Die große Hungersnot

Haus und Schafe in Donegal, Rosguill Halbinsel

Geschichte Irlands

Die große Hungersnot

In den Jahren 1845 bis 1849 wütete in Irland ein kleiner Pilz, der die die Kartoffeln auf den Äckern verfaulen ließ und damit die Lebensgrundlage der ländlichen Bewohner fast vollständig zerstörte. Eine gewaltige Hungersnot dezimierte die Bevölkerung innerhalb weniger Jahre um rund die Hälfte. Schätzungsweise eine Million Iren verhungerten, weitere ein bis zwei Millionen wanderten in den folgenden Jahren aus - vor allem nach Kanada, Australien und in die USA. Bis heute ist das Leben in Irland von dieser Zeit geprägt.

Kleiner Pilz mit großer Wirkung

Wenn Naturkatastrophen mit ungünstigen politischen Verhältnissen zusammentreffen, werden die Folgen für die Menschen besonders verheerend. Die Iren mussten diese Erfahrung Mitte des 19. Jahrhundert machen, als mehrere Kartoffelernten nahezu vollständig ausfielen. Ein Pilz namens "Phytophthora infestans", eingeschleppt aus Nordamerika, war die Ursache.

Ein Mann kratzt Erde von frisch geernteten Kartoffeln

Ein Pilz zerstörte die komplette Kartoffelernte

Der Pilz greift zuerst das Kartoffelkraut an und lässt es faulen. Bei feuchter Witterung werden die Sporen in den Boden geschwemmt und greifen die Knolle an. Das Gewebe der gesamten Kartoffelpflanze wird zerstört. Blitzschnell breitet sich die Krankheit über das Feld aus.

Heute gibt es dagegen Spritzmittel, aber im 19. Jahrhundert ruinierte der Pilz die Nahrungsgrundlage eines ganzen Volkes. 1842 hatte sich der Erreger von den USA aus verbreitet und nach West- und Mitteleuropa übergegriffen. 1845 trat der Pilz erstmals in großem Ausmaße auf irischen Feldern auf. Hilflos mussten die Bauern zuschauen, wie vor ihren Augen die gesamte Ernte verdarb. Die wenigen Kartoffeln, die man noch retten konnte vor dem Pilzbefall, waren viel zu klein, weil keine Zeit mehr blieb, sie ausreifen zu lassen.

Missernten, Hunger und Auswanderung

Auf einer Zeichnung sind insgesamt neun irische Auswanderer zu sehen, die ihre Heimat auf der Suche nach Arbeit in Richtung England verlassen.

Millionen Iren mussten ihre Heimat verlassen

Die Kartoffelpest hatte fatale Folgen für die kleinen Pachtbauern. Sie mussten auf ihre Vorräte zurückgreifen. Einen Teil der Kartoffelernte bewahrten die Bauern normalerweise auf, damit er im nächsten Jahr als Saatgut dienen konnte. Aber der geringe Ertrag ließ den Bauern keine Wahl. Sie brauchten die Kartoffeln als Nahrung und konnten nichts für die nächste Saat zurückhalten.

Noch blieb diese Missernte im Rahmen normaler Hungerjahre, weil die Bauern sich entschlossen ihre Reserven anzugreifen. Unter schrecklichen Entbehrungen überstanden daher die meisten Iren diesen ersten Hungerwinter.

Als sich der Pilz in den folgenden drei Jahren weiter ausbreitete und zu noch mehr Missernten führte und zudem das Saatgut verbraucht war, standen die irischen Kleinbauern vor dem Ruin. Wer konnte, floh aus dem Land. Bis 1920 waren fünf Millionen Iren ausgewandert. Zum Hunger gesellten sich Seuchen wie Pest und Typhus. Die Menschen starben zu Tausenden. Die Jahre zwischen 1845 und 1849 gingen als die große Hungersnot, "The Great Famine", in die irische Geschichte ein.

Englische Skrupellosigkeit

Holzstich: Die irische Bevölkerung drängelt sich vor den verschlossenenen Toren eines englischen Gutshofes.

Die Engländer ließen die Iren vor den Toren stehen

Besser als den irischen Bauern erging es den englischen Gutsherren auf der Insel. Sie hatten nicht nur ausreichend Ressourcen, um die Missernten zu überstehen, sie genossen zudem den besonderen Schutz der englischen Regierung und des englischen Rechtssystems. Nach englischem Pachtrecht konnten die Landlords nicht nur jederzeit ihren Pachtbauern das Land kündigen. Sie durften auch deren Gehöfte niederreißen, um eine Rückkehr zu verhindern.

Davon machten sie ausgiebig Gebrauch mit der Folge, dass die Kartoffelpest großen Teilen der irischen Landbevölkerung jegliche Existenzgrundlage kostete, den englischen Landbesitzern aber ungeahnte Landzuwächse bescherte. Land von einer Fruchtbarkeit, die es sonst auf den britischen Inseln nirgendwo gibt.

Hilfe hätte von der englischen Regierung kommen können. Doch das Gegenteil geschah. Die hungernden Iren mussten zusehen, wie die wenigen Kartoffeln von englischen Landbesitzern nach England verschifft wurden. Schlimmer noch: Selbst die Getreideernte, die normal ausfiel und eine Ernährungsgrundlage hätte bilden können, wurde exportiert, denn die mittellosen Iren hatten kein Geld um Brot und Mehl zu kaufen.

Es war die Zeit des Wirtschaftsliberalismus und nicht wenige Bildungsbürger im fernen London vertraten die Ansicht, dass eine solche Hungerkatastrophe die drohende Überbevölkerung Irlands regulieren könnte. Keinesfalls dürften durch subventionierte Lebensmittel Preise und damit Märkte gefährdet werden.

Andere sahen die Hungersnot als willkommenen Anlass, eine aus englischer Sicht aufsässige irische Bevölkerung zu disziplinieren. Was immer zu Gunsten der Iren unterlassen wurde, es passte dem englischen Bürgertum, dem eine boomende Industrie und koloniale Machtpolitik rosige Zeiten verhieß.

Zwar war Irland Teil der englischen Krone und keineswegs mit den fernen Kolonien vergleichbar, aber englische Politiker gingen nicht davon aus, dass die Iren der englischen Herrschaft gegenüber loyal wären. Aus der anhaltenden Kartoffelkrise konnten daher die Iren nur geschwächt, die Engländer gestärkt hervorgehen.

Der Weg in die Unabhängigkeit

Zwei Iren halten jeweils ein Protestschild hoch, auf dem "Britain out of Ireland!" zu lesen ist.

Als 2011 Queen Elizabeth II. Irland besucht, freut das nicht alle Menschen im Land

Vergessen haben die Iren das Verhalten der Engländer während der Kartoffelpest nie. Das schon vorher angespannte Verhältnis zwischen Iren und Engländern schlug nach der Hungersnot in offenen Hass gegen alles Englische um. Schon in den 1870er Jahren bildeten sich erste Organisationen, die eine Landreform sowie eine Unabhängigkeit Irlands erreichen wollten. Viele gewaltsame Auseinandersetzungen mit der britischen Krone waren die Folge.

Erst 1903 ging der irische Boden in den Besitz der irischen Bauern über. Doch damit waren die Iren längst noch nicht besänftigt, die Unabhängigkeitsbestrebungen gingen weiter. 1916 scheiterte noch der der gewaltsame Osteraufstand an der Übermacht der englischen Armee.

Der Anglo-Irische Krieg zwischen 1919 und 1921 führte schließlich zur Unabhängigkeit Irlands mit Ausnahme von Nordirland, das bis heute dem Vereinigten Königreich unterstellt ist. Viele Histroiker sehen in der großen Hungersnot den entscheidenden Auslöser für die forcierten Unabhängigkeitsbestrebungen der Iren.

Autor: Wolfgang Neumann-Bechstein

Stand: 08.08.2016, 16:00

Darstellung: