Naturvölker

Junge Männer vom Volk der Massai.

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Naturvölker

Die wenigen Naturvölker, die ihren Alltag noch heute wie seit Tausenden Jahren leben, wissen kaum etwas von unserer industrialisierten Welt, von Autos, Flugzeugen oder Städten. Was uns wichtig oder gar unverzichtbar erscheint, ist für sie völlig unbedeutend. Sie kommen auch ohne technischen Fortschritt und die vielen Annehmlichkeiten ganz gut aus. Doch wie lange noch? Die letzten Naturvölker der Erde sind in Gefahr, denn ihr Lebensraum wird täglich kleiner.


Naturvolk, Urvolk oder indigen?

Darüber, wie viele Naturvölker es gibt, existieren nur Schätzungen und die gehen sehr weit auseinander: von gerade mal 70 bis zu 5000 Völkern weltweit. Dies liegt nicht etwa an mangelnder Liebe zur Statistik, sondern vor allem an den vielen unterschiedlichen Bezeichnungen, die kursieren.

Ob nun Naturvölker, Urvölker, Ureinwohner, Stammesvölker, indigene Völker, um nur einige aufzuzählen – der Streit der Ethnologen über die "korrekte" Bezeichnung ist schon sehr alt. Und: Jeder Begriff meint im Grunde etwas ganz anderes. In anderen Sprachen ist es das gleiche Phänomen: Da heißen sie Native Americans, First Nations, Aborigines, Autochtone Völker und mehr.

Auf internationaler Ebene wird inzwischen der Begriff "indigene Völker" verwendet. Gemeint sind damit Völker, die ein bestimmtes Gebiet als erste besiedelt haben, die freiwillig ihre kulturelle Besonderheit wahren, die sich selbst als geschlossene Gemeinschaft sehen, die sich von anderen unterscheidet und auch so wahrgenommen oder anerkannt wird.

So gesehen gibt es weltweit 350 bis 400 Millionen Indigene, die rund fünf Prozent der Weltbevölkerung ausmachen. Zu ihnen gehören die nordamerikanischen Indianer, die Inuit in Grönland und Kanada, die Maori auf Neuseeland ebenso wie die völlig abgeschieden lebenden Völker, die manchmal nur aus wenigen Hundert Menschen bestehen.

Das Bild zeigt eine Gruppe von Maori-Männern mit traditionellen schwarzen Tätowierungen im Gesicht. Ein Mann im Vordergrund streckt die Zunge heraus und hat die Augen weit aufgerissen. Er hält einen langen Holzstab in der Hand.

Die Maori zählen zu den indigenen Völkern

Die Entdeckung der Naturvölker

Mit der Entdeckung und Kolonialisierung anderer Kontinente begann für viele Ureinwohner der Niedergang. Man betrachtete sie als "Wilde", später auch romantisierend als "edle Wilde", als primitiv, als Menschen, die zivilisiert werden mussten.

Der Begriff "Naturvolk" im Gegensatz zum "Kulturvolk" wurde geprägt und genau deshalb ist er heute noch oft verpönt. Doch gerade mit Blick darauf, dass eben diese Völker mit der Natur, mit ihren Ressourcen besonders effizient umgehen, wird der Begriff Naturvolk heute noch oder wieder verwendet – ohne abwertend gemeint zu sein.

Schon früh gab es Versuche, Urvölker zu schützen. So wurde beispielsweise in Südamerika 1609 auf Druck von Missionaren die Versklavung der indianischen Bevölkerung für kurze Zeit verboten. Lange Zeit bemühten sich die Jesuiten um den Schutz der Ureinwohner, bis sie 1755 ausgewiesen wurden.

Im Jahr 1724 erschien die kulturvergleichende Arbeit des Jesuitenmissionars Joseph François Lafiteau, der feststellte, dass die Naturvölker keineswegs in einem chaotischen Zustand der Regel- und Zügellosigkeit lebten, sondern sehr wohl über eine eigene Ordung verfügten – wenn auch keine christliche.

Doch Vorurteile, sind sie erst einmal vorhanden, halten sich hartnäckig. Noch bis in die 1960er Jahre ist – auch in deutschen Schulbüchern – von Eingeborenen, von primitiven Sammlern und anderen die Rede, die noch nicht in die jeweiligen Staaten eingegliedert werden konnten.

Der Lebensraum schwindet

Ohne ihren angestammten und intakten Lebensraum haben die Naturvölker keine Chance zu überleben. Doch für sie wird es jeden Tag enger: Weltweit werden große Waldflächen vernichtet, bekanntestes Beispiel hierfür ist das Amazonas-Gebiet.

