Amazonien

Südamerika

Amazonien

Beschreibungen des Amazonasgebietes strotzen vor Superlativen. Hier fließt der mächtigste Fluss der Erde, der rund zwei Drittel allen Wassers, welches auf der Erde in Flüssen fließt, dem Atlantik zuträgt. Hier wächst der weltweit größte zusammenhängende tropische Regenwald mit einer unermesslichen Artenvielfalt an Tieren und Pflanzen, von denen die meisten noch gar nicht entdeckt sind. Und Amazonien hat auch eine geheimnisvolle Seite: Spuren deuten darauf hin, dass hier vor Jahrtausenden eine bevölkerungsreiche und hoch entwickelte Kultur lebte.

Amazonas und Amazonien

Der Begriff "Amazonien" ist nicht wirklich eindeutig und wird etwas verwaschen verwendet. So wird mit "Amazonien" unter anderem der tropische Regenwald als Lebensraum am Amazonas bezeichnet. Aber auch das ganze Amazonasbecken, eine riesige Ebene, in der der eigentliche Regenwald am Amazonas wächst, wird häufig Amazonien genannt. Manchmal wird der Begriff auch für das gesamte Einzugsgebiet des Amazonas gebraucht. Also für die Fläche, von der auftreffender Niederschlag früher oder später in den Amazonas fließt.

Das Einzugsgebiet des Amazonas hat eine Fläche von über sieben Millionen Quadratkilometern und ist damit ungefähr so groß wie Australien. Es erstreckt sich über neun südamerikanische Staaten, wobei die größte Fläche zu Brasilien gehört. Aber auch Französisch-Guayana, Suriname, Guyana, Venezuela, Kolumbien, Ecuador, Peru und Bolivien sind am Einzugsgebiet "beteiligt".

Der Regenwald

Straße durch den Regenwald Brasiliens.

Ein uralter Lebensraum

Der Regenwald am Amazonas ist ein uralter Lebensraum, der hier bereits seit Jahrmillionen gedeiht und sich entwickelt. Dabei ist der tropische Regenwald durch den Wechsel von Warm- und Eiszeiten immer wieder großen klimatischen Schwankungen unterworfen gewesen. In den kühlen Phasen der Eiszeit schrumpfte der Regenwald auf kleine, klimatisch bevorzugte Gebiete zusammen, die sich mosaikartig über das Amazonasbecken verteilten.

Aus diesen Rückzugsgebieten, den sogenannten Refugien, breitete sich der Wald dann bei Beginn der Warmzeiten wieder aus. Eigentlich befindet sich der Amazonaswald gerade in solch einer Phase der Ausdehnung (die letzte Eiszeit endete vor 21.000 Jahren) - wäre da nicht der Mensch.

Bis Anfang des 20. Jahrhunderts erstreckte sich der Regenwald über die unvorstellbare Fläche von rund sechs Millionen Quadratkilometern. Schätzungen gehen davon aus, dass in den letzten 50 Jahren jedoch rund 40 Prozent des Waldes zerstört wurden. Bis heute konnte die Zerstörung des Regenwaldes nicht gestoppt werden.

Der Amazonas

Blick auf den Amazonas in Brasilien.

Der Amazonas, der längste Fluss der Erde

Der Amazonas ist der Hauptstrom des größten Fließgewässersystems der Erde. Einen weiteren Superlativ kennen nur wenige Menschen: Der Amazonas ist der längste Fluss der Erde. Bei einer Messung aus den 80er Jahren kam er auf eine Länge von 6788 Kilometern. Damit ist er immerhin 117 Kilometer länger als der Nil. Über 10.000 Zuflüsse speisen ihn insgesamt, von denen rund 1000 durchaus bedeutende Nebenflüsse sind (17 seiner Nebenflüsse sind selbst über 1600 Kilometer lang).

Das Flussbett des Amazonas ist so tief, dass Überseeschiffe 3700 Kilometer flussaufwärts bis ins peruanische Iquitos fahren können. Und selbst in der Trockenzeit erreicht der Amazonas stellenweise eine Breite von zehn bis 20 Kilometern (Zum Vergleich: Der Bodensee ist an seiner breitesten Stelle 14 Kilometer breit).

