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Stimmt es, dass Heimweh eine Krankheit ist?

Das schmerzliche Vermissen der Heimat hat eine lange Geschichte. Der früheste schriftliche Beleg von Heimweh stammt aus einem Luzerner Schriftstück. Darin heißt es 1569, ein Mann sei "gestorben von heimwe". In der darauf folgenden Zeit berichteten medizinische Abhandlungen über das merkwürdige Leiden von Schweizer Soldaten, die außer Landes stationiert waren. Die Soldaten wurden schwermütig und es kam immer häufiger zur Fahnenflucht. So wurde ihnen unter Androhung schwerer Strafen verboten, Lieder aus der Heimat zu singen, vor allem den "Kuhreigen", ein bekanntes Volkslied. Er soll oft die Erkrankung ausgelöst und Fahnenflucht verursacht haben. Die Diagnose lautete "Heimweh-Krankheit", auch "Schweizer Krankheit" genannt. ''Heimweh" galt als tödlich. Heilung brachte nur die Rückkehr in die Heimat.

Gebirgspanorama: An einem inmitten grüner Wiesen liegt ein Bauernhof. Die Wiesen werden im Hintergrund vom einem Waldrand begrenzt. In der Ferne sind zwei schneebedeckte Gipfel zu sehen. (Rechte: WDR/MEV)

Die beste Heilung für an Heimweh erkrankte Schweizer

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Es gab mehrere medizinische Abhandlungen über dieses Leiden. Als erstes beschrieb der Mediziner Johannes Hofer 1688 in seiner Dissertation Heimweh als Krankheit. Für ihn war die Heimwehkrankheit eine psychisch-physiologische Folge eines Umgebungswechsels beziehungsweise einer Luftveränderung. Hier setzte im 18. Jahrhundert auch der Aufklärer Johann Jakob Scheuchzer an. Er sah im Heimweh durchweg eine körperliche Reaktion auf die Veränderung des Luftdrucks an einem fremden Ort. Die Schweizer seien es nicht gewohnt auf flachem Land zu leben. Dort herrsche höherer Luftdruck als in den Bergen, den sie nicht verkraften könnten. Das Ergebnis? Heimweh entstehe, weil das Blut verstärkt gegen das Herz und das Hirn gepresst werde. Ähnliche Ansichten vertraten auch Wissenschaftler wie Abbé Jean-Baptiste Du Bos. Bei ihm kam hinzu, dass der Mensch aufgrund seiner Beschaffenheit ungewohntes Wasser und ungewohnte Luft nicht aufnehmen könