vorwurf der Lüge und der Heuchelei an die Adresse des Westens: das ist der Nährboden, auf dem der islamische Fundamentalismus und der Dschihad-Terror gedeihen", analysiert Michael Lüders.

"Araber und Muslime sehen sich häufig als Opfer der Globalisierung und des Westens, als Spielball von Entwicklungen, die sie weder steuern können noch für richtig halten. Die große Vergangenheit, als die Araber ein Weltreich begründeten und in Wissenschaft, Kunst und Kultur Maßstäbe setzten, ist unwiderruflich vorbei. [...] Das Gefühl, zu den Verlierern der Geschichte wie auch der Globalisierung zu gehören, stärkt bei vielen Arabern und Muslimen die Neigung, sich als ein vom Schicksal verfolgtes Opfer zu bedauern und daraus die Rechtfertigung für einen grenzenlosen, absoluten, auch terroristischen Widerstand abzuleiten."

Diese häufig anzutreffende Verunsicherung in islamischen Gesellschaften macht sich die islamistische Weltanschauung zunutze und propagiert die folgenden Thesen:

1. Essentielle Unfähigkeit der Selbstkritik

In der islamistischen Lesart ist der Westen das personifizierte Böse, alleiniger Verursacher der arabisch-islamischen Probleme und einzig an der Schwächung und dem Untergang der islamischen Kultur interessiert. Israel gilt als der Stachel im Fleisch, als der Beweis für die Niedertracht und die Gefahr, die aus dem Westen droht.

2. Zuflucht in die Geschichte

Epochen werden heraufbeschworen, als die arabische Kultur der westlichen überlegen war.

3. Trugschluss der Rückwärtsgewandtheit

Warum geht es den islamischen Gesellschaften schlecht? Weil sie vor Allah in Ungnade gefallen sind. Was kann man dagegen tun? Die absolute Aussöhnung mit Allah anstreben durch die bedingungslose, kritiklose Unterwerfung (Islam) unter seinen Willen und die Gebote des Korans (der sich in seiner direkten Lesart allerdings an eine beduinische Gesellschaft von vor 1400 Jahren wendet).

Autor: Gregor Delvaux de Fenffe

Stand: 11.01.2016, 11:52

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