In der Regenzeit kann der anschwellende Fluss dann aber noch viele Kilometer weiter in den Regenwald beidseitig der Ufer vordringen. An seiner Mündung ist er über 250 Kilometer breit, wobei bis zu 160.000 Kubikmeter Süßwasser pro Sekunde in den Atlantik fließen. Noch 40 Kilometer von der Mündung entfernt kann man hier mitten im Ozean in Süßwasser baden.

Doch auch das Meer und mit ihm die Gezeiten wirken sich spürbar auf den Amazonas aus. So macht sich der Einfluss der Gezeiten noch bis zum Städtchen Obitos bemerkbar, das 700 Kilometer landeinwärts liegt. Und während des Wasserhochstandes rollt zweimal im Monat, nämlich bei Voll- und Neumond, eine bis zu fünf Meter hohe Wasserwelle mit beachtlicher Geschwindigkeit den Fluss hinauf. Sie entsteht durch die in die Mündung eindringende Flut, die hier das abfließende Flusswasser aufstaut. Die Welle ist mit einem donnernden Lärm verbunden, den die Waldindianer "Pororocá" nennen, was soviel wie "donnerndes Wasser" bedeutet.

Geologie Amazoniens

Sandbänke am Ufer des Amazonas.

Gemütlich dem Atlantik entgegen

Amazonien liegt in einer riesigen Tiefebene, die im Norden an die Guyana-Länder grenzt, im Westen an die Kordilleren und im Süden an das brasilianische Bergland. Zwar ist der größte Teil Amazoniens mit geologisch recht jungen Sedimentgesteinen bedeckt, doch es handelt sich nur um eine dünne "Decke". Bei Bohrungen stößt man im Untergrund recht schnell auf magmatisches Gestein, das ein Alter von über 500 Millionen Jahren aufweist. Kein Wunder also, dass die Erosion in diesem Zeitraum alle Erhebungen abgetragen hat.

Der Amazonas und seine Nebenflüsse sind vor über 150 Millionen Jahren Teil eines noch weitaus größeren Flusssystems, das zum Urkontinent Gondwana gehört. Als dieser in die uns heute bekannten Kontinente Südamerika und Afrika zerbricht, wird auch der Uramazonas, wie er heute genannt wird, halbiert. Mir der Entstehung der Anden wird die ursprüngliche Mündung in den Pazifik blockiert und es staut sich über lange Zeit ein gigantischer See in der Tiefebene auf, bis schließlich die Wassermassen im Osten einen neuen Abfluss finden. Der Amazonas, wie wir ihn kennen, ist entstanden.

Während der Eiszeiten sinkt der Meeresspiegel so stark, dass der Amazonas an seiner Mündung über einen gigantischen Wasserfall in den Atlantik stürzt. Das Wasser fließt folglich mit hoher Geschwindigkeit und gräbt so tiefe Canyons in das Gestein. Diesem Umstand verdankt der Amazonas sein tiefes Flussbett, so dass er heute selbst von Hochseeschiffen bis weit ins Landesinnere befahren werden kann. Mit dem Ende der Eiszeit steigt dann der Meeresspiegel gewaltig an, so dass der Amazonas heute mit einem Gefälle von nur 38 Metern auf 1000 Kilometer äußerst gemütlich dem Atlantik zufließt.

Historische Entwicklung

Hütte der Oyampi am Amazonas. Holzstich 1887.

Große Kultur an den Ufern des Amazonas

Man geht heute davon aus, dass die Besiedlung des amerikanischen Kontinents durch den Menschen vom asiatischen Festland aus erfolgt ist. Während der Eiszeiten bildet sich in den letzten 100.000 Jahren zweimal eine Landbrücke zwischen den beiden Kontinenten. Vom Norden aus besiedeln diese Menschen im Laufe von nur wenigen Jahrtausenden schließlich den ganzen amerikanischen Kontinent.

Europäer betreten den amerikanischen Kontinent nachweislich erst am Ende des 15. Jahrhunderts. Mit den Eroberern ("Konquistadoren") aus Spanien und Portugal beginnt eine Zeit der Kolonialisierung und Ausbeutung Südamerikas, von der sich die Ureinwohner bis heute noch nicht erholt haben. Die ersten Europäer berichten in ihren Aufzeichnungen von großen Kulturen und zahlreichen Städten an den Ufern des Amazonas. Städte von zum Teil beeindruckenden Ausmaßen und mit einer großen Bevölkerungszahl. Doch diese verschwinden so schnell, dass man die Berichte schon bald für Übertreibungen und Phantastereien hält. Wie viele Indios den Konquistadoren zum Opfer fallen, lässt sich nur schwer schätzen, insgesamt müssen es aber mehrere Millionen gewesen sein.

