Unkontaktierte Völker im Regenwald – Der lautlose Genozid

Indigener mit Pfeil und Bogen

Amazonien

Unkontaktierte Völker im Regenwald – Der lautlose Genozid

Der Regenwald Amazoniens kennt viele Beschreibungen – grüne Lunge, artenreichstes Biotop, größtes Süßwasserreservoir der Erde. Doch neben all diesen Superlativen ist er vor allem die Heimat für eine Vielzahl indigener Gruppen.

Darum geht's:

  • Indigene Völker werden systematisch vertrieben.
  • Zivilisationskrankheiten sind eine Gefahr für die Ureinwohner.
  • Raubbau zerstört die Heimat der Indigenen.
  • Den unkontaktierten Völkern droht der Genozid.

Die Ureinwohner Amazoniens sind bedroht

Von den einst so mächtigen Völkern des Regenwaldes ist heute nur noch eine versprengte Handvoll Angehöriger übrig, die sich auf der permanenten Flucht befinden. Ein Großteil von ihnen lebt verteilt über die brasilianischen Bundesstaaten Rondonia, Mato Grosso und Maranhão, bedroht von Holzfällern, Siedlern und Straßenbauern.

Kürzlich gemachte Funde hastig verlassener Siedlungen in Rondonia verraten ein wenig über ihre Lebensweise. So verwenden sie für die Jagd Pfeile und Bögen von bis zu vier Meter Länge und ernähren sich offenkundig gern von Schildkröten, worauf große Mengen leerer Panzer in ihren verlassenen Behausungen hindeuten.

Unkontaktierte werden wie Tiere gejagt

Die Bezeichnung Unkontaktierte, Nicht-Kontaktierte oder Isolierte bedeutet jedoch nicht, dass diese Völker noch nie Kontakt zur Außenwelt hatten.

Es handelt sich vielmehr um kleinere indigene Volksgruppen, die den Kontakt zur Zivilisation bewusst meiden – meist, weil sie bereits negative Erfahrungen mit der Außenwelt gemacht haben und ihnen ihr angestammtes Land gewaltsam entrissen wurde.

Die Eindringlinge gehen dabei nach dem immer gleichen Schema vor: Sie zerstören ihre Häuser und Gärten und setzen sie in Brand, die wenigen Überlebenden werden wie Tiere gejagt und zur Abschreckung anderer Indigener abgeschlachtet.

Anschließend wird ihr Land als unbewohnt deklariert und oftmals in Agrarland umgewandelt. Ein schleichender Genozid, der die wenigen Überlebenden noch tiefer in den Regenwald hineintreibt.

Doch je rasanter der Regenwald gerodet wird, desto mehr schwinden die Rückzugsmöglichkeiten. Immer häufiger kommt es zu gewaltvollen Zusammenstößen mit Eindringlingen wie Goldsuchern, Holzfällern, Straßenbauern oder marodierenden Drogenschmugglern, denen die Unkontaktierten plötzlich im Wege stehen.

Die Mehrzahl der Nicht-Kontaktierten befindet sich daher pausenlos auf der Flucht, weshalb ihre Frauen keine Kinder mehr gebären.

bemalter Kayapo-Indianer-Junge schaut aus Blätterwald

Kayapo-Indianer wohnen tief im Regenwald

Zivilisationskrankheiten sind eine Gefahr für die Ureinwohner Amazoniens

Hinzu kommt, dass die Unkontaktierten stärker als andere Indigene für eingeschleppte Krankheiten anfällig sind – Erkältungsviren, Grippe, Pocken oder Masern stellen eine tödliche Gefahr dar, da sie aufgrund ihrer langen Isolation keinerlei Abwehrkräfte besitzen.

Dies könnte ein weiterer Grund dafür sein, dass sie unter allen Umständen den Kontakt zu Außenstehenden meiden. Zahlreiche Versuche seitens der brasilianischen Indianerschutzbehörde FUNAI, eine Verbindung aufzubauen, um sie vor Gefahren zu schützen, stießen bislang auf harsche Ablehnung.

Zumindest kennt die Indianerschutzbehörde den ungefähren Aufenthaltsort der betroffenen Völker, was für ihr Überleben in Zukunft noch von großer Bedeutung sein kann. Bisher sieht es jedoch so aus, als fielen die Unkontaktierten der Erschließung des Regenwalds zum Opfer, der immer rücksichtloser und schneller ausgebeutet wird.

Indio-Kinder in einem Einbaum auf Amazonas

Gibt es eine Zukunft für die Menschen in Amazonien?

Raubbau zerstört die Heimat der Indigenen

Als Erstes werden Straßen gebaut, die den Urwald für nachkommende Siedler öffnen. Wo einst intakte Urwälder in den Himmel ragten, breiten sich riesige Rinderfarmen aus, um den Hunger der Welt nach billigem Fleisch zu stillen.

Parallel dazu entstehen immer größere Sojaplantagen, denn mit der Nachfrage nach Fleisch steigt auch der Bedarf an Viehfutter.

Hinzu kommt die wachsende Gier nach den Rohstoffen – mitten im Regenwald bohren transnationale Konzerne nach Erdöl, um den Indigenen anschließend eine verseuchte Landschaft zu hinterlassen.

Nicht zuletzt bedroht auch die Errichtung von Staudämmen die Ureinwohner – so werden beispielsweise für den Bau des drittgrößten Staudamms der Welt, Belo Monte, und seine rund 100 nachfolgenden Staudämme, ganze Volksgruppen durch den Bau und die Ansiedlung der Arbeiter aus ihrer Heimat vertrieben.

Einwohner sitzen auf Rohbau des Staudamms Belo Monte und protestieren

Der Staudamm Belo Monte bedroht die Ureinwohner

Den Unkontaktierten droht der Genozid

Die scheinbar unaufhaltsame Auslöschung dieser Völker ist ein großes Unglück. Denn bei den Unkontaktierten handelt es sich oftmals um die allerletzten Vertreter ihrer Kultur auf unserer Erde.

Mit ihnen schwindet das Wissen um ein Leben im Einklang mit der Natur, gehen ihre Sprache, ihre Kultur und ihre Mythen, aber auch ihr einzigartiges Wissen um die Heilwirkung unzähliger Pflanzen verloren. Ein wertvoller Erfahrungsschatz, der über Jahrhunderte angesammelt und erprobt wurde und nun für immer dem wirtschaftlichen Wachstum zum Opfer zu fallen droht.

Ob die Unkontaktierten noch eine minimale Überlebenschance haben, wird wohl vor allem davon abhängen, ob es der brasilianischen Regierung gelingt, ihr Land zu schützen, das ihnen nach nationalem Recht eigentlich klar zusteht.

Schamane aus amazonischen Regenwald

Ohne Schutz werden die Indigenen nicht überleben

Autorin: Alicia Rust

Weiterführende Infos

Stand: 13.06.2017, 10:10

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