Multikulti – Rumäniens Völkervielfalt

Auf einer Straßenparade hält ein Reiter eine große ungarische Flagge.

Rumänien

Multikulti – Rumäniens Völkervielfalt

Etwa jeder zehnte Rumäne gehört einer Minderheit an. 19 verschiedene Völker leben in einem Land mit nur rund 20 Millionen Einwohnern. Völker mit eigenen Traditionen, rund zehn verschiedenen Muttersprachen, 16 anerkannten Religionsgemeinschaften - kann das gutgehen? In Rumänien klappt es - meistens jedenfalls.

Darum geht's:

  • 18 Ethnien sind in Rumänien als Minderheiten offiziell anerkannt.
  • Mit dem Ende der Ära Ceauşescu endete die systematische Unterdrückung.
  • Die ungarische Minderheit kämpft für eine autonome Region.
  • Die deutsche Kultur ist in Rumänien noch immer lebendig.
  • Roma werden in vielen Lebensbereichen diskriminiert.

Gesetze sichern Minderheitenrechte

Rumäniens wechselvolle Geschichte hat dem Land eine bunte Vielfalt an Volksgruppen beschert. Manche Völker, wie die deutschen Minderheiten und die Ungarn in Siebenbürgen, leben schon seit über 800 Jahren in den Gebieten, die heute zu Rumänien gehören. Andere, wie beispielsweise die Ukrainer im Donaudelta und der Dobrudscha, fanden dort erst vor rund 200 Jahren eine neue Heimat.

18 Ethnien sind in Rumänien heute als Minderheiten staatlich anerkannt. Sie sind mit je einem eigenen Abgeordneten im Parlament vertreten – mit vollem Stimmrecht. Verschiedene Gesetze stellen außerdem sicher, dass alle Minderheiten ihre eigene Sprache, Kultur und Religion bewahren können.

In der regionalen Verwaltung ist die nicht-rumänische Muttersprache erlaubt, wenn der Anteil der Minderheit an der Bevölkerung mindestens 20 Prozent beträgt. Auch das Recht auf Unterricht in der jeweiligen Muttersprache ist seit 1999 gesetzlich verankert. Dies ist besonders für die kleineren Minderheiten wichtig, während Unterricht auf Deutsch und Ungarisch in Rumänien schon lange üblich ist.

Die deutsche Minderheit verfügt beispielsweise auch über eigene Zeitungen, es gibt deutschsprachige Kindergärten und Schulen. An mehreren Universitäten werden deutsch- und ungarischsprachige  Studiengänge angeboten.  

Zwischen Unterdrückung und Schutz

Auch wenn Rumänien heute oft als Beispiel für Toleranz gegenüber Minderheiten genannt wird, sah die Situation in der Vergangenheit anders aus. Immer wieder gab es Versuche, die Minderheiten zu assimilieren, beispielsweise über die Einschränkung des Gebrauchs der jeweiligen Muttersprachen, über höhere Steuern, Umsiedlungen und mehr.

Ein Portrait des ehemaligen rumänischen Staats- und Parteichefs Nicolae Ceaușescu

Nicolae Ceaușescu während eines Besuchs in Bonn 1984

Erst mit dem Ende der Ära Ceauşescu endete die systematische Unterdrückung.  Wesentliche Verbesserungen, die heute europaweit teils als vorbildlich gelten, führte die rumänische Regierung vor dem Beitritt zur Europäischen Union ein. Voraussetzung für den Beitritt war die Erfüllung der sogenannten "Kopenhagener Kriterien", die auch den Schutz von Minderheiten regeln.

Als anerkannte Minderheiten sind heute im rumänischen Parlament vertreten:  Ungarn, Roma, Deutsche, Armenier, Italiener, Bulgaren, Griechen, jüdische Gemeinschaften, lipowenische Russen, Kroaten, Albaner, Tataren, Ukrainer, slawische Makedonier, Serben, Ruthenen, Türken, Slowaken und Tschechen, Polen.

Wunsch nach Autonomie: Ungarn

Mit rund 6,5 Prozent Anteil an der rumänischen Bevölkerung sind die Magyaren (Ungarn, Szekler, Csángó) eine der größten Minderheiten des Landes. Die Bewohner Siebenbürgens gehörten nach ihrer Ansiedlung fast ein Jahrtausend zum Königreich Ungarn, bis die Region nach dem Ersten Weltkrieg durch die Pariser Vorortverträge zu Rumänien kam.

Eine Gruppe Frauen laufen feierlich in ungarischer Tracht auf der Straße.

Ungarische Traditionen: Frauen in Tracht am Ostersonntag

Für eine kurze Zeit nach dem Zweiten Weltkrieg hatten die Ungarn sogar eine autonome Region. Diese wurde jedoch schrittweise ganz wieder abgeschafft, und unter Staatspräsident Ceauşescu wurden die Ungarn ebenso wie die anderen Minderheiten stark unterdrückt. Durch die gezielte Ansiedlung ethnischer Rumänen wurde der ungarische Schulunterricht zurückgedrängt, wichtige Posten in Verwaltung und Wirtschaft gezielt mit Rumänen besetzt.

