Colonia Dignidad – Deutsche Siedlung in Chile

Die deutsch-chilenischen Beziehungen

Colonia Dignidad – Deutsche Siedlung in Chile

"Kolonie der Würde" nannte die Sekte des Deutschen Paul Schäfer ihre gut bewachte Siedlung, die sie 1961 gründete. Ein Name, der an Zynismus kaum zu übertreffen ist. Denn was über die Colonia Dignidad ans Licht kam, offenbarte, dass sie mit Würde nichts zu tun hatte.

Vom Jugendpfleger zum Siedlungschef

Paul Schäfer, ein ehemaliger evangelischer Jugendpfleger und Laienprediger, hatte in den 1950er Jahren in Deutschland eine ganz auf ihn ausgerichtete Gemeinschaft um sich geschart. Als man ihm Kindesmissbrauch vorwarf und er von Polizei und Staatsanwaltschaft gesucht wurde, tauchte er unter und wanderte 1961 nach Chile aus. Viele seiner Anhänger folgten ihm.

In Chile gründete er eine hermetisch abgeschlossene Siedlung und organisierte sie nach einem totalitären System. Er entführte deutsche Kinder und hielt enge Kontakte zu rechtsextremen chilenischen Gruppen. Schäfer unterstützte 1973 den Militärputsch, indem er Waffen aus Deutschland beschaffte. Außerdem ermöglichte er Pinochets Geheimdienst, auf dem Siedlungsgelände politische Kritiker zu foltern und zu ermorden.

Kindesmissbrauch in scheinbar heiler Welt

Blick auf das Haupttor der deutschen Sekte "Colonia Dignidad" und die Gebäude dahinter.

Das Haupttor zur Siedlung war stets bewacht

Das Gelände der Colonia Dignidad liegt 400 Kilometer südlich von Santiago und sah von außen aus wie ein landwirtschaftlicher Musterbetrieb mit volkstümlichem Charakter. Die Bewohner präsentierten sich zu offiziellen Anlässen gern brav traditionell im Dirndl oder in Kniebundhosen, akkurat frisiert und lächelnd.

Es gab ein Internat und ein modernes Krankenhaus, Schulbesuch und medizinische Behandlung waren für Chilenen kostenlos. Die Deutschen aus der Kolonie versorgten die Umgebung günstig mit Brot und Milchprodukten und waren schnell sehr angesehen. Ihre Siedlung wurde vom chilenischen Staat als gemeinnützig anerkannt.

Doch das Gelände war mit Stacheldraht eingezäunt, Besucher wurden strikt abgewiesen. Was tatsächlich hinter den Mauern passierte, wussten lange Zeit nur die Mittäter und die unfreiwillig Eingesperrten. Chilenen, die ihre Kinder ins Internat oder zur medizinischen Behandlung brachten, entdeckten schwere Misshandlungen, manche sahen ihre Kinder jahrelang nicht wieder.

Doch ihren Anklagen wurde kein Glauben geschenkt. Pinochets Diktatur profitierte zu sehr von Schäfers Sekte, die chilenischen Eltern konnten von der Regierung keine Hilfe erwarten. Paul Schäfer entführte im Laufe der Jahrzehnte Dutzende chilenische Kinder, meist Jungen, und missbrauchte sie.

Unrechtsregime und Menschenversuche

Ein Frau mit zwei Kindern in der Colonia Dignidad in Chile.

Die vermeintlich heile Welt auf offiziellen Fotos

Die Kinder der etwa 250 deutschen Sektenmitglieder durften nicht mit ihren Eltern in Familien zusammenleben. Erwachsene und Kinder, Männer und Frauen lebten in streng getrennten Gruppen. Die Kinder wussten oft nicht, wer ihre Eltern waren und dass sie Geschwister hatten. Jungen wurden von Paul Schäfer und anderen führenden Sektenmitgliedern regelmäßig gezüchtigt und sexuell missbraucht.

Im Krankenhaus wurden die Kinder mit Elektroschocks und psychischen Behandlungen gefügig gemacht. Das gestand die Leiterin der Klinik, Gisela Seewald, im Jahr 2005. Den Erwachsenen ging es nicht viel besser. Durch ein perfides System von körperlichem und seelischem Zwang, Erpressung und religiöser Gehirnwäsche behandelte sie der Siedlungschef wie Leibeigene und hielt sie gefangen. Eine Flucht war kaum möglich.

