Das Massaker von Srebrenica

Jugoslawien-Kriege

Das Massaker von Srebrenica

Im Bosnienkrieg erlangt die Stadt Srebrenica traurige Berühmtheit. Das Massaker, das dort 1995 von Serben an bosnischen Muslimen verübt wird, gilt als das schlimmste in Europa seit dem Zweiten Weltkrieg. Circa 7000 Menschen sterben. Angehörige und Überlebende sind bis heute traumatisiert.

Stadt der Flüchtlinge

Bosniakin trauert am Srebrenica-Mahnmal um Angehörige.

Srebrenica: Trauer am Ort des Schreckens

Srebrenica liegt im Osten Bosniens nahe der Grenze zu Serbien. Schon zu Beginn des Bosnienkrieges kommt es dort zu Kämpfen. Serbische Truppen besetzen die Stadt, die zu 75 Prozent von bosnischen Muslimen (Bosniaken) bewohnt wird, im Frühjahr 1992. Wenige Wochen später erobern bosniakische Verbände Srebrenica zurück. Die serbischen Truppen ziehen sich ins Umland zurück. Der Belagerungsring schließt sich enger, Tausende Bosniaken flüchten aus den umliegenden Dörfern nach Srebrenica. Die Situation dort wird immer dramatischer, Strom und Trinkwasser sind knapp, aus ehemals 6000 Einwohnern sind 60.000 geworden. Bosniakische Truppen aus Srebrenica rücken ihrerseits immer wieder in die Umgebung aus und richten Massaker unter serbischen Zivilisten an.

Im April 1993 schreiten die Vereinten Nationen (UN) in Bosnien ein. Sechs belagerte Städte, darunter Srebrenica, werden zu "Schutzzonen" erklärt, in ihnen werden UN-Friedenstruppen stationiert. Allerdings sind diese nur unzureichend ausgerüstet. Ihre Waffen dürfen sie nur zur Selbstverteidigung einsetzen, nicht zum Schutz der ihnen anvertrauten Bevölkerung. Die Blauhelme helfen bei der Evakuierung von bosniakischen Dörfern, die von serbischen Verbänden bedroht werden. Manche Beobachter sehen das als Mithilfe zur "ethnischen Säuberung", für sie stellen die UN-Truppen Erfüllungsgehilfen der serbischen Gebietsansprüche dar. Der damalige UN-Generalsekretär Boutros Boutros-Ghali fordert 1994 die Entsendung von weiteren 34.000 Soldaten, doch der UN-Sicherheitsrat bewilligt lediglich 7600 Mann.

Juli 1995: Massenmorde unter muslimischen Männern

Nach Monaten relativer Ruhe verschärft sich die Lage in Srebrenica im Frühjahr 1995. Immer öfter werden Hilfskonvois auf dem Weg nach Srebrenica von serbischer Seite aufgehalten, auch den dort stationierten 600 UN-Soldaten geht der Nachschub aus. Bei heißem Sommerwetter sterben die ersten Menschen in der eingekesselten Stadt an Hunger und Entkräftung. Anfang Juli bewegen sich Truppen des serbischen Generals Ratko Mladic auf die Schutzzone Srebrenica zu. Der Widerstand ist gering, also erteilt Radovan Karadžić, der Führer der bosnischen Serben, die Erlaubnis, die Stadt einzunehmen.

Serbenführer Radovan Karadzic und General Ratko Mladic.

Verantwortlich für das Massaker: Karadzic (l.) und Mladic

Die bosniakischen Einwohner treten die Flucht an, doch die serbischen Truppen können den Großteil der Flüchtlingstrupps stellen. Sie trennen Männer im "waffenfähigen Alter" zwischen 16 und 65 Jahren von ihren Verwandten und schaffen sie weg. Die Männer werden systematisch zusammengetrieben, ermordet, in Massengräbern verscharrt, später sogar umgebettet: Die Spuren des Massakers sollen verwischt werden. Es ist der größte Völkermord in Europa seit dem Zweiten Weltkrieg. Etwa 7000 Menschen werden getötet, viele von ihnen sind bis heute nicht identifiziert.