Aber auch in afrikanischen Staaten, in Südostasien und anderen Teilen der Erde fallen Bäume nicht nur für den Holzexport, sondern auch für die Schaffung von Weide- und Anbauflächen.

Goldsucher verseuchen den Boden durch Quecksilberrückstände, Erdöl- und Erdgasförderung bedrohen beispielsweise die Lubicon Lake Cree-Indianer in Kanada oder indigene Völker in Sibirien. Der Bau von Stauseen und Straßen vernichtet oder zerschneidet in vielen Ländern die Lebensräume.

Oft sind es nicht die Firmen aus dem eigenen Land, sondern internationale Konzerne, die Raubbau an der Natur betreiben und den eigentlichen Bewohnern ihren Lebensraum nehmen. Die Konzessionen dafür erhalten sie – wider besseres Wissen – von den jeweiligen Ländern.

Zusätzlich zu den Schäden, die dadurch angerichtet werden, ist vielerorts noch immer das illegale Eindringen in Gebiete verbreitet, beispielsweise um Wälder abzuholzen.

Krieger der Surma bei der Donga-Zeremonie.

Krieger der Surma

Die Touristen-Plage

Wer früher ein wenig Exotik genießen wollte, der musste sich entweder mit anschaulichen Berichten und Bildern begnügen, oder er besuchte spezielle Schauen, wie sie um die Wende zum 20. Jahrhundert gerne angeboten wurden.

1896 beispielsweise gab es bei der Gewerbeausstellung in Berlin das "Negerdorf", in dem Afrikaner ihre Kleidung und Bräuche vorführen mussten.

Vier Jahre später wurde bei der Weltausstellung in Paris eine Pygmäenfrau wie ein Tier im Käfig zur Schau gestellt. Und über Jahre zeigte der Tierhändler Carl Hagenbeck in Hamburg und Berlin exotische Menschengruppen aus aller Welt im Zoo – Showprogramm inklusive.

Bis weit ins 20. Jahrhundert war es nur wenigen Menschen möglich, zu reisen und Fremdes vor Ort zu betrachten. Doch mit dem Aufkommen des Tourismus änderte sich dies. Fast jedes Ziel auf der Welt wurde für Otto Normalverbraucher erreichbar und auch erschwinglich.

Dem Massentourismus folgten der Individual- und der Abenteuertourismus. Massenhaft strömen nun abenteuerlustige Touristen in die hintersten Ecken der Welt, gelockt von Angeboten wie "Mit dem Häuptling durch den Dschungel" oder Begegnungen mit Völkern, "die noch fast nie einen Weißen gesehen haben". Ein angenehmes Abenteuer zwischen geländegängigen Fahrzeugen und klimatisierten Hotels.

Doch der Schaden für viele Naturvölker ist riesig. Sie erhalten Mitbringsel aus der industrialisierten Welt, mit denen sie nur wenig anfangen können oder die, wie im Fall von Alkohol und Süßigkeiten, gesundheitsschädlich sind.

Der Besuch eines Naturvolks wie in einer Art Freilichtmuseum ist längst Bestandteil des internationalen Tourismus. Auch manche Regierungen haben sich darauf eingestellt, wohl wissend, dass die menschliche Exotik zahlungskräftige Besucher lockt. Die Naturvölker selbst haben in den seltensten Fällen etwas davon.

Eine Aborigines-Tanzgruppe bei einer Vorführung auf der Eröffnungsfeier des Rugby World Cups 2003.

Die Naturvölker profitieren selten vom Tourismus

Das Kreuz mit dem Kreuz

Mit den Eroberern kamen auch die Missionare – und sie sind bis heute dabei, Menschen das Christentum zu bringen – ob sie es haben wollen oder nicht. Doch im Gegensatz zu früheren Jahrhunderten sind es heute nicht die großen Kirchen, sondern christliche Sekten, die die ahnungslosen Heiden überrumpeln.

In manchen Ländern arbeiten sie mit den Regierungen zusammen, oft sind sie jedoch illegal und trotz deutlicher Verbote im tiefsten Dschungel unterwegs. Sie verdammen nicht nur den bisherigen Glauben, den die Völker traditionell haben. Sie spalten die Gemeinschaften und fangen an, die Menschen zwangsweise zu bilden.

Und: Sie bringen häufig unabsichtlich den Tod. Eingeschleppte Viren, gegen die die Naturvölker keine natürliche Abwehr haben, können tödlich sein, wie im Fall der Zoé-Indianer in Brasilien, die Ende der 1980er Jahre durch eine Gruppe Missionare mit Grippe- und Malaria-Viren infiziert wurden – 45 Menschen starben.

Autorin: Martina Frietsch

Stand: 11.09.2017, 14:44

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