Jörg Schlaich - Ingenieur und Brückenbauer
Ethische und ästhetische Ziele verbinden
Schlaich hat diesen Ruhm befestigt, zum Beispiel durch die Hooghly-Bridge in Kalkutta. Das Besondere an diesem Bauwerk: Es wurde ausschließlich mit heimischen Materialien und durch einheimische Arbeitskräfte errichtet. Hier wurden Schlaich und sein Partner Rudolf Bergermann besonders eindrucksvoll ihrem Anspruch gerecht, beim Bauen ethische und ästhetische Ziele zu verbinden.
Visionärer Entwurf: Aufwindkraftwerk
Diesen Anspruch erheben sie auch mit Schlaichs visionärem Entwurf von Aufwindkraftwerken. Die 1000 Meter hohen Betontürme sollen in den Wüsten der Erde aus Sonnenhitze Energie gewinnen und in den armen Regionen Arbeitsplätze schaffen - beim Bau der Kraftwerke und durch die Stromerzeugung. Das Prinzip der Kraftwerke klingt simpel: Unter weit ausgedehnten Glasdächern erhitzt sich wie in einem Treibhaus durch die Sonneneinstrahlung die Luft. Sie strömt wie in einem Kamin durch die Betontürme in die Höhe und treibt Propeller an. Ein Versuchsbau von 200 Meter Höhe lieferte in Spanien in den 1980er Jahren auf diese Weise Energie. In Australien soll 2010 ein "echtes" Aufwindkraftwerk von einem Kilometer Höhe in Betrieb gehen. Allerdings gab es immer wieder Unsicherheiten bei der Finanzierung dieses Projektes.
"Es zählt nur die gemeinsam erreichte Qualität"
Jörg Schlaichs erwarb sich schon 1972 großes Ansehen bei der Konstruktion des Münchner "Olympia-Zelt-Daches". Das eigene Büro Schlaich Bergermann und Partner entstand 1980. Seither hat es zahlreiche Bauten entworfen: etwa den neuen Berliner Hauptbahnhof ("Lehrter Bahnhof"), große und kleine Brücken, an denen immer die originelle Handschrift des Konstrukteurs Schlaich zu erkennen ist, Dächer für Fußballstadien der WM 2006 und die DG-Bank am Pariser Platz in Berlin – ein wahres Baukunstwerk, das Schlaich gemeinsam mit dem Architekten Frank Gehry schuf. Schlaich sieht sich dabei selbst als Teamarbeiter:
"Das ist die Entwurfspraxis, dass man sich als Ingenieur dazu versteht, dass unsere Aufgabe nicht die des rechnenden Sklaven ist, sondern dass wir kreativ am Prozess des Entwurfes teilnehmen in einem fließenden Übergang zwischen Architekten und Ingenieur. Da fangen Sie mit einem Architekten an zu arbeiten, diskutieren, machen Skizzen, und dann entwickelt sich dieser Entwurf, und in einem guten Team kann man einander zuhören, ist man bereit voneinander zu lernen, sich auch vom anderen etwas sagen zu lassen, gegenseitig; und es ist am Ende völlig wurst, was von wem kommt, es zählt nur die gemeinsam erreichte Qualität."
Kritischen Blick bewahrt
Schlaich hat viele Jahre an der Universität Stuttgart gelehrt, einige seiner Schüler mehren seit Jahren das internationale Ansehen der deutschen Architekten und Bauingenieure zwischen China und den USA. Aber Schlaich hat sich den kritischen Blick aufs deutsche Ausbildungssystem bewahrt:
"An unseren Hochschulen wird viel zu viel Wissen eingetrichtert und viel zu wenig auch der kreative Teil unseres Berufes zumindest mal besprochen und eingeübt und mal probiert. Also dieses 'Entwerfen- Lernen', diesen kreativen Zug, den müssen wir den Studenten an den Hochschulen einimpfen, und das passiert viel zu wenig."
Immo Sennewald, Stand vom 01.06.2009