Die Rolle der niederländischen Blauhelmsoldaten

Kronprinz Willem Alexander der Niederlande im Gespräch mit niederländischen Blauhelmsoldaten.

Niederländische Blauhelme: kritisiert wegen Passivität

Das Ganze geschieht unter den Augen des niederländischen "Dutchbat"-Bataillons, das im Auftrag der UNO vor Ort ist. Nach dem Angriff der Serben flüchten circa 25.000 Menschen zum holländischen Stützpunkt in Potocari, einem Dorf in der Nähe. Nachdem 6000 Menschen dort Zuflucht finden, verweigern die Blauhelmsoldaten den weiteren Flüchtlingen den Zugang zum Stützpunkt. Serbengeneral Mladic lässt Busse und Lastwagen vorfahren, in denen er Frauen, Kinder und Alte abtransportieren und in bosniakisch kontrolliertes Gebiet bringen lässt. Die Männer führt er unter den Augen der UN-Soldaten ab. Angeblich, um zu überprüfen, ob sich unter ihnen Kriegsverbrecher befinden, doch in Wahrheit werden sie ermordet. Die Blauhelme leisten keinen Widerstand und sehen tatenlos zu.

Das Nachspiel: Prozesse, Rücktritte, Rechtfertigungen

Die schrecklichen Geschehnisse in Srebrenica bleiben nicht lange geheim. Überlebende schildern die Ereignisse, Satellitenaufnahmen zeigen die Massengräber. Im November 1995 werden Karadzic und Mladic vor dem Den Haager Kriegsverbrechertribunal wegen Völkermordes angeklagt. Karadžić wird 2008 verhaftet, sein Prozess war Anfang 2014 noch nicht abgeschlossen. Mladic wurde am 26. Mai 2011 in der Nähe von Belgrad gefasst. Seit Juli 2011 wird ihm der Prozess vor dem Internationalen Strafgerichtshof in Den Haag gemacht. In der Wahrnehmung der Öffentlichkeit wird Srebrenica schnell zum Symbol des Schreckens. So zieht Bundesaußenminister Joschka Fischer 1999 Parallelen zwischen Srebrenica und Auschwitz zur Begründung für den Bundeswehreinsatz im Kosovo heran.

Auch die passive Rolle des "Dutchbat"-Bataillons liefert im Anschluss Anlass zur Kritik. So wird dem holländischen Kommandanten Thom Karremans vorgeworfen, er habe die Lage verharmlost und zu spät um militärische Unterstützung gebeten. Außerdem erregen Bilder und Videos Unmut, die feiernde Blauhelmsoldaten nach dem Abzug aus Srebrenica sowie Karremans bei einem Trinkspruch mit General Mladic zeigen. Nach einem Bericht des niederländischen Instituts für Kriegsdokumentation, der die Fehler des UN-Einsatzes dokumentiert, tritt 2002 die gesamte niederländische Regierung zurück.

Joschka Fischer, nachdem er beim Grünen-Parteitag 1999 wegen seines Eintretens für den Kosovo-Krieg mit Farbbeuteln beworfen wurde.

Als Kriegstreiber beschimpft: Außenminister Fischer

Srebrenica selbst ist mehr als 15 Jahre nach dem Massaker ein trostloser Ort. 15.000 Menschen leben dort, der Großteil davon serbische Flüchtlinge. Die meisten der ursprünglichen Einwohner haben sich dagegen entschieden, an den Ort des Grauens zurückzukehren. Lediglich ein paar Hundert Muslime leben noch in der Stadt, die von Misstrauen und Ablehnung geprägt ist.

Autor/in: Ingo Neumayer

Stand: 03.02.2015, 12:00

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