Stierkampf – Tragödie mit Tradition

Ein großer schwarzer Stier attackiert das rote Tuch eines jungen Matadors.

Madrid

Stierkampf – Tragödie mit Tradition

20 Minuten dauert eine Corrida, dann ist der Stier tot. Was in den 20 Minuten vor seinem Ende passiert, folgt einer genau festgelegten Choreographie, die seit Jahrhunderten gleich ist. Der Stier wird gereizt, mit flatternden Tüchern irritiert, mit Lanzen verletzt und erhält schließlich einen tödlichen Dolchstoß zwischen die Schulterblätter. Die Befürworter nennen das Tradition. Die Gegner Tierquälerei. Barcelona hat dem Stierkampf 2010 ein Ende verordnet. Aber in der Hauptstadt Madrid lebt die Tradition noch. Dort geht der Kampf weiter – in Spaniens größter Stierkampfarena.

Grüne Wiesen

Das Leben der Kampfstiere beginnt in einem Idyll. Sie wachsen dort auf, wo Spanien grün und menschenleer ist: in Andalusien oder der Extremadura, inmitten einer großen Herde.

Mit den Kühen, die anderswo in Europa aufgezogen werden, um Milch und Fleisch zu liefern, haben Spaniens Kampfstiere wenig gemeinsam. Sie gehören zu einer alten Rinderart, die nur hier erhalten geblieben ist.

Man kann ihnen noch ansehen, dass sie Nachfahren des Ur-Rindes sind, das in vielen Kulturen der Welt hoch verehrt wurde.

Die "Toros bravos" sind gewaltige Kraftpakete, zu wendig und zu gefährlich, um in einem Stall gehalten zu werden. Ausgewachsene Bullen wiegen bis zu 600 Kilo.

Damit sie sich nicht an Menschen gewöhnen, bekommen die Stiere fast nie welche zu sehen. Bis sie sechs Jahre alt sind. Dann werden sie an eine der großen Kampfarenen verkauft.

Die größte steht in Madrid: die "Plaza de Toros Monumental de Las Ventas". Im Mai und Juni finden dort fast täglich Stierkämpfe statt, bei denen etwa 23.000 Menschen die Ränge füllen.

Mensch gegen Tier

Die Corrida de Toros begann als Zeitvertreib für die Ritter. Damals saßen die Stierkämpfer noch auf Pferden. Erst nach und nach wurden sie zu Fußgängern.

Die Lanze eines Picadors nähert sich dem blutigen Nacken eines Stieres.

Die Picadores verletzen den Nacken des Stieres

1796 schrieb der Matador José Delgado die Regeln des spanischen Stierkampfes in der "Tauromaquia" auf. Seitdem hat sich am Ablauf kaum etwas geändert.

Jeder Stierkampf beginnt mit dem feierlichen Einzug der Toreros, so heißen alle, die sich während des Kampfes in der Arena befinden.

Dazu gehören zwei Reiter mit Stechlanzen (picadores), die Männer, die während des Kampfes bunte Spieße in den Stier treiben (banderillos) und der Matador, dessen Titel ins Deutsche übersetzt so viel bedeutet wie "Töter".

Der eigentliche Kampf besteht aus drei Teilen, jeder wird durch ein Hornsignal eingeleitet.

Im ersten Teil des Kampfes beobachten Publikum und Matador den Stier genau. Wie aggressiv ist er? Benutzt er das linke oder rechte Horn, um zuzustoßen?

Um den Stier zu reizen, verwendet der Matador jetzt noch nicht das berühmte rote Tuch, sondern ein weit größeres, das meist außen lila und innen golden gefärbt ist. Den Stieren ist die Farbe egal, sie sehen sehr schlecht.

Das flatternde Tuch ist ohnehin nicht der Grund für ihre Wut, sondern die Verletzungen, die ihm die beiden Reiter gleich zu Beginn des Kampfes zufügen. Die Picadores stechen dem Stier vom Pferd aus Lanzen in den Nacken.

