Mit dem Esel durch dick und dünn

Borwin Bützow zu Gast bei Planet Wissen

Interview

Mit dem Esel durch dick und dünn

Borwin Bützow lebt in Kirkel -Altstadt und ist leidenschaftlicher Eselhalter. Lilli und Quinto stehen direkt am Haus und gehören gewissermaßen zur Familie. Vor allem mit Quinto verbindet ihn eine innige Mensch-Tier-Freundschaft. 2009 hat er mit seinem Eselhengst sogar eine über 800 Kilometer lange Pilgerreise durch Frankreich unternommen.

Planet Wissen: Herr Bützow, die einen kommen auf den Hund, andere halten sich ein Reitpferd. Sie sind unter die Eselhalter gegangen. Wie kam es dazu?

Borwin Bützow: Ich habe 2004 den Wunsch gehabt, zwei Esel zu bekommen. Einen Esel soll man ja sowieso nicht alleine halten. Beide Tiere haben ich in Frankreich gefunden: das Weibchen, die Lilli, in der Auvergne und in Lothringen, in der Nähe von Philippsburg, den Quinto. Quinto war damals einjährig, Lilli dreijährig. Die zwei habe ich dann bei mir zu Hause auf einem großen Gartengrundstück untergebracht, wo ich auch einen schönen Stall gebaut habe.

Wie ich auf den Esel gekommen bin, weiß ich selbst nicht genau. Erst im Nachhinein sind mir viele Verbindungen zu meiner Kindheit aufgefallen. Schon in frühester Kindheit habe ich immer einen Esel aus einiger Entfernung schreien hören der Nachbarschaft gehört.

Im Zoo war ich auch immer am liebsten am Eselgehege. Das hat mich viel mehr interessiert als die Löwen oder andere Tiere. Übrigens: Der Esel in der Fabel heißt "Boldewyn". Da sind zu meinem Namen Borwin nur wenige Buchstaben Unterschied. Das ist schon spannend.

Was läßt sich denn mit einem Esel alles anstellen?

Zum Reiten sind sie zu klein, es sind beides Zwergesel. Als ich Quinto und Lilli bekommen habe, waren sie noch sehr roh, das heißt, sie konnten noch nichts. Die Kinder waren noch klein und hatten viel Spaß mit den Tieren. Sie sind mit ihnen am Halfter auf der Weide hoch und runter gelaufen, bis Quinto und Lilli dann gut an der Leine gegangen sind.

Dann konnten wir uns mit ihnen auch mal auf die Straße wagen. Es gab immer viele begeisterte Reaktionen von den Leuten, denen wir begegnet sind. Das hat mir Spaß gemacht. Und so habe ich das immer weiter ausgebaut.

Wie würden sie das Wesen der Esel beschreiben?

Esel sind ausgesprochen ruhige Tiere und sind in der Lage, einen selbst auch zu beruhigen, habe ich den Eindruck. Ein Hund will gefordert werden, der will raus, sich bewegen, Stöckchen holen. Das sind alles Dinge, da muss man aktiv sein. Und das ist bei Eseln irgendwie gar nicht der Fall. Im Gegenteil, er sorgt dafür, dass man sehr entspannt sein kann.

Das klingt nach einem sehr umgänglichen Zeitgenossen. Aber was ist denn dran am sprichtwörtlichen störrischen Esel?

Das Wort störrisch wird ganz ungern gehört in der Eselwelt. Wir sagen dann lieber, der Esel gibt dir Gelegenheit, über deinen Fehler nachzudenken, den du grad gemacht hast. Es dauert dann halt ein bisschen. Esel sind nicht schreckhaft, so wie Pferde.

Wenn Esel unsicher sind, bleiben sie erst mal stehen – daher auch der Ruf "störrischer Esel". Das ist aber falsch. Sie überlegen, was soll ich tun, ist das gut für mich oder lass ich es lieber bleiben. Da hilft dann nur Geduld und üben.

Esel Quinto steht auf der Straße und will nicht weiterlaufen.

Lauf-Streik oder Zeit zum Nachdenken?

Nun ist nicht ein Esel wie der andere. Auch Tiere sind in ihrem Wesen sehr individuell. Wenn Sie Quinto in wenigen Worten charakterisieren, was ist er für ein Typ?

Quinto ist neugierig und ängstlich zugleich. Das macht ihn vorsichtig. Zum Beispiel hat er zu Hause bei Lilli auch nicht die Hosen an. Da ist sie der Boss. Sie braucht nur mit den Ohren zu zucken, dann macht er sich klein. Lilli ist zwei Jahre älter und hat ihn möglicherweise erzogen. Das muss auch der Grund sein, warum er schon immer so ein zahmer und braver Hengst war.

Im Umgang mit mir ist er untergeben, aber auch durchsetzungsfähig, wenn er merkt, dass es nötig wird. Zum Beispiel war das auf unserer Pilgerreise der Fall, als ich mit dem sehr schlechten Weg zögerlich war. Damals hat Quinto die Führung übernommen und sich seinen Weg durchs Dickicht gesucht und schließlich auch gefunden. In diesem Moment ist er dann sehr selbstbewusst. 

Mit beiden Eseln haben Sie für eine Pilgerreise in Frankreich trainiert. Aber nur Quinto erschien ihnen tauglich für 800 km lange Tour. Was zeichnet ihn aus, um eine solche Aufgabe durchzustehen?

Man muss mit den Eseln viel trainieren, wenn man so was machen will. Wir sind sowieso mit beiden viel wandern gewesen. Und dabei hat sich rausgestellt, dass Lilli nicht so große Lust hat zu laufen. Sie ließ sich immer etwas hinterher ziehen. Außerdem hat sie oft Fohlen gehabt und konnte dann nicht mitgehen.

Damals habe ich beschlossen, mit Quinto alleine zu gehen. Mit zwei Tieren wäre das sowieso nicht möglich gewesen. Dazu waren die Passagen an den Straßen viel zu gefährlich. Einen zu halten ist schon schwierig genug. Dann hab ich mit ihm geübt und Quinto hat sich langsam aber sicher an alles gewöhnt. Zum Beispiel an Zebrastreifen. Die fand er am Anfang ganz schrecklich, das war der berühmte "Säbelzahntiger" für ihn. Gullideckel waren auch ganz furchtbar.

Außerdem haben wir Wasser, Bäche und Brückchen Überqueren geübt. Alles Dinge, die der Esel gar nicht gerne macht. Er geht normalerweise nicht mal durch eine Pfütze. Aber wir haben viel trainiert und dann war  irgendwann der Zeitpunkt zum Aufbruch gekommen.

Sie sind im Juli durch Frankreich gepilgert. Quintos Glück war, dass die Getreidefelder in voller Reife standen und er sich stärken konnte. Ist auch der Weg in Spanien nach Santiago de Compostella für eine Pilgerreise mit Esel geeignet?

Nein, in der Hochsaison sind die Felder leer, alles ist verbrannt. In Spanien gibt es wenig Futter unterwegs. Das war in Frankreich viel besser. Aber das ist nicht der einzige Grund. Eine gute Bekannte von mir ist durch Spanien gepilgert und hat dabei schlechte Erfahrungen gemacht.

Sie hat, anders als ich, keine Unterstützung genossen, weil Esel in Spanien nur als Arbeitstiere gesehen werden und nicht als Freund oder Kumpel. Sie hat keinen Tierschutzgedanken erfahren und ihr wurde selten weiter geholfen, wenn sie Hilfe brauchte.

Borwin Bützows Esel liegt in einem Kornfeld.

Viel Futter für Quinto in Frankreich

Sie waren mehr als fünf Wochen mit Quinto in Frankreich unterwegs. Wie hat diese Pilgerreise Quinto und ihre Beziehung zueinander verändert?

Am Anfang hat er sich ja geweigert, weiterzugehen. Er wollte einfach nach Hause. Damit musste ich erst mal klarkommen. Rückblickend hat er mir irgendwann den Gehorsam gegeben, den ich gebraucht habe. Nach den Anfangsproblemen hat er irgendwann gemerkt, jetzt geht es nur noch vorwärts. Der Borwin hat was vor, also gucken wir mal. Nach Hause geht es eh nicht.

Außerdem war es für ihn ja auch ein Erlebnis. Er war viel unterwegs und durfte sogar im Weizenfeld fressen, was sonst nicht geht. Aber er hat ja auch schwer gearbeitet. Quinto wurde total folgsam, treu und anhänglich. Er hat auch immer gerufen, wenn ich ihn am Zeltplatz zurückgelassen habe, um Einkaufen zu gehen. Unterwegs brauchte er mich, wollte nicht alleine sein, er wusste ja auch gar nicht, wo er hin sollte.

Wie spiegelt sich das Erlebnis heute im Alltag mit ihm wieder?

Diese enge Verbundenheit und das Vertrauensverhältnis sind geblieben. Quinto folgt mir heute auf Schritt und Tritt. Wenn wir heute wandern gehen, läuft Quinto zeitweise sogar ohne Leine mit.

Quinto und Lilli stehe bei ihnen direkt am Haus. Wie viel Zeit verbringen sie mit ihren Tieren?

Eigentlich viel zu wenig. Mittags gehe ich um 12 Uhr raus, wenn ich nicht da bin rufen sie auch schon. Ich füttere sie und striegel sie etwas ab. Das dauert so etwa 20 Minuten. Dann öffne ich den Zaun, damit sie auf die Weide können.

Nachdem sie ihr Heu und Stroh gefressen haben, gehen beide dann raus auf die Wiese. Abends komme ich wieder und rufe sie. Lilli und Quinto kommen dann gleich in den Stall, weil sie wissen, es gibt Futter. Da gibt es dann eine Möhre, Heu und Stroh und eine Handvoll Bierhefe, die gut fürs Fell ist.

Quinto auf einer Wiese im Morgendunst

Quinto auf seiner Wiese

Aber sie sind doch sicher immer wieder mit Quinto unterwegs, oder?

Wir sind viel unterwegs. Wir wandern von zu Hause los und gehen auch auf Veranstaltungen, auf der Kirkeler Burg zum Mittelaltermarkt, zum Beispiel. Oder in die lebende Weihnachtsgrippe in Wörschweiler. Wenn ich gebeten werde auf Geburtstage, auf Events zu kommen, dann mach ich das auch ab und zu.

Ich bin auch auf Einladung schon im Altenheim gewesen, bei den alten Menschen, die haben sich sehr gefreut, oder auch in Kindertagesstätten.

Wenn Sie mit Esel wandern gehen, sind Sie dann mit Quinto lieber alleine oder gehen Sie eher mit Familie oder Freunden wandern?

Beides. Es kommt immer auf die Zeit an. Am Wochenende gehe ich meist alleine kleine Wanderungen. Aber lieber ist mir, mit Familie und Freunden unterwegs zu sein. Deswegen organisiere ich zwei, drei große Wanderungen im Jahr. Schön ist beispielsweise die Fünf-Weiher-Tour. Da laufen wir mit vielen Leuten und ihren Eseln in rund fünf Stunden eine Strecke von etwa 13 Kilometern. Das ist immer sehr schön.

Was haben Sie durch Quinto gelernt?

Quinto hat mich gefordert, auf die Leute zuzugehen. Ich bin eigentlich ein schüchterner Mensch. Grundmotivation für die Reise war ursprünglich, mein Französisch zu verbessern. Das geht aber am besten, wenn man keine Chance hat, Deutsch zu sprechen. Ich wollte diese Reise machen und sprachlich da durch zu kommen. Quinto musste mit, er wurde da nicht gefragt. Ich brauchte ihn, sonst wäre mir das zu langweilig gewesen, einfach auf der Straße rumzulaufen.

So konnte ich unterwegs den Kontakten und Gesprächen nicht ausweichen, dazu hatte ich mit Quinto keine Chance. Er war der Türöffner zu den Menschen, denen ich begegnet bin. Durch ihn habe ich gelernt, auf Leute zuzugehen. Das ist jetzt viel, viel besser geworden und ich halte auch schon mal einen Plausch, was ich früher eher nicht gemacht habe.

Interview: Horst Basting

Borwin Bützow verstarb unerwartet im Januar 2016.

Weiterführende Infos

Stand: 16.07.2015, 11:00

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