Ist der Regenwald überhaupt noch zu retten?

Gast Juliane Diller, geb. Koepcke

Amazonien

Ist der Regenwald überhaupt noch zu retten?

1971 überlebte die damals 17-jährige Juliane Diller, geborene Koepcke, als einzige einen Flugzeugabsturz über dem peruanischen Regenwald. Anschließend währte ihre Odyssee durch den Urwald bis zu ihrer Rettung zehn Tage lang.

Darum geht's:

  • Wie hat sich der Regenwald verändert?
  • Wie lässt sich die Zerstörung des Regenwalds stoppen?
  • Was kann jeder Einzelne tun, um den Regenwald zu retten?

Heute engagiert sich Juliane Diller als promovierte Biologin für den Erhalt der Regenwälder, indem sie die Forschungsstation Panguana im peruanischen Regenwald fortführt, die ihre Eltern einst ins Leben riefen.

Thomas Brose wuchs bis zu seinem 16. Lebensjahr in Brasilien auf. Als Vorsitzender des Klimabündnisses in Frankfurt am Main engagiert sich der studierte Agrarökonom für den Fortbestand der Regenwälder und seine Völker.

Planet Wissen sprach mit beiden über die Auswirkungen des Kahlschlags am Amazonas.

Gast Thomas Brose

Thomas Brose

Planet Wissen: Frau Dr. Diller, das Thema Klimawandel ist für Sie in der Forschungsstation Panguana spürbar. Wie macht sich das bemerkbar?

Es ist um die vier Grad wärmer geworden. Das hängt damit zusammen, dass in unserer Region großflächig gerodet wird. Der Regenwald ist viel trockener als früher, manchmal knistert sogar das Laub unter den Füßen. Andererseits sind die Regenfälle viel heftiger geworden.

In meiner Jugend war der Regenwald immer feucht. Inzwischen trocknen einige Bäche vollkommen aus. Das wirkt sich auch auf den Zyklus vieler Tiere aus.

Früher gab es im Fluss verschiedene Muscheln, die in Bänken aus Laterit lebten. Gemeinsam mit einer Reihe von Insekten. Inzwischen sind sie vollkommen verschwunden. Auch der Fluss ist viel wärmer als früher.

Haus der Forschungsstation Panguana im Regenwald

Die Forschungsstation Panguana im peruanischen Regenwald

Herr Brose, der Regenwald Südamerikas schwindet erschreckend schnell. Bis 2030 sollen alleine in Brasilien rund 50 Prozent des Regenwaldes für immer zerstört sein. Ist dieser Prozess noch zu stoppen?

Er kann zumindest verlangsamt werden, ihn ganz zu stoppen wird sehr schwierig sein. Die Kräfte, die Interesse an der Ausbeutung der Ressourcen haben, sind sehr stark.

Ein Ansatz ist die Stärkung der indigenen Völker. Wenn die Menschen im Regenwald in ihren Rechten und in ihren Ansprüchen auf ihre Territorien gestärkt werden und wenn sie in ihrem Lebensumfeld rechtlich so abgesichert werden, ist das auch ein wichtiger Ansatz zum Erhalt der Natur.

In verschiedenen Studien hat sich gezeigt, dass die Stärkung der Indigenen der effektivste Schutz des Regenwaldes ist.

abgebrannter Regenwald

Illegale Brandrodung für Sojaanbau

Was sind denn die Hauptursachen für diesen Kahlschlag, Herr Brose?

Eine der großen Hauptsachen sind die ungebremsten landwirtschaftlichen Aktivitäten von den Großgrundbesitzern. Hinzu kommen staatliche Entwicklungsprojekte mit großen Infrastrukturmaßnamen.

Dazu gehört unter anderem der Bau von Straßen, die zum Beispiel Brasilien mit anderen Ländern Südamerikas verbinden. Hinzu kommen große Bergbauprojekte sowie die Ausbeutung von Erdöl, Gold, Bauxit und Eisenerzen.

Frau Dr. Diller, wovon ist zum Beispiel Panguana bedroht? Immerhin steht die Forschungsstation, die älteste biologische Forschungseinrichtung im peruanischen Regenwald, inzwischen unter Naturschutz.

Es ist ein ganz wichtiger Schritt, dass Panguana nach rund 45 Jahren inzwischen unter Naturschutz steht. Dennoch stellt der Straßenbau in der Umgebung eine Bedrohung für unser Gebiet dar. Wenn die anvisierte Straße auf unserer Seite des Flusses tatsächlich einmal gebaut werden sollte, wäre das der Anfang vom Ende.

Auch die Brandrodung in benachbarten Wäldern setzt der Station natürlich zu. Illegale Goldwäscher bringen immer weitere Straßen mit sich und verseuchen zunehmend die Flüsse. Dagegen wehren wir uns natürlich. Bislang erfolgreich.

Junge Xingu-Indios im Einbaum auf dem Amazonas

Die Ureinwohner kämpfen um ihren Lebensraum

Was kann denn jeder Einzelne von uns dazu beitragen, um die Zerstörung der Regenwälder aufzuhalten, Herr Brose?

Man kann zum Beispiel weniger Fleisch essen, denn vor allem unsere Billig-Fleischproduktion benötigt sehr viel Soja als Viehfutter, das stark zur Zerstörung der Regenwälder beiträgt.

Am besten ganz auf Tropenholzprodukte verzichten, oder aber auf Produkte ausweichen, die zumindest aus fairem Handel stammen und FSC-zertifiziert sind.

Wenn wir Fair Trade- und Bioprodukte kaufen, wie zum Beispiel Kaffee oder Kakao, dann tragen wir als Verbraucher durch unser Verhalten maßgeblich zum Klimaschutz und damit auch zum Erhalt der Regenwälder bei. Wer verstärkt auf Qualität setzt und auf billige Massenprodukte verzichtet, wird insgesamt bewusster konsumieren.

Fällt Ihnen dazu noch etwas ein, Frau Dr. Diller? Wie können wir zum Erhalt der Regenwälder beitragen und unsere Umwelt schützen?

Palmöl ist zum Beispiel ein riesiges Problem für den Regenwald. Riesige Areale werden abgeholzt, um Palmölplantagen anzulegen, die sich immer weiter ausbreiten.

Es wäre schön, wenn die Verbraucher hierzulande mehr darauf achten, wo überall Palmöl enthalten ist: in Waschmittel, Lippenstiften, Saucen, Brühwürfel, in der Schokolade, Aufstrichen, et cetera. Auch für den Biosprit wird Palmöl verwendet.

Papier ist ein weiteres Produkt, sogar für Toilettenpapier werden Regenwälder gerodet. Überall entstehen Monokulturen, wo zuvor wertvoller Regenwald war. Also: nur noch Recyclingpapier kaufen. Das wäre ein Ansatz.

Plastik wird aus Erdöl hergestellt, welches auch in den Tropen gefördert wird. Dabei könnten wir mit viel weniger Plastik auskommen. Wir sollten uns überhaupt viel mehr informieren und gegen die Zerstörung der Regenwälder protestieren.

Toilettenpapierrollen gestapelt

Recyclingpapier schont den Regenwald

Weshalb ist der Erhalt der Regenwälder für uns alle von Bedeutung?

Thomas Brose: Es handelt sich um ein einzigartiges Ökosystem. Im Regenwald wächst eine Vielzahl von Heilpflanzen, also potenzielle medizinische Produkte, die zum Großteil noch gar nicht erforscht sind. Wir hätten einen weltweiten Nutzen davon, wenn wir dieses Ökosystem erhalten würden.

Dann sind die Regenwälder natürlich auch ein wichtiger weltweiter Regulator für den Wasserkreislauf und die C02-Produktion. Diese Tatsache können wir gar nicht hoch genug bewerten. Der Erhalt der Regenwälder wäre ein wichtiger Beitrag zum Klimaschutz.

Die Indigenen sagen, dass wenn die Wälder weg sind, damit auch eine große Vielfalt der Kultur und des Wissens verschwindet.

Dr. Juliane Diller: Für mich ist der Erhalt der außergewöhnlichen Artenvielfalt des tropischen Regenwaldes am wichtigsten. Besonders Panguana ist ein wahrer "hot-spot" der Biodiversität.

Wenn wir uns eine lebenswerte Umwelt für die Zukunft erhalten wollen, dann müssen wir die Regenwälder schützen und bewahren. Noch ist es nicht zu spät, das Ruder herumzureißen. Doch es müsste sehr bald ein gründliches Umdenken passieren, dem auch ein entschlossenes Handeln folgt.

Grüne Hundskopfboa

Grüne Hundskopfboa

Interview: Alicia Rust

Stand: 10.09.2014, 13:00

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