Geschichte des jüdischen Volkes

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Geschichte des jüdischen Volkes

Eine Frage wird häufig gestellt: Sind die Juden überhaupt ein Volk? In der Regel werden zur Beantwortung die heute üblichen Definitionen für diesen Begriff herangezogen. Dabei ist das jüdische Volk, das sich seit dem Exodus "Am Israel" - das Volk Israels - nennt, viel älter als diese Definitionen. Das Volk interessiert es nicht, ob es modernen Merkmalen entspricht. Eher sollen die Definitionen dem jüdischen Volk angepasst werden.

Einigung und Spaltung

Ein Mann mit Kippa und Brille schreibt mit einer Feder auf Papier.

Die Juden blicken auf eine bewegte Geschichte zurück

Nach der Eroberung Kanaans im 13. Jahrhundert vor Christus errichteten die Hebräer ein eigenes Königreich. So wird es in der Thora erzählt, die aus den fünf Büchern Mose besteht. Archäologen und Historiker gehen mittlerweile davon aus, dass das Volk Israel sich in Kanaan aus vielen kleinen Völkern entwickelt hat.

Mit dem Untergang des ägyptischen Reiches gab es keine zentrale Macht mehr. Erst die Könige, die sich durch den Glauben an einen einzigen Gott auszeichneten, erlangten größere Macht und bauten ihren Einflussbereich aus. Dennoch wurde das Reich durch rivalisierende Dynastien entzweit. Das nördliche Reich, Ephraim, auch Israel genannt, geriet in politische Schieflage und wurde von den Babyloniern zerstört. Archäologische Funde und die Bibel belegen die Existenz des Nordreiches.

Juda und die Könige

Gemälde: Ein Junge steht neben der Leiche eines Riesen. Der Junge hat die Hände gefaltet und zum Himmel gerichtet.

Der spätere König David besiegt Goliath

Die Bibel erzählt, wie das südliche Königreich mit dem Namen Juda im babylonischen Exil überlebte. Die Rückkehrer gründeten das Reich erneut. Ihre Kultur hatten sie in der Gefangenschaft durch das Studium ihrer heiligen Schriften bewahrt. Ebenso hatten sie sich ihre Sprache erhalten, Hebräisch, neben den jeweiligen Amtssprachen Persisch und Aramäisch.

Das Geschlecht Davids, die Dynastie des Südens um die Hauptstadt Jerusalem, wurde nun zum alleinigen Herrscher über das jüdische Volk. Der legendäre David, der einst den Riesen Goliath besiegt haben soll, hatte um 1000 vor Christus den Königsthron bestiegen. Seitdem musste jeder König zu seiner Legitimation gegenüber dem Volk darlegen, dass er (oder sie) aus dem Geschlecht Davids stammte.

Perser, Griechen, Ägypter und Römer

Zeichnung: Mehrere römische Soldaten stehen auf Trümmern und halten ihre Feldzeichen nach oben.

Die Römer zerstörten den Tempel in Jerusalem

Die Rückkehrer in die mittlerweile persische Provinz Jehud waren die ersten, die Juden genannt wurden. Die nächsten 400 Jahre vergingen abwechselnd mit Eroberungskriegen und Zeiten der Ruhe, mit den Fremdherrschaften der Perser und der Griechen unter Alexander dem Großen. Danach prägten die ägyptischen Erben Alexanders und die syrisch-griechischen Seleukiden Land und Volk. Im Jahr 141 vor Christus gründeten die Juden nach einem erfolgreichen Aufstand gegen die Seleukiden einen unabhängigen Staat unter der Hasmonäer-Dynastie.

Die nächsten fremden Herrscher waren die Römer, die um 63 vor Christus kamen. Sie gewährten den Juden eine relative Unabhängigkeit, griffen aber bei Bedarf ein. Als die Juden immer wieder zu Aufständen und Rebellionen im gesamten Mittelmeerraum aufriefen, reagierten die Römer drastisch. Judäa, wie sie die Provinz nannten, wurde ab 70 nach Christus besiegt und samt der Hauptstadt zerstört. Der Tempel der Juden, das nationale und religiöse Symbol des Volkes, wurde dem Erdboden gleich gemacht.

Auszug in die Welt

Die Juden verstreuten sich in alle Länder der Erde. Das Volk hatte eine neue Art der Religion im Gepäck - eine "tragbare Heimat", wie Heinrich Heine später schrieb. Die Juden, die in ihrer Heimat mit vielen Völkern Handel getrieben hatten, verfügten über Kenntnisse, die sie überall nutzen konnten. Sie hatten Schriftkenntnisse, beherrschten viele Sprachen und waren vor allem unabhängige Beobachter. Ein loser Verbund von Gemeinden entstand, da es in jeder Gemeinde jemanden gab, der Bekannte in den benachbarten Kommunen hatte. Man traf sich auf Jahrmärkten und Messen, auf Studien- und Lehrwochen in den Zentren der Gelehrsamkeit.

Heimsuchungen des Mittelalters

Zeichnung: Mehrere Menschen werden auf einem Scheiterhaufen verbrannt. Ein Mann legt noch Holz nach.

Immer wieder waren die Juden Opfer von Massakern

Das späte Mittelalter veränderte die Situation für die Juden in Europa dramatisch. Als Volk, als Religion, sogar als Rasse wurden sie verfolgt. Die guten Zeiten, in denen Juden in Frieden mit den Nachbarn lebten, wurden kürzer und seltener. Auch das Leben wurde hart, mit Steuern, Einschränkungen und Demütigungen. Zudem kam es zu wiederholten Ausschreitungen und Massakern. Aber wieder fanden die Juden andere Länder, die sie willkommen hießen. Immer wieder flackerte die Hoffnung auf, eine neue Heimat zu finden: in Polen, Russland, Deutschland oder den Niederlanden.

Der Staat Israel wird Realität

Schwarzweiß-Foto: In einem Raum sitzen mehrere Männer an einem langen Tisch. Einer der Männer steht und hat Papiere in der Hand. An der Wand sind zwei israelische Staatsbanner befestigt.

David Ben Gurion (Mitte) bei der Gründung des Staates Israel

Im 19. Jahrhundert entflammte eine alte Idee unter neuem Namen. Viele meinten nun, die Juden seien eine Nation. Dieser Begriff war neu und aufregend, war er doch mit der Hoffnung auf ein eigenes Land verbunden. Schnell wurde offensichtlich, dass "Nation" lediglich ein neuer Begriff für eine alte Hoffnung war.

Die Juden wünschten sich seit 1800 Jahren das Land, das einmal das Land des Volkes Israel war. Der sogenannte Zionismus entstand als Bewegung, die die jüdische Welt spaltete. Zion sollte tatsächlich mehr als ein Traum sein, jetzt wo für die verstreuten Juden alles relativ gut lief? Doch die zwischenzeitliche Phase des Friedens war schnell wieder vorbei. Wieder wurde versucht, das jüdische Volk zu vernichten. Doch auch die Tötungsmaschinerie des NS-Systems blieb letztendlich ohne Erfolg.

In allen Ländern der Welt lebten und leben Juden. Überall fühlen sie sich zu Hause. Sie haben unterschiedliche Traditionen, Regeln und Lebensarten. Aber sie haben gemeinsame Erinnerungen, gemeinsame Geschichten und eine gemeinsame Sprache. Sie bilden ein eigenes, besonderes Volk, "Am Israel".

Autor/in: Allon Sander/Sybille Hattwich

Stand: 25.06.2014, 13:00

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