Inzwischen entdecken Wissenschaftler immer mehr Spuren dieser vergangenen großen Zivilisationen, die einst am Amazonas gelebt haben. Und ein Teil ihres Erbes, nämlich die fruchtbaren Indianerschwarzerden ("Terra Preta"), die sich kleinräumig überall im Dschungel finden lassen, sind bis heute erhalten und zeugen von den erstaunlichen Fähigkeiten dieser Menschen.

Aktuelle Probleme

Gerodeter Urwald am Amazonas.

Die Zerstörung des Regenwaldes hat weitreichende Folgen

Die Probleme und die Bedrohung Amazoniens sind vielfältig und recht unterschiedlicher Natur. Die weitreichendsten Folgen hat aber ohne Zweifel die Zerstörung des Regenwaldes. Daran beteiligt sind die rein profitorientierten internationalen Holzkonzerne, die für die relativ wenigen Nutzhölzer, die im Wald geschlagen werden, riesige Flächen des Regenwaldes schwer schädigen. Zusätzlich öffnen sie durch den Bau von Holzabfuhrstraßen den Wald für die großflächige Besiedlung.

Die brasilianische Regierung lockte sogar mit dem Bau einer Straße, der Transamazonica, Siedler in den Urwald. Sie wollte damit der stark wachsenden Bevölkerung neue landwirtschaftliche Flächen erschließen. Doch nur vier Prozent der Böden in Amazonien sind für die Landwirtschaft geeignet. Die restlichen Böden sind innerhalb von wenigen Jahren so ausgelaugt, dass trotz Düngung kaum noch Erträge erwirtschaftet werden können. Die Folge: Die Siedler ziehen nach kurzer Zeit weiter und brandroden ein neues Stück Land - oder wandern frustriert in die Slums der Großstädte, wie etwa Manaus, ab.

Neben den meist völlig mittellosen Siedlern sind es auch Großgrundbesitzer, die mit Hilfe staatlicher Subventionen riesige Rinderweiden oder beispielsweise Sojaplantagen im Regenwald errichten. Ein großer Teil der von ihnen erzeugten Lebensmittel wird schließlich exportiert und landet etwa als Viehfutter auch bei uns in Deutschland.

Auch Großprojekte, wie der Bau von Wasserkraftwerken sowie der Abbau vorhandener Bodenschätze, wie etwa Gold oder Bauxit, führen zur Zerstörung großer Regenwaldgebiete. Eine ganz andere Bedrohung ergibt sich aus der genetischen Vielfalt im Regenwald, in der ein ungeheures Potential für neue Medikamente oder Nutzpflanzen steckt. Internationale Saatgut- und Pharmakonzerne betreiben hier derzeit eine beispiellose Aneignung von Natur, unterstützt durch fragwürdige Patentverfahren. Dass sie ihr Wissen meist der indigenen Bevölkerung verdanken, wird dabei nicht einmal ansatzweise berücksichtigt.

Die Zukunft

Zwei blaue Papageien sitzen auf einem Ast nebeneinander.

Eine Schatztruhe irdischen Artenreichtums

Die wohl wichtigste Herausforderung für die Zukunft Amazoniens wird es sein, die wachsende Bevölkerung durch eine nachhaltige Landwirtschaft ernähren zu können. Hierbei könnte unter anderem das Geheimnis der Terra Preta - ungewöhnliche Flächen humusreicher Erde im ansonsten kargen Urwaldboden - von großer Bedeutung sein. Schon seit einigen Jahren wird diese intensiv von Wissenschaftlern untersucht. Und schon bald könnte dieses Wissen helfen, auch die nährstoffarmen Böden Amazoniens in dunkle humusreiche und fruchtbare Böden zu verwandeln.

Von entscheidender Bedeutung wird es auch sein, ein Umdenken in den Köpfen der Menschen vor Ort zu erreichen. Denn der Regenwald ist nicht ein Dschungel der zivilisiert werden muss, sondern eine Schatztruhe des irdischen Artenreichtums, die wir als solche eigentlich schützen und bewahren sollten. Dazu gehört auch das umfangreiche Wissen der indigenen Urbevölkerung, die bereits seit Jahrtausenden in und mit dem Regenwald lebt.

Autor: Dieter Engelmann

Stand: 08.09.2015, 11:28

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