Pilgern in anderen Weltreligionen

Pilgern

Pilgern in anderen Weltreligionen

Richtung Mekka richten die Muslime nicht nur ihre Gebete – jeder Moslem sollte einmal persönlich den Geburtsort von Mohammed gesehen haben. Für die Juden war dagegen der Tempel in Jerusalem lange ein erstrebenswertes Wallfahrtsziel, und in Indien wimmelt es nur so von heiligen Orten, die vor allem für den hinduistischen und buddhistischen Glauben wichtig sind. Pilgern ist kein Alleinstellungsmerkmal des Christentums, wie dieser Überblick von Pilgertraditionen in den weiteren Weltreligionen zeigt.

Pilger oder Wallfahrer?

In allen Weltreligionen wurden die Begriffe Wallfahrt und Pilgerreise geprägt. Während bei einer Wallfahrt das Ziel im Fokus des spirituellen Erlebnisses steht, geht es bei einer Pilgerreise auch um die Erfahrungen auf dem Weg dorthin. Fein säuberlich getrennt werden können die Begriffe allerdings nicht. Denn wer als Wallfahrer startet, kann genauso gut zum Pilger werden und umgekehrt.

Judentum

Betende Menschen an der Klagemauer in Jerusalem.

Das Ziel vieler Gläubigen – die Klagemauer

Im jüdischen Glauben ist das Pilgern von Anfang an fest verankert. Schon die Erzväter Abraham, Isaak und Jakob waren ständig unterwegs. Fast alle tragenden Figuren des Alten Testaments sind in Bewegung. Ob Propheten, Könige oder einfache Leute: Selten wissen sie, wo genau ihr Weg hingeht und sie erleben unterwegs Gottes Gegenwart.

Der Tempel in Jerusalem, die symbolhafte Wohnung Gottes, ist das große Pilgerziel der Juden in der Antike. Jeder Einwohner Israels sollte mindestens einmal im Jahr, die in der Diaspora lebenden Juden einmal in ihrem Leben, dorthin pilgern.

Die Zerstörung des Tempels durch die Römer im Jahre 70 hat nicht nur das gesamte Judentum in eine Krise gestürzt, sondern es bedeutete neben dem Ende der Kulthandlungen auch das Ende der traditionellen Wallfahrt des Judentums nach Jerusalem. Von da an wurden Gräber von Propheten, Patriarchen oder Märtyrern angesteuert. Diese Handlungen sind über das Mittelalter bis in die Neuzeit erhalten geblieben, wenn sie auch in der Gegenwart nicht mehr so gebräuchlich sind wie in den anderen Religionen.

Die frühere West- und jetzige Klagemauer ist durch die israelische Eroberung von Jerusalem im Jahr 1967 auch für jüdische Besucher wieder zugänglich und heute einer der meistbesuchten Orte in ganz Israel. Für die Juden stellt dieses 18 Meter hohe und 48 Meter lange Bauwerk weiterhin ein Symbol für den Bund Gottes mit dem Volk Israel dar. Nicht nur Menschen jüdischen Glaubens pilgern dorthin, beten laut oder stecken ihre aufgeschriebenen Gebete mit dem Wunsch nach Erhörung in die Ritzen der Mauer.

Islam

Blick von oben auf den Hof der Hauptmoschee in Mekka.

Hof der Hauptmoschee in Mekka

Auch wenn sie im Koran namentlich gar nicht erwähnt wird, gehört die Stadt Jerusalem auch für den Islam neben Mekka und Medina zu den wichtigsten Wallfahrtszielen. Vor der Zeit des Propheten Mohammed gingen die Gebete der Muslime in Richtung Jerusalem; die al-Aqsa-Moschee auf dem Tempelberg in der Jerusalemer Altstadt ist die drittwichtigste Moschee des Islam. Jerusalem wird auch als die "ferne Kultstätte" betrachtet, von der aus Mohammeds Himmelfahrt stattgefunden hat.

Die Pilgerstrecken im Islam orientieren sich zum Großteil an seinem Religionsstifter Mohammed und können in drei Kategorien unterschieden werden:

1. Die "Große Pilgerfahrt" zum Geburtsort Mohammeds, nach Mekka. Diese Wallfahrt ist für jede Muslima und jeden Muslim Pflicht, sofern es gesundheitlich oder finanziell möglich ist. Jedes Jahr pilgern rund 2,5 Millionen Gläubige zur "Haddsch" in die Stadt Saudi Arabiens. Diese Pilgerreise ist von verschiedenen Riten geprägt, die so komplex sind, dass Pilgergruppen in der Regel einen Führer benötigen.

2. Die "Kleine Pilgerfahrt" führt ebenfalls nach Mekka, umfasst allerdings weniger Riten und ist an kein festes Datum gebunden.

3. Die dritte Form der Wallfahrten im Islam sind die Besuche von Heiligenschreinen an verschiedenen Orten der islamischen Welt. Diese Besuche von Grabstätten oder Orten, an denen sich Heilige aufgehalten haben sollen, werden von einigen Gruppen des Islam abgelehnt, denn dadurch werde die Allmacht Allahs angezweifelt.

Die "Moschee des Propheten" in Medina ist dagegen unumstritten der zweitheiligste Ort der Muslime, ist ebenfalls Wallfahrtsziel während der "Haddsch" und beherbergt das Grab von Mohammed. Genau wie in Mekka gibt es auch in Medina heilige Bezirke, die nur Muslime betreten dürfen.

Buddhismus

Heilige Stätte am Geburtstort Buddhas in Lumbini, Nepal.

Die ewige Flamme des Friedens in Lumbini

Die vier bedeutendsten Pilgerstätten des Buddhismus sind eng mit dem Leben und Wirken von Siddharta Gautama, dem ersten Buddha und Begründer der Religion, verknüpft: Sein Geburtsort Lumbini in Nepal ist die einzige Kultstätte außerhalb Indiens. Bodh Gaya wird als der Ort seiner Erleuchtung verehrt, in Sarath lehrte Gautama das erste Mal und in Kushinagar starb er.

Der indische Herrscher Osaka soll einer Legende nach im dritten Jahrhundert vor Christus nicht nur alle diese Orte auf einer Wallfahrt besucht haben, sondern auch die Überreste von Siddharta Gautama in 84.000 Orten auf der ganzen Erde verteilt haben. Das ist eine Erklärung für die vielen traditionellen Pilgerorte und Kultstätten des Buddhismus.

Hinduismus

Gläubige Hindus springen in den Ganges.

Heilige Stätten befinden sich oft am Wasser

Mit "tirtha" ist im Hinduismus ein heiliger Ort gemeint. Es bedeutet übersetzt "Furt" und wird immer mit Wasser in Verbindung gebracht. Solche Pilgerorte gibt es massenhaft, sodass alte Texte fast humoristisch überliefern, Indien sei so voll von Wallfahrtsorten, dass es dort nicht einmal ein sesamgroßes Stück Erde ohne tirtha gebe.

Typisch für die drittgrößte Religion nach dem Christentum und dem Islam ist das Kastensystem, in das man nur hineingeboren werden kann. Die Kaste bestimmt den Beruf und das Ansehen des Menschen. Unterschiedliche Kasten haben normalerweise keinen Kontakt. Doch bei den "tirthas" wurde und wird dieses Kastensystem in der Regel aufgehoben. An heiligen Tempeln und Badeseen herrscht gleiches Recht für alle.

Asketen sind in den indischen Religionen eine Besonderheit. Die Strenggläubigen leben ohne festen Wohnsitz in Wald und Wildnis, werden oft selbst zu Heiligen, bilden also eine eigene "tirtha", und werden von Pilgern besucht. Asketen und Pilger ziehen auch zusammen los. Dabei übernehmen die Pilger die körperlichen Strapazen der Asketen. Sie laufen, zumindest zeitweise, barfuß und fasten während der Wallfahrt. Dadurch wollen sie ihrem jeweiligen Gott näher kommen, hoffen auf Heilung von einer Krankheit oder einfach nur auf eine gute Bewertung in einer Prüfung.

Autor: Daniel Schneider

Stand: 05.02.2016, 15:00

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