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Sigfried Giedions "Befreites Wohnen"

Raus aus den Häusern mit Kerkermauern! Sinn für die Natur entwickeln! Körperliche Bewegung fördern! Sinn für die Kunst entwickeln! Über den Kunstsinn den guten Geschmack schulen! Licht, Luft und Öffnung gehörte zur Philosophie der 20er Jahre. Sigfried Giedion formulierte dazu die theoretische Grundlage in seinem Buch "Befreites Wohnen".

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Giedions Grundlage moderner Architektur

1918 war der Erste Weltkrieg vorbei. Architekten, die schon zu Beginn des 20. Jahrhunderts pompösen Zierrat abgelehnt hatten, forderten nun, dass wirtschaftlich, sozial, funktional und ästhetisch gebaut werden sollte. Sie hatten genügend Ideen, aber keine theoretische Grundlage, auf die sie ihre Forderungen stützen konnten. Von Sigfried Giedion, Maschinenbauingenieur und Kunsthistoriker, bekamen sie 1929 eine passende Theorie an die Hand. Giedion schrieb für viele schweizerische, deutsche und französische Fach- und Tageszeitungen. Seine Artikel lösten oft genug Kritik aus. Zum Thema "Grundlage moderner Architektur" erschien 1929 sein Buch "Befreites Wohnen" in der Reihe der "Schaubücher". Damit richtete er seine Ansichten nicht nur an Fachkreise, sondern an jedermann.

Die dreigeschossigen Wohnhäuser sind jeweils versetzt zu einander, sodass der offenere Einzelhauscharakter entsteht. Flache Dächer, Balkone und große Fenster zeichnen diese modernen Gebäude aus. (Rechte: WDR Freeze)

Häuser nach der neuen Devise in Neubühl bei Zürich

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"Hat das Haus zu repräsentieren", schreibt Sigfried Giedion 1929, müsse es dicke Mauern haben, als Zeichen der Solidität. Nach außen seien sie wie Festungen und im Inneren so unflexibel, dass man sie nicht den modernen Wünschen entsprechend verändern könne. Dazu komme das wirtschaftliche Problem: 95 Prozent der Städter wohnten in schlechten und ungesunden Wohnungen, weil ihr Einkommen nicht ausreiche. Um das zu ändern, müsse man neue Regeln aufstellen. Licht, Luft und Öffnung sei die Devise.

Ein Wohnblock, der nicht auf Grundmauern lastet, sondern von Stützen getragen wird. Wie ein weißer Quader ruhen die Wohneinheiten darauf. Die Fensterreihe erscheint als durchgehender Streifen. (Rechte: WDR Freeze)

Wohnhaus von Le Corbusier

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Forderungen für ein befreites Wohnen 1929

Sigfried Giedion stellte 1929 folgende Forderungen auf:

1. Das Haus habe einen Gebrauchswert. Es solle daher in absehbarer Zeit abgeschrieben werden.
2. Das Haus müsse leicht, lichtdurchlässig und beweglich sein.
3. Das Haus müsse zum modernen Lebensgefühl passen, zu Sport, Gymnastik, befreitem Körpergefühl.
4. Das Haus dürfe nicht wie ein Korsett sein. Es müsse den Kontakt mit Boden, Himmel und Außenwelt ermöglichen. Der Bau von Skelettkonstruktionen (die tragende Teile werden dabei auf wenige Punkte reduziert) oder Mischkonstruktionen (Skelett mit Mauerwerk kombiniert) ermögliche ein viel elastischeres Eingehen auf die menschlichen Bedürfnisse als das traditionelle Haus mit den tragenden Außenwänden.
5. Im Innern könnten die Wände gerade oder gebogen sein, wie und wo man sie brauche. Nach außen zu schütze eine Haut, die Nässe abhält und isoliert. Oder wie Le Corbusier es in großem Umfang in Russland versuchte: An Stelle der Zentralheizung zirkuliert ein warmer Luftstrom zwischen der Außenhaut und Innenhaut.
6. Im Mittelpunkt müsse der Mensch stehen. Die Wohnung für jedermann sei gefragt. Weder Monumentalbauten noch Fabriken seien so wichtig wie Wohnungen.
7. Der Mensch, der mitten im Getriebe steht, gäbe nicht dem Getriebe schuld, wenn er versagt, sondern sich selber. Darum brauche er ein Gleichgewicht zwischen Körper und Seele.
8. Im 19. Jahrhundert habe man die Lebensäußerungen voneinander isoliert in: Kunst, Technik, privates und öffentliches Leben. Die Arbeitsstätten seien Ausdruck von Trostlosigkeit gewesen, während das private Leben in "bis zur Verlogenheit gehende Süßlichkeit" gebettet worden sei, in repräsentativen Kitsch.

Ein großes Fenster rechts neben der ebenfalls verglasten Balkontür durch das man ins Grüne blickt. (Rechte: WDR Freeze)

Offenes Wohnen in Neubühl bei Zürich

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Komfortable Billigwohnungen

Das Bauen sei teuer und das liege an den industriellen Baumethoden, die noch in den Kinderschuhen steckten, so wie die Eisenindustrie um 1850. Damals konnte ein handgeschmiedetes Stück Eisen noch mit einem maschinell erzeugten preislich konkurrieren. Mit Hilfe von Subventionen könne das Haus für das Existenzminimum allerdings nicht gelöst werden. Das zeige nur, dass der übliche handwerkliche Baubetrieb am Ende sei. Um das Bauen billiger zu machen, müsse das Baugewerbe industrialisiert werden. Dazu benötige man ausgedehnte Baugelände. Das heißt: Bodenreform, Vereinigung des lebenswichtigen Baulandes in der öffentlichen Hand, weitgehend organisierte Landesplanung.

Und so sollte die Wohnung für das Existenzminimum aussehen: Die Wohnung müsse in einem vernünftigen Verhältnis zum Einkommen stehen, allerdings nicht wie es im 19. Jahrhundert üblich war. Da wurden alle Räume unzumutbar verkleinert, die ein repräsentatives, bürgerliches Haus hatte, inklusive Vorräume, getrennte Treppenhäuser und Gänge. Das Haus für das Existenzminimum müsse dagegen billig sein und trotzdem mehr Komfort bieten. Auf alles Repräsentative könne man verzichten. Stattdessen sollte man über einen großen, freien Wohnraum verfügen und über größere Glasflächen. Das "Verbundensein mit der Vegetation" sei wichtig.

Rückansicht eines weißen Wohnhauses mit Flachdach im Bauhaus-Stil unter Pinien. (Rechte: dpa/arc)

Wohnhaus von Walter Gropius

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Reihenhaus oder "Wohnmassiv"?

Sigfried Giedion, der theoretische Vordenker moderner Architekten in den 20er Jahren des vergangenen Jahrhunderts, stellte sich die Frage: Soll die Wohnung für das Existenzminimum ein Reihenhaus sein oder in großen "Wohnmassiven"? Der Autor glaubte, dass die großen Wohnkomplexe mehr Zukunft hätten als Reihen- oder Einfamilienhäuser, weil bei gleichem Baupreis ein größerer Komfort zu erzielen sei. Ein weiteres Problem: Soll man beim Bau von Reihenhäusern Einzelgärten oder gemeinsame Grünflächen anlegen?

Giedion schlug vor, Häuschen mit 100 Quadratmetern Wohnfläche auf zwei Stockwerke zu verteilen. Dazu 50 Quadratmeter Ziergarten und 150 Quadratmeter vor jedem Haus als Sportplatz. Der eine habe dann einen Fußballplatz, der Nachbar den Tennisplatz und so weiter. Auch die Nutzgärten sollten zu einheitlichen Streifen zusammengelegt werden. Günstig sei eine so genannte Streifenbebauung. Durch die parallel gerichteten Häuserzeilen hätte man die beste Besonnung. Walter Gropius hielt er für besonders konsequent, wenn er verlange: Je höher das Gebäude, um so größer müsse der Abstand zum nächsten Gebäude sein.

Weißes Wohngebäude der Weißenhof-Siedlung mit großzügiger Terrasse, rund geschwungener Mauer und flachem Dach. (Rechte: dpa)

Stuttgarter Weißenhofsiedlung

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1927 Bauexperiment Weißenhofsiedlung

Das interessanteste Bauexperiment sei die Weißenhofsiedlung bei Stuttgart, schreibt Sigfried Giedion. Sie habe die Bewegung zum "befreiten Wohnen" befördert. Um die Bauten des französisch-schweizerischen Architekten Le Corbusier gab es in der Siedlung den größten Wirbel. Le Corbusier habe einen Ozeandampfer in die Landschaft gesetzt, der orientalisch, dachlos und undeutsch sei. Die Auseinandersetzungen führten dazu, dass sich die eigenwilligen Architekten 1928 organisierten. Sigfried Giedion war 30 Jahre lang "Generalsekretär" der Organisation "Internationale Kongresse für Neues Bauen", kurz CIAM genannt. Um die damalige Wohnungsnot zu beheben, glaubte der Deutsch-Amerikaner Ludwig Mies van de Rohe, dass Wohnblocks die beste Lösung seien. Für die meisten Zeitgenossen gab es in der neuen Architektur allerdings zu viel Licht, Luft und Öffnung. Das war ihnen nicht gemütlich genug. Das befreite Wohnen, wie Giedion es sich vorstellte und wie es die neuen Architekten dieser Zeit umgesetzt haben, war ein Experiment, das sich in der Konsequenz nicht durchgesetzt hat.

Bärbel Heidenreich, Stand vom 01.06.2009
Sendung: Praktischer Wohnen - das Bauhaus, 23.01.2002

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Collage mehrerer Bauwerke (Rechte: SWR)

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