Heute sorgt der Wunsch der ungarischen Minderheit nach einer autonomen Region im Szeklerland in Nordostsiebenbürgen immer wieder für Spannungen. Die Mehrheit der Rumänen lehnt eine solche Region ab. 1990 kam es gar zu schweren Auseinandersetzungen, bei denen es Tote gab.

Und während die rumänische Regierung gern vor Gefahren durch die ungarische Minderheit warnt, protestieren die Bewohner des Szeklerlands gegen die für sie ungerechte Steuerverteilung, gegen geplante Regionalreformen und mehr. Doch trotz der Misstöne bleibt bei diesen Konflikten inzwischen die Gewalt aus.

Go West – die Rumäniendeutschen

Auch viele deutsche Minderheiten leben schon seit Jahrhunderten auf dem Gebiet des heutigen Rumäniens. Wie die Ungarn kamen die meisten ihrer Siedlungsgebiete nach dem Ersten Weltkrieg zu Rumänien.

Die größten Gruppen sind die Siebenbürger Sachsen, die sich bereits im 12. Jahrhundert nach einem Aufruf des ungarischen Königs Geysa II. ansiedelten, und die Banater Schwaben, die im 18. Jahrhundert als Kolonisten kamen. Weitere Gruppen sind die Sathmarer Schwaben, Buchenlanddeutsche, Bessarabiendeutsche, Dobrudschadeutsche, Durlacher, Deutschböhmen, Landler, Steyrer, Zipser und Temeswarer.

Vor dem Zweiten Weltkrieg lebten rund 800.000 Deutschstämmige in Rumänien. Dann jedoch folgten Zwangsumsiedlungen ins Deutsche Reich, viele Rumäniendeutsche wurden in die Sowjetunion deportiert. Nach dem Einmarsch der sowjetischen Armee gingen Tausende auf die Flucht. Auch in der Zeit nach dem Zweiten Weltkrieg verließen immer mehr Angehörige der deutschen Minderheit Rumänien.

Im Rahmen der sogenannten "Familienzusammenführung" wurden mehrere Zehntausend Menschen von der Bundesrepublik "freigekauft". Nach dem Sturz Ceauşescus verließen weitere 200.000 Menschen ihre Heimat. Die Ausreisewelle ist inzwischen fast zum Stillstand gekommen. Heute beträgt die Zahl der deutschstämmigen Rumänen gerade noch 37.000. Viele Orte, die überwiegend von Deutschen bewohnt waren, stehen leer und verfallen.

Der Oberbürgermeister von Sibiu/Hermannstadt Klaus Johannis steht lächelnd auf einem Platz.

Oberbürgermeister von Sibiu/Hermannstadt Klaus Johannis

Dennoch ist die deutsche Kultur in Rumänien nach wie vor lebendig: mit eigenen Medien, Schulen, Studiengängen an Universitäten und mehr. Für eine Überraschung sorgte 2014 die Wahl von Klaus Iohannis zum Staatspräsidenten, denn Klaus Iohannis, der ehemalige Bürgermeister von Sibiu (Hermannstadt), ist Siebenbürger Sachse.

Armut und Diskriminierung: die Roma

Wie viele Roma in Rumänien leben – niemand weiß es. Die Schätzungen gehen weit auseinander: Von rund einer Million bis zu 2,5 Millionen reichen die Angaben. Sicher ist nur, dass die Roma mit Abstand Rumäniens ärmste Bevölkerungsgruppe sind. Sie haben die höchste Arbeitslosenquote, die schlechteste Schulbildung, die schlechteste medizinische Versorgung und leben in teils katastrophalen Verhältnissen.

Eine Sinti-Familie sammelt Altmetall auf einer Müllkippe.

Eine Sinti-Familie in Siebenbürgen sammelt Altmetall

Die Roma kamen bereits im Spätmittelalter in die Region und waren früher begehrte Arbeitskräfte. Allerdings hatten sie in den rumänischen Fürstentümern den Status von Sklaven. Bis ins 19. Jahrhundert wurde ganze Familien durch die Sklaverei auseinandergerissen; viele versuchten zu entkommen und flüchteten in benachbarte Länder.

Zur massenweisen Ermordung der Roma kam es dann während der NS-Zeit. Wie im gesamten deutschen Reichsgebiet wurden auch in Rumänien wurden Zehntausende verschleppt und hingerichtet.

Nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs wurden die Roma in Rumänien wieder zwangsweise zur Arbeit eingesetzt – dieses Mal wurden sie zum Aufbau der Industrie und in der Landwirtschaft gebraucht. Als die einfachen Jobs nach und nach wegfielen, waren es die Roma, die als Erste arbeitslos wurden.

Die Situation der Roma hat sich bis heute nicht gebessert. Nach wie vor sind sie starker Diskriminierung ausgesetzt. Dazu gehören Zwangsräumungen ihrer Siedlungen, schlechte Bildungschancen und kaum Chancen auf dem Arbeitsmarkt. In manchen Stellenanzeigen wurden Bewerbungen von Roma sogar explizit ausgeschlossen, berichtete der Europarat 2006. Eine Lösung des Problems oder auch nur eine Verbesserung der sozialen Situation der Roma ist in Rumänien nicht in Sicht.

Autorin: Martina Frietsch

Stand: 10.08.2017, 11:00

Darstellung: