Wolkenkratzer
Von Babel bis Taipeh
Menschen wollen schon seit Jahrtausenden hoch hinaus: Die Cheops- Pyramide, das letzte erhaltene antike Weltwunder, war ursprünglich fast 147 Meter hoch. Der Pharos-Leuchtturm in Alexandria brachte es auf 130 Meter, und der Turmbau zu Babel sollte - dem Alten Testament nach - bis in den Himmel wachsen, was den Herrgott so erzürnte, dass er den Menschen die Sprache verwirrte und sie in alle Richtungen auseinander laufen ließ. Sie haben zu Gottes Ruhm und Ehre dennoch weiter in die Höhe gebaut: 161 Meter misst der höchste Kirchturm der Welt. Er steht in Ulm.
Es wird sich nie restlos klären lassen, ob diese Bauten einer Sucht nach Ruhm und Größe entspringen oder dem Wunsch, die Höhenangst zu bannen. Fest steht, dass seit dem 19. Jahrhundert nicht nur sakrale Bauten "an den Wolken kratzen", sondern immer mehr Hochhäuser mit Wohnungen, Büros, Hotelzimmern und dazu Fernsehtürme samt Café "Zur schönen Aussicht". Zugleich wird unter Architekten, Politikern und Stadtplanern darum gestritten, wie sozialverträglich, energetisch sinnvoll und vor allem wie sicher Hochhäuser sind. Die Diskussion um Letzteres bekam mit dem Attentat am 11.September 2001 neue Nahrung. Es wird aber weiter geplant und gebaut: höher, kühner und auffälliger.
Die ersten Wolkenkratzer
Die Geschichte gewaltiger Kultbauten ist Jahrtausende alt, die hoher Profanbauten dagegen weit jünger. Sie reicht gerade bis ins Mittelalter, als reiche italienische Bürger sich mit "Geschlechtertürmen" über das Stadtbild zu erheben suchten. Richtig los ging es erst mit der Erfindung des Fahrstuhls durch den Amerikaner Elisha Graves Otis und der Entwicklung moderner Baustähle sowie des Stahlbetons in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts. Der Stahlskelettbau war ein wichtiger Schritt. So entstand zwischen 1884 und 1885, das 42, 70 Meter hohe Home Insurance Building in Chicago. Das Tribune Building (1875/1903–1905) und das Western Union Building (1872 – 1875) in New York waren mit 80 beziehungsweise 71 Metern noch deutlich höher. Wolkenkratzer brauchen Fundamente, die eine gefährliche Seitenlage des Gebäudes bei Erdbewegungen verhindern. Beim 241 Meter hohen Woolworth Building, erbaut 1910 bis 1913, bilden Betonpfeiler ein solch verstärktes Fundament. Sie reichen unter der Straße bis zum Felsuntergrund und halten den Schwerpunkt stabil. Die Pfeiler wurden in unterirdischen Luftdruckkammern gebaut – unterhalb der Grundwasserlinie. Durch dieses neue Verfahren wurde der Bau des Woolworth Building überhaupt möglich. Es gilt vielen als erster Wolkenkratzer (Skyscraper).
Wettlauf nach oben
Als das Chrysler Building im Jahre 1930 fertig wurde, hatte das Rennen um das höchste Gebäude der Welt begonnen. Im Jahr darauf ging Platz eins bereits an das Empire State Building. Die Protagonisten des ersten Rennens hießen Walter Chrysler und John J. Raskob. Mit Tricks versuchten beide, die Nase vorn zu behalten: Chrysler ließ heimlich im Innern des Rohbaues die 27 Tonnen schwere Stahlkrone montieren, die Formelemente der bekannten Automobile zitierte und als Dachabschluss das Empire State überragen sollte. Raskob erhöhte seinerseits das Empire State von 80 auf 85 Stockwerke und fügte eine 60 Meter hohe Krone hinzu, an der sogar Zeppeline anlegen sollten, was allerdings nie gelang. Erst 40 Jahre danach wurde das Empire State als höchstes Gebäude abgelöst: Die "Twin Towers" (417 beziehungsweise 415 Meter) des World Trade Center überragten ab 1972 Manhattan. Sie wurden zur Legende, obwohl bereits nach 2 Jahren der Sears Tower in Chicago (442 Meter) den Titel des höchsten Gebäudes der Welt übernahm. Seit 1997 lagen die Petronas Towers (452 Meter) in Malaysias Hauptstadt Kuala Lumpur für kurze Zeit vorn. Das 2004 fertig gestellte Taipei Financial Center überstieg dann als erstes Hochhaus die 500 Meter: 508 Meter hoch ragt es in den Himmel und setzt auch Maßstäbe in der Bausicherheit, denn auf Taiwan gibt es häufig Erdbeben und schwere Stürme. Doch ein Ende des "Höhenwahns ist nicht abzusehen. Anfang 2010 wurde in Dubai der Wolkenkratzer Burj Chalifa feierlich eingeweiht. Mit 828 Metern Höhe übertrifft er bei weitem alle anderen Gebäude der Welt.
