Jugoslawien-Kriege

Südosteuropa

Jugoslawien-Kriege

Jahrzehntelang lebten die verschiedenen Volksgruppen in Jugoslawien friedlich miteinander. Doch das änderte sich mit dem Zusammenbruch des Sozialismus Ende der 1980er Jahre. Nationalistische Strömungen wurden stärker, aus Nachbarn wurden Feinde, bis schließlich mehrere Kriege dazu führten, dass das frühere Jugoslawien in seine Einzelteile zerfiel. Auch die internationale Gemeinschaft wurde in die Konflikte hineingezogen; Deutschland entschloss sich sogar zu seinem ersten Kriegseinsatz seit 1945.

Freie Wahlen und der Drang nach Unabhängigkeit

Zerstörtes kroatisches Dorf Rupla.

Zerstörtes kroatisches Dorf Rupla.

Mit dem Ende des Kalten Krieges beginnen in Jugoslawien neue Konflikte. Die politischen und gesellschaftlichen Umwälzungen in Osteuropa erfassen 1989 auch den sozialistischen Vielvölkerstaat. Dieser besteht zu diesem Zeitpunkt aus den Teilrepubliken Slowenien, Kroatien, Serbien, Montenegro, Mazedonien und Bosnien-Herzegowina sowie aus dem Kosovo und der Vojvodina, zwei autonomen Provinzen innerhalb Serbiens.

Nationalistische Tendenzen breiten sich in allen Landesteilen aus, besonders die Vorbehalte gegenüber der scheinbaren oder tatsächlichen serbischen Dominanz wachsen bei den anderen Volksgruppen. 1990 finden die ersten freien Wahlen in Slowenien und Kroatien statt. Die Wahlsieger verhandeln mit der Staatsspitze in Belgrad über eine Neugestaltung Jugoslawiens mit größeren Freiheiten der einzelnen Staaten. Als die Verhandlungen scheitern, erklärt Slowenien am 25. Juni 1991 seine Unabhängigkeit.

Slowenien: Der 10-Tage-Krieg

Nach der Unabhängigkeitserklärung gibt die jugoslawische Staatsspitze der jugoslawischen Volksarmee (JNA) den Befehl zum Einmarsch in Slowenien. Doch bei den Gefechten mit slowenischen Truppen und Polizeiverbänden ergeben sich viele kroatische und bosnische JNA-Soldaten, die mit der Unabhängigkeitsbewegung sympathisieren, kampflos. Nach Vermittlungen der Europäischen Gemeinschaft wird ein Waffenstillstand ausgehandelt.

Porträt von Slobodan Milošević.

Gab den Angriffsbefehl: Jugoslawiens Präsident Milošević

Der Slowenienkrieg endet nach zehn Tagen mit einem Kompromiss, der Brioni-Erklärung: Slowenien und Kroatien garantieren, ihre Unabhängigkeitsbemühungen drei Monate lang einzustellen, dafür verpflichten sich die JNA-Truppen zum Rückzug. Dass dieser Krieg so schnell und relativ unblutig zu Ende geht (Schätzungen gehen von wenigen Hundert Toten aus), hängt auch damit zusammen, dass Sloweniens Bevölkerungsstruktur vergleichsweise homogen ist - lediglich zwei Prozent der Einwohner sind Serben.

Kämpfe in Kroatien und Bosnien-Herzegowina

In Kroatien dagegen sind 1991 zwölf Prozent der Einwohner Serben, in Bosnien-Herzegowina sogar 32 Prozent. Als 1990 die neue kroatische Verfassung verabschiedet wird, in der die Serben ihren Status als zweites Staatsvolk verlieren, ist das ein Affront. Die Serben in Kroatien und Bosnien-Herzegowina drohen mit der Bildung eines autonomen Staates, sollte die geplante Unabhängigkeit in die Tat umgesetzt werden. Propaganda aus Belgrad trägt dazu bei, die Lage zu verschärfen.

ls sich Kroatien (am 25. Juni 1991) und Bosnien-Herzegowina (am 15. Oktober 1991) endgültig von Jugoslawien lossagen, wird der schon vorher schwelende Konflikt zu einem Flächenbrand. JNA-Verbände und serbische Freischärler besetzen ein Drittel Kroatiens, über 10.000 Menschen sterben, Hunderttausende flüchten oder werden vertrieben. Doch die Kroaten erobern bis Jahresende große Teile des Landes zurück.

Der Krieg verlagert sich immer mehr ins benachbarte Bosnien-Herzegowina. Die dort lebenden Serben wollen - genau wie die in Kroatien - die von ihnen besiedelten Gebiete an Rest-Jugoslawien anschließen. Doch die bosnischen und kroatischen Truppen leisten Widerstand. Es kommt auf allen Seiten zu "ethnischen Säuberungen" - die Bewohner der eroberten Gebiete werden ermordet oder vertrieben, feindliche Soldaten und Zivilisten werden in Lager gebracht. Im weiteren Verlauf kommt es auch zu Kämpfen zwischen Kroaten und Bosniern, weil kroatische Separatisten Anspruch auf bosnische Gebiete erheben.

