Deutsch-chilenische Beziehungen

Südamerika

Deutsch-chilenische Beziehungen

Gut 12.300 Kilometer trennen Chile und Deutschland und doch haben beide Länder vielfältige Beziehungen zueinander. Im Laufe der vergangenen gut 150 Jahre fanden viele Deutsche aus zum Teil völlig unterschiedlichen Gründen in Chile eine neue Heimat. In umgekehrter Richtung flüchteten Tausende Chilenen während der Diktatur Pinochets nach Deutschland.

Die ersten deutschen Einwanderer kamen 1850

Anfang des 19. Jahrhunderts hatten die spanischen Eroberer den Norden und die Mitte Chiles recht gut erschlossen. Was sie nun interessierte, war das Gebiet, das "kleiner Süden" genannt wird. Es war das Land der chilenischen Ureinwohner, der Mapuche. Sie waren das einzige indianische Volk, das die Kolonialherren trotz ständiger brutaler Angriffe nicht unterwerfen konnten.

Die chilenische Regierung wollte dieses Land aber den Mapuche nicht allein überlassen und suchte gezielt Siedler: Menschen mit militärischer Erfahrung, Ausdauer und Fleiß. Recht schnell fiel die Wahl auf Deutsche, deren Ruf als strebsame und tapfere Soldaten bis nach Chile gedrungen war. Gezielt reisten chilenische Regierungsgesandte nach Deutschland und machten Werbung. Nach der dort ernüchternden bürgerlichen Revolution von 1848 fanden sie leicht begeisterte Umsiedler. Zwischen 1850 bis 1870 kamen rund 6000 Deutsche in die neue Heimat Chile, hauptsächlich in die Gegend um Puerto Montt.

Deutsche Schulen, Feuerwehr und Bratwurst

Die Mapuche waren verständlicherweise nicht begeistert von der Ankunft der neuen Siedler, und so blieben die Deutschen lange unter sich. Sie bauten Siedlungen nach deutschem Vorbild und gründeten deutsche Schulen, um die eigenen Kinder zu unterrichten. Bis heute gibt es Kirchen, Häuser und Schulen aus den ersten Jahren. Zum Beispiel die Schule in Osorno, die 1854 als erste deutsche Schule gegründet wurde. Insgesamt gibt es heute noch mehr als 20 deutsche Schulen in ganz Chile, die von 15.000 Schülern besucht werden und als Eliteschulen gelten.

Die ersten freiwilligen Feuerwehren wurden von Deutschen gegründet und existieren heute ebenfalls noch. In den Städten des kleinen Südens wie Puerto Montt sind deutsches Bier und deutsche Bratwurst gängige Lebensmittel, und wer einen Kuchen möchte, bestellt einfach mit dem deutschen Wort "Kuchen".

Politische Flüchtlinge kamen ins Exil

Die deutsche und chilenische Flagge, im Hintergrund Berge.

Schwarzwaldidylle im Club Andino Aleman in Valdez

Nach 1930 flohen deutsche Juden und Kommunisten vor dem Hitlerregime nach Chile. Sie wussten von der gut entwickelten Infrastruktur, die die deutschen Einwanderer dort aufgebaut hatten und versprachen sich fern der Heimat einen glücklichen Neuanfang. Nach 1945 folgten deutsche Nazis, was nicht verwundert: Schon während Hitlers nationalsozialistischer Herrschaft pflegten die beiden Länder offenbar sehr enge politische, wirtschaftliche und wissenschaftliche Verbindungen.

Deutschland wurde zu dieser Zeit zum wichtigsten Handelspartner Chiles, und 1931 wurde in Chile sogar eine NSDAP-AO (Auslandsorganisation) gegründet. Die Elite der chilenischen Ärzte bildete sich in Nazi-Deutschland weiter. Es gibt Berichte über deutsche Ärzte, die im Auftrag Hitlers in Zusammenarbeit mit chilenischen Wissenschaftlern an chilenischen Universitäten Rassenexperimente durchführten. Dieses dunkle Kapitel der Beziehungen zwischen den beiden Ländern ist noch immer nicht richtig erforscht und aufgearbeitet.

Pinochet und die Folgen

Am 11. September 1973 führte Augusto Pinochet einen brutalen Militärputsch an, bei dem der amtierende und demokratisch gewählte Präsident Chiles, Salvador Allende, getötet wurde. Nach dem Putsch begann unter Pinochet eine 17-jährige Diktatur. Durch Folter in Konzentrationslagern und Ermordungen wurden Zehntausende Chilenen getötet oder misshandelt. Bis heute gibt es Tausende spurlos Vermisste.

Dennoch wird die Zeit der Diktatur in Chile durchaus unterschiedlich beurteilt. Etwa 40 Prozent der Bevölkerung glauben, dass die Diktatur die einzige Möglichkeit war, einen drohenden Bürgerkrieg zu verhindern. Außerdem verurteilen viele Chilenen zwar die Menschenrechtsverletzungen des Diktators, aber sie schätzen Pinochets Wirtschaftspolitik. Pinochet starb 2006 in Santiago de Chile, bevor er verurteilt werden konnte.

Während seiner Diktatur flohen etwa 22.000 Chilenen ins Exil nach Deutschland. Viele hatten deutsche Wurzeln oder Kontakt zu sogenannten Deutsch-Chilenen und fühlten sich deshalb Deutschland enger verbunden als anderen Ländern.

Die Wirtschaftsbeziehungen laufen gut

Kupfermine Chuquicamata

Chuquicamata ist die größte offene Kupfermine der Welt

Chile ist reich an Bodenschätzen. Im vergangenen Jahrhundert war Salpeter aus der Atacama-Wüste noch der wichtigste Rohstoff. Benötigt wurde Salpeter vor allem zur Herstellung von künstlichem Dünger. Im Zeitalter der Elektronik sind Kupfer und Lithium zu den wertvollsten Rohstoffen geworden. Chile hat weltweit das größte Kupfervorkommen und große Lithium-Vorkommen. Beide Rohstoffe werden international stark nachgefragt. Denn die stetig wachsende Elektro- und Computertechnologie benötigt immer mehr Kupfer und Lithium für ihre Produkte.

Deutschland importiert beide Rohstoffe, aber auch Lebensmittel wie Wein, Lachs und Obst aus Chile. Umgekehrt werden Chemie, Autos und Hochtechnologie exportiert. Innerhalb der Europäischen Union ist Deutschland schon lange der wichtigste Handelspartner Chiles. Außerdem gilt Deutschland als Vorbild für Umweltschutz und erneuerbare Energien. Besonders im Bereich der Solar- und Windenergie gibt es eine wachsende Zusammenarbeit zwischen den beiden Ländern.

Autorin: Marika Liebsch

Stand: 01.02.2016, 09:52

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