Gute Kontakte

Den wenigen, denen die Flucht gelang, wurde nicht geglaubt. Ehemalige Sektenmitglieder berichten, dass selbst die Deutsche Botschaft bis 1985 Flüchtlinge wieder zurück in die Kolonie schickte. Die Kolonie hatte sich zu einem großen Wirtschaftsunternehmen entwickelt, hatte eine eigene Flugzeuglandebahn, unterirdische Bunker und pflegte Kontakte zu deutschen Politikern und Diplomaten.

Bis in die 1990er Jahre hing ein handsigniertes Porträt des früheren bayerischen Ministerpräsidenten Franz Josef Strauß in dem zentralen Bau der Siedlung. Strauß hatte 1977 die Siedlung besucht und sich danach nie kritisch geäußert.

Auch andere Politiker besuchten die Kolonie und hatten Kontakt zu Paul Schäfer, der sich mit seiner Flucht nach Chile einer Verhaftung in Deutschland wegen Kindesmissbrauchs entzogen hatte. Genauso schlimm: Die chilenische Justiz und Politik reagierten nicht, obwohl die Eltern der verschwundenen chilenischen Kinder nicht aufhörten, Klage zu erheben.

Amnesty International und die UNO berichteten seit 1977 immer wieder über das deutsche Folterlager in Chile. Der deutsche Journalist Gero Gemballa recherchierte und informierte ausführlich über das Unrechtssystem Colonia Dignidad. Im Alter von 40 Jahren starb er plötzlich an Herzversagen, es gab Spekulationen über ein Giftattentat.

Die erste Verurteilung – nach 33 Jahren

Eltern demonstrieren mit Plakaten vor der Siedlung der Colonia Dignidad.

Immer wieder demonstrierten Eltern vor der Siedlung

Erst in den 1990er Jahren erließ die chilenische Justiz einen Haftbefehl. Zunächst nur gegen Paul Schäfer. Inzwischen hatten die missbrauchten chilenischen Kinder, die in der Kolonie zur Schule gingen oder im Krankenhaus behandelt wurden, ihre Missbrauchsvorwürfe ausführlich dokumentiert. Mehrfach durchsuchte die Polizei die Colonia Dignidad, doch stets war die Führungsriege um Paul Schäfer inklusive belastender Beweise ausgeflogen. Sie waren rechtzeitig gewarnt worden.

Paul Schäfer tauchte schließlich im Jahr 1997 unter. 2004 wurde er in Chile wegen Misshandlung und Missbrauchs von mindestens 27 Kindern und illegalen Waffenhandels in Abwesenheit zu 20 Jahren Haft verurteilt. Ein Jahr später wurde er in Argentinien festgenommen und wegen Steuerhinterziehung, Zollbetrugs, Entführung, Zwangsadoption und Verstößen gegen das Arbeitsgesetz zu weiteren 13 Jahren Haft verurteilt. Schäfer starb 2010 im Alter von 88 Jahren in einem Gefängnishospital in Santiago de Chile.

Die Ermittlungen gehen weiter

Fahndungsplakat der chilenischen Polizei mit vier Fotos von führenden Colonia Dignidad Mitgliedern.

Ab 2000 suchte die chilenische Polizei nach den Sektenführern

Die Ärztin des Colonia-Krankenhauses, Gisela Seewald, wurde 2005 nach ihrem Geständnis verhaftet. Weitere Sektenmitglieder wurden im Laufe der Jahre ebenfalls angeklagt. Doch zu Verurteilungen kam es lange Zeit auch deshalb nicht, weil sich viele Zeugen kurz vor ihren Aussagen aus unerklärlichen Gründen plötzlich zurückzogen. Im Januar 2011 wurden 26 ehemalige Mitglieder der Colonia Dignidad wegen mehrfachen Kindesmissbrauchs zu fünf Jahren Haft verurteilt.

Heute leben etwa 120 Menschen auf dem Gelände der ehemaligen Colonia Dignidad. Die Siedlung wurde inzwischen in Villa Baviera umbenannt. Sie wirbt mit einem Restaurant, in dem deutsche Spezialitäten serviert werden, und mit der Veranstaltung typisch deutscher Feste, zum Beispiel einem Oktoberfest.

Autorin: Marika Liebsch

Stand: 01.02.2016, 09:50

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