Die internationale Gemeinschaft greift ein

Im Juni 1992 wird eine Schutztruppe der Vereinten Nationen (UN) nach Kroatien und Bosnien-Herzegowina geschickt. Sie soll in den serbisch kontrollierten Gebieten für Waffenruhe sorgen, ab 1993 hat sie zudem in extra eingerichteten Schutzzonen die Aufgabe, die Zivilbevölkerung zu schützen und zu versorgen. Da die UN-Verbände zur Neutralität verpflichtet sind und kein Mandat zum Kämpfen haben, gehen die Kämpfe jedoch an vielen Orten weiter.

1995 startet die kroatische Armee eine Großoffensive, erobert sämtliche serbischen Gebiete in Kroatien zurück und nimmt West-Bosnien ein. Hunderttausende Serben fliehen vor den anrückenden Truppen, es kommt zu Vergeltungsaktionen und Grausamkeiten. Als die NATO (North Atlantic Treaty Organization) immer massiver Luftangriffe gegen serbische Stellungen fliegt, erklärt sich die serbische Führung zu Friedensverhandlungen bereit. Das Abkommen von Dayton beendet im Dezember 1995 offiziell die Kriege in Kroatien und Bosnien-Herzegowina.

Französische UN-Truppen in Panzern im kroatischen Rijeka.

UN-Truppen sollten Zivilisten schützen

Schon 1993 wird in Den Haag der Internationale Strafgerichtshof für das ehemalige Jugoslawien errichtet, der Völkermorde und Kriegsverbrechen untersuchen und bestrafen soll. Dort werden unter anderem Prozesse gegen den früheren jugoslawischen Präsidenten Slobodan Milošević und gegen Radovan Karadžić geführt, den Anführer der bosnischen Serben. Auch Akteure der anderen Konfliktparteien, wie der kroatische General Ante Gotovina oder der bosnische Kommandant Rasim Delić, werden vor Gericht gestellt.

Kosovo: das nächste Pulverfass

Doch die Region kommt nicht zur Ruhe. In der serbischen Provinz Kosovo, die zu über 80 Prozent von Albanern bewohnt wird, werden ab Mitte der 1990er Jahre ebenfalls Rufe nach Unabhängigkeit laut. Anfangs wird gewaltfrei protestiert, doch ab 1996 radikalisieren sich immer mehr Kosovaren, es kommt zu terroristischen Aktivitäten. Die "Befreiungsarmee für Kosovo" (UÇK) bringt im Frühsommer 1998 ein Drittel der Provinz unter ihre Kontrolle. Darauf marschiert die serbische Armee ein, es kommt zu groß angelegten Vertreibungen der kosovarischen Bevölkerung, mehrere Hunderttausend sind auf der Flucht.

Als die Kosovo-Konferenz in Rambouillet scheitert, startet die NATO am 24. März 1999 Luftangriffe gegen serbische Militäreinrichtungen und die Infrastruktur des Landes. Auch deutsche Flugzeuge beteiligen sich - der erste Kriegseinsatz der Bundeswehr überhaupt. Anfang Juni 1999 akzeptiert Serbien den Friedensplan und zieht seine Truppen aus dem Kosovo zurück. Die Region wird unter UN-Verwaltung gestellt.

Ab Januar 2001 sind albanische Freischärler, die sich an die UÇK anlehnen, auch in Mazedonien aktiv. Dieses hatte 1991 seine Unabhängigkeit erklärt und es als einzige Teilrepublik geschafft, sich friedlich von Jugoslawien zu lösen. Die Freischärler kämpfen für mehr Rechte für die albanische Minderheit in Mazedonien. Auf Initiative von NATO und Europäischer Union wird der Konflikt im Sommer 2001 beigelegt, Mazedonien räumt der albanischen Minderheit größere kulturelle und politische Freiheiten ein.

Zwei Bundeswehrsoldaten Rücken an Rücken auf ihrem Aussichtsposten hoch über der Stadt Prizren im Kosovo.

UN-Einsatz im Kosovo: Auch die Bundeswehr war beteiligt

Am 3. Juni 2006 löst sich Montenegro friedlich von Serbien und wird zu einer souveränen Republik. Auch der Kosovo erklärt 2008 seine Unabhängigkeit. Diese wird aber nicht von allen UN-Staaten anerkannt, der völkerrechtliche Status des Landes bleibt umstritten.

Die Schuldfrage

Mahnmal für die Opfer des Massakers von Srebrenica.

Schuld, Wut und Trauer müssen aufgearbeitet werden

In der öffentlichen Wahrnehmung im Westen wird oft den Serben die Alleinschuld an den Jugoslawien-Kriegen zugeschrieben. Diese Sichtweise erscheint allerdings verkürzt. Der Grund für die Konflikte ist im wachsenden Nationalismus der einzelnen Volksgruppen zu sehen, der in Jugoslawien bis Ende der 1980er Jahre unterdrückt wurde und sich danach Bahn brach. Die Staatskonstruktion Jugoslawiens sowie die Dominanz der Serben innerhalb des Vielvölkerstaates wurden zunehmend als beengend und aufgezwungen empfunden. Auch kulturelle und religiöse Unterschiede zwischen Christen, Orthodoxen und Muslimen spielten eine Rolle.

Autor/in: Ingo Neumayer

Stand: 03.02.2015, 12:00

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