Das Ziel ist es, die Muskulatur so zu verwunden, dass das Tier den Kopf nicht mehr heben kann. So wird der Todesstoß in den Nacken möglich, den der Matador im dritten Teil ausführen soll.

Im zweiten Teil des Kampfes erhält der Stier weitere Verletzungen durch die bunten Spieße, die ihm die Banderillos in den Nacken rammen. Die Spieße haben an den Enden etwa fünf Zentimeter lange Widerhaken, die sich im Stier verkrallen.

Ist der Stier nicht angriffslustig genug, werden schwarze geschmückte Spieße gesetzt, deren Widerhaken noch einige Zentimeter länger sind. Ist der Stier besonders angriffslustig oder sind die Toreros besonders geschickt, quittiert das Publikum die Aktionen mit lauten Olé-Rufen.

Der Matador steht dem erschöpften Stier mit gezogenem Degen gegenüber.

Kurz vor dem Todesstoß

Der dritte Teil des Stierkampfes ist der, dessen Bilder jeder vor Augen hat: Der Matador benutzt nun das kleinere rote Tuch, die Muleta, um den Stier zu reizen. In der anderen Hand hält er den Degen, mit dem er den Todesstoß anbringen wird. Wenn er die Angriffe des Stieres pariert, führt der Matador genau festgelegte Figuren aus. Die Anhänger des Stierkampfes vergleichen diese Phase mit einem Tanz. Deshalb wird in der Arena nun auch Musik eingespielt, der Paso Doble.

Der Stier ist zu diesem Zeitpunkt bereits schwer verletzt. Wenn das Tier so erschöpft ist, dass es sich kaum noch bewegt, provoziert der Matador einen letzten Angriff und sticht ihm seinen Degen tief in den Nacken. Dabei wird nicht das Herz, sondern die Halsschlagader verletzt.

Für den Matador ist der Kampf damit gewonnen. Der Stier ist aber selten sofort tot. Meist muss noch ein Helfer hinzuspringen und ihm einen Dolchstoß ins Genick versetzen.

Gewinner und Verlierer

Nach dem Tod des Tieres entscheidet das Publikum, wie gut die Leistung des Matadors war. Wenn die Menschen jubeln und ihre Taschentücher schwenken oder mit Zigarren werfen, hat sich der Matador eine Ehrenrunde verdient und erhält als Trophäe ein oder zwei Ohren des getöteten Stieres.

Ein toter Bulle wird aus der Arena geschleift.

Übliches Ende eines Kampfstiers

War die Vorstellung plump, muss der Matador damit rechnen, ausgebuht und mit den gemieteten Sitzkissen beworfen zu werden.

Nur sehr selten verlässt ein Stier die Kampfarena lebendig. Möglich ist das nur, wenn sich das Tier gleich zu Beginn so kampfesunlustig zeigt, dass es vom Publikum ausgebuht wird und schließlich ausgetauscht werden muss. Dann allerdings ist die nächste Station der Schlachthof.

Mit dem Leben kommt nur ein Stier davon, der so mutig und aggressiv ist und das Publikum so gut unterhält, dass er begnadigt wird. In diesen seltenen Fällen kehren die Tiere zurück auf ihre weiten Weiden und werden zur Zucht eingesetzt.

Da der Matador viele Helfer hat, ist eine Corrida ein ungleicher Kampf. Sehr selten wird ein Torero dabei ernsthaft verletzt. Für diesen Fall hat heute jede größere Arena eine eigene Unfallstation vor Ort.

2010 kam es in Spanien gleich zweimal zu schweren Unfällen. Im April durchbohrte ein Stier dem Matador Julio Aparicio so den Unterkiefer, dass das Horn aus dem Mund wieder austrat. Das schauerliche Foto davon ging um die Welt und entfachte eine große Diskussion über die Gefahren des Stierkampfes.

Der große schwarze Stier setzt zum Sprung über die Balustrade an, die das Publikum vom Ring trennt. Die Menschen fliehen.

Rollentausch in der Arena

Der Matador stand jedoch bereits nach sechs Monaten wieder in der Arena.

Im August 2010 gelang es dem Stier "Quesero" in Tafalla, die Balustrade zu überspringen, die das Publikum von der Arena trennt. Seine Hufe und Hörner verletzten 40 Menschen, bevor Quesero eingefangen und getötet wurde.

Das Echo auf den Unfall war auch in Spanien gemischt. Zu der Sorge um die Verletzten gesellte sich eine gewisse Genugtuung darüber, dass es einem Stier gelungen war, aus der Opferrolle auszubrechen.

Zukunft des Stierkampfs

Sollte man den Stierkampf verbieten? Seine Befürworter, die Aficionados, protestieren vehement dagegen. Sie verweisen neben der reichen kulturellen Tradition des Spektakels auch auf die negativen wirtschaftlichen Folgen, die ein Verbot des Stierkampfes nach sich ziehen würde.

Volle Ränge in der gewaltigen Arena "Las Ventas" in Madrid.

Las Ventas in Madrid

Etwa 40.000 Arbeitsplätze hängen in Spanien von den Stieren ab, die Branche macht Millionengewinne.

Würde der Stierkampf verboten, müssten 1200 Zuchtbetriebe schließen, rechnen die Aficionados vor. Die Tiere sind zu gefährlich, um sie für die Fleischproduktion zu züchten, das wäre außerdem ineffektiv und teuer.

Ihre Weiden müssten als Bauland verkauft werden, damit würden nicht nur die Stiere verschwinden, sondern auch andere Arten in diesem fast naturbelassenen Lebensraum.

Die Menschen, die ein Verbot des Stierkampfes fordern, würden folglich ein Artensterben heraufbeschwören, argumentieren die Befürworter der Corrida.

Die Gegner des Stierkampfes halten dagegen, der Stierkampf sei eine völlig unnötige grausame Tierquälerei und seine Inszenierung vor großem Publikum ethisch verwerflich.

2010 fanden in Spanien große Demonstrationen statt, die den Stierkampf als "Foltershow" anprangerten.

Katalonien, die wirtschaftlich stärkste Region Spaniens, und seine Hauptstadt Barcelona entschieden sich schließlich im Juli 2010, dem Stierkampf zum 1. Januar 2012 ein Ende zu machen. Ein Erfolg der Tierschützer, aber auch ein Mittel für Barcelona, um Stärke und Unabhängigkeit von der Landeshauptstadt Madrid zu demonstrieren, meinen politische Beobachter.

Fakt ist: In Katalonien war der Stierkampf noch nie besonders populär. Schon in den vergangenen Jahren fanden dort nur noch in einer einzigen Arena Corridas statt.

Im Rest Spaniens ist das jedoch anders. Dort sind die Menschen weiterhin fasziniert von dem Todeskampf der Stiere, und die großen Arenen sind meistens ausverkauft.

Aber die Anhänger des Stierkampfes sind verunsichert. Aus Angst, dass der Stierkampf im ganzen Land verboten werden könnte, versuchten politische Gruppen 2010 in Madrid, den Stierkampf als Kulturgut anerkennen zu lassen. Denn ein Kulturgut kann man nicht verbieten.

Der Antrag wurde zunächst jedoch abgewiesen. 2013 stellte die konservative Regierung in Spanien den Stierkampf als immaterielles Kulturgut trotzdem unter gesetzlichen Schutz.

Mit dem Linksrutsch nach den Wahlen 2015 sehen Traditionalisten dieses Gesetz allerdings wieder in Gefahr. Ein schnelles Ende des Stierkampfes ist dennoch nicht in Sicht. Der Kampf geht also weiter – bei den Befürwortern in der Arena und bei den Gegnern davor.

Autorin: Christine Buth

Stand: 31.03.2017, 16:00

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