Vom Dampfelevator zum Superlift
Ohne die Erfindung des Fahrstuhls hätte man sicher auch in die Höhebauen können, aber Mietern mehr als sechs Treppen ständigen Fußweg zuzumuten, wäre wirtschaftlich kaum sinnvoll gewesen. Elisha Graves Otis erfand 1852 einen dampfbetriebenen Aufzug. Er gründete eine Firma, die Transportaufzüge baute und verkaufte 1857 den ersten Personenaufzug in New York. Gezackte Führungsschienen an jeder Seite des Fahrstuhlschachts hielten die Gondel des Lifts und rasteten ein, falls die Halteseile versagten – eine erste sicherheitstechnische Voraussetzung für den Bau von Fahrstühlen und Hochhäusern. Bis 1873 gab es bereits 2000 Personenfahrstühle, und Elektromotoren lösten zur Jahrhundertwende die Dampfmaschinen ab. Heute sind Fahrstühle elektronisch hochgerüstete Maschinen, die Havarien so weit wie möglich ausschließen sollen. In Wolkenkratzern spielen mehrere von ihnen raffiniert zusammen, um in kürzester Zeit tausende Menschen zu transportieren – mit bis zu 15 Metern pro Sekunde. Frank Lloyd Wright plante 1956 einen 1,5 Kilometer hohen Wolkenkratzer mit 130.000 Bewohnern auf 528 Geschossen. 56 atomgetriebene Fahrstühle sollten sie und ihre Gäste befördern. Das blieb Phantasie – aber ohne leistungsfähige Aufzüge wären auch die Gebäuderiesen von Taipeh, New York und Dubai nichts als Fantasien.
Stürme, Beben, Terrorakte
Der Einsturz des World Trade Center nach dem schrecklichen Anschlag vom 11. September 2001 stellt wieder einmal die Frage der Sicherheit von Hochhäusern und damit deren Sinnhaftigkeit in den Mittelpunkt vieler Diskussionen. Dabei war die Bauweise des World Trade Center zweifellos sicher. Alle Außenstützen in den Fassaden bildeten eine Röhre mit über 60 Meter Kantenlänge - Tube genannt. Tubes sind widerstandsfähiger als vergleichbare Skelettbauten. Das WTC war für den Aufprall eines Flugzeuges gerüstet – und zwar der damals (1972) größten Maschine – einer Boeing 707. Obwohl große Kerosinmengen explodierten und die Konstruktion durch enorme Hitze ausglühte, standen der Südturm noch 45 Minuten bzw. der Nordturm noch 104 Minuten nach dem Flugzeugaufprall. Das hat Tausenden von Menschen das Leben gerettet, da sie in dieser Zeit das Gebäude verlassen konnten. Ob eine andere Konstruktion einer solchen Katastrophe länger standhielte, ist Spekulation. Wenn wie beim "Taipei 101" an den Grenzen der Möglichkeiten gebaut wird - in einer Region, die reich an Erdbeben und schweren Stürmen ist - dann stellt sich die Frage, wie viel Sicherheit noch erreicht werden kann. Abgesehen von teuren konstruktiven Maßnahmen: Wie kann man Tausende von Menschen evakuieren und den Zugang für Rettungskräfte mit schwerem Gerät schaffen? Die Wirtschaftlichkeit setzt dem Drang in die Höhe eine Grenze – aber der Ehrgeiz von Geschäftsleuten, Politikern und Architekten, sich ein Denkmal zu setzen, geht bisweilen über wirtschaftliche und sicherheitstechnische Bedenken hinaus. Lassen sich die Energien von Bränden, Stürmen und Erdbeben noch abschätzen - die kriminelle Energie von Attentätern ist unkalkulierbar.
Immo Sennewald, Stand vom 24.02.2010
Sendung: Aufzüge - Eroberung der Vertikalen, 26.02.2010









