Die Luther-Bibel

Martin Luther

Die Luther-Bibel

Die Bibel wurde über Generationen hinweg in der Sprache der Israeliten oder Hebräer überliefert und schließlich schriftlich auf Hebräisch fixiert. Die Bücher dieser ersten Bibel wurden 400 Jahre vor Christus ins Aramäische (auch die Sprache Jesu) übertragen und später ins Griechische übersetzt. 500 bis 600 Jahre danach, ungefähr im zweiten nachchristlichen Jahrhundert, erfolgte die Übersetzung der biblischen Texte auf Latein. Jede Übersetzung der Bibel ist zugleich eine Neuinterpretation, die reichlich Stoff für eine Diskussion bot und bietet. Denn bei einer Übersetzung wird nicht nur der literarische Wortlaut der Bibel transportiert, sondern auch der theologische Inhalt.

Das Alte Testament in zwölf Jahren

Eine Prachtausgabe der Lutherbibel mit der Aufschrift 'Biblia Germania Collatina'. Dieses Exemplar gehörte dem Kurfürsten August von Sachsen.

Jede Übersetzung ist zugleich eine Neuinterpretation

Die eigentliche Übertragung der Bibel in die deutsche Sprache leistete Martin Luther. Die Arbeit des Reformators begann mit dem Neuen Testament, das der streitbare Kirchenmann 1521/22 in nur vier Monaten niederschrieb. Luther besaß nicht nur hervorragende Griechisch- und Hebräischkenntnisse, sondern sah sich darüber hinaus als ein Kind des Volkes. Er war beseelt von der Idee einer Übersetzung der Heiligen Schrift für die Bedürfnisse der einfachen, weniger gebildeten Menschen seiner Zeit, die zu den griechischen und lateinischen Texten keinen Zugang hatten. Eine Bibel für das ganze Volk wollte Luther durch seine Übersetzungsarbeit stiften.

Nach der erfolgreichen Übertragung des Neuen Testaments benötigte Luther für die Übersetzung des Alten Testaments zwölf Jahre. Mit seinem hochgebildeten Freund Philipp Melanchthon, Professor der griechischen Sprache, glich Luther seine Arbeit ab, bevor sein Werk drucken ließ. Schließlich konnte Luther im Jahr 1534 seine Arbeit vollenden.

Sprachgewaltige Übertragung

Die schwarz-weiße Xylografie eines Gemäldes von Wilhelm Lindenschmit zeigt den jungen Martin Luther beim Studium der Bibel. Er trägt ein Mönchsgewand und sitzt in einem Raum mit vielen Büchern.

Luther studierte die Bibel

Die Arbeit war bahnbrechend und bis heute kommt keine Auslegung der Heiligen Schrift in deutscher Sprache an Luthers Sprachgewalt vorbei. Doch was macht eine Übersetzung der Heiligen Schrift ins Deutsche überhaupt so spektakulär? Es sind gleich mehrere Faktoren, die Luthers Bibelübersetzung von Anfang an so berühmt wie unverzichtbar machen.

Zunächst steht da die nackte Tatsache der Übersetzung der griechischen und lateinischen Vorlagen ins Deutsche. Denn bis Luther hatte es eine geschlossene, allgemeinverständliche und frei zugängliche Übersetzung der Bibel ins Deutsche nie gegeben. Die Texte der Heiligen Schrift waren in griechisch und lateinisch gehalten. So war es schon immer, so entsprach es den Amtssprachen der katholischen Kirche und so sollte es nach kirchlichem Willen immer bleiben.

Keinesfalls sollten die von der Kirche als gefährlich erachteteten Texte der Bibel ungefiltert von den Christen in jener Zeit gelesen werden. Was konnte nicht alles an Missverständnissen und eigenwilligen Interpretationen in die Texte hineingelesen werden. Nur durch die ordnende, lenkende Anleitung des mit der Lehrmeinung der Kirche konformen Klerikers sollten die heiligen Texte an die Menschen weitergegeben werden.

Dem Volk aufs Maul schauen

Dem konnte Luther nichts abgewinnen. Im Gegenteil. Jeder sollte in Luthers Augen Zugang zur Bibel haben, jeder sollte in der heiligen Schrift die Worte Gottes lesen dürfen. Doch es war nicht nur Luthers liberale Auffassung über den Zugang des einfachen und ungebildeten Volkes zu den Bibeltexten, die revolutionär war. Luther übersetzte die Bibel nicht nur, er legte sie in seiner Übersetzung aus, deutete sie in den Alltag der Menschen seiner Zeit hinein. "Dem Volk aufs Maul schauen", nannte Luther das.

Es ging ihm nicht darum, den Text in ein vulgäres Deutsch zu übertragen, wie man es in den Gassen seiner Zeit sprach. Aber es ging Luther sehr wohl darum, eine Ausdrucksweise zu finden, deren Worte und Bildhaftigkeit von jedem Deutschen, egal welcher persönlicher Bildung, verstanden werden konnten. Deswegen übertrug er schwer verständliche Vergleiche und Bilder der Heiligen Schrift, die in der Welt der Beduinen und des israelischen Volkes ihren Ursprung hatten, in die Lebenswirklichkeit der Menschen seiner Zeit.

Luther und die Erfindung des Hochdeutschen

Auf einer Buchseite steht in verschnörkelter Schrift: 'Das Alte Testament, deutsch, M. Luther, Wittenberg'.

Luther-Bibel von 1522

Und noch etwas ist bemerkenswert: Luther verfasste die Bibel nicht in einem Schriftdeutsch, er wählte ein mündlich gesprochenes Deutsch. Der Text der Bibel ist nicht zum Stilllesen gedacht, sondern zum Vorlesen, zum Vortragen. Die Sprachgewalt der Lutherbibel kann für die deutsche Sprache und Kultur gar nicht hoch genug eingeschätzt werden: Luther markierte mit seiner Bibelübersetzung nichts Geringeres als den Grundstock des Hochdeutschen, das von hier aus seinen Anfang nimmt.

Die Lutherbibel ist seit der ersten Ausgabe von 1534 mehrfach überarbeitet und sprachlich angeglichen worden. Dennoch ist sie nach wie vor die offizielle Bibelausgabe der protestantischen Kirche. Luthers literarischer Nachlass ist darüber hinaus gewaltig. Er war nicht nur Reformator, er gehört auch zu den wichtigsten deutschen Autoren aller Zeiten. Sein schriftstellerisches Werk ist riesig, seine Bedeutung für die Germanisten mit der Goethes oder Thomas Manns vergleichbar.

Autor/in: Gregor Delvaux de Fenffe

Stand: 12.12.2014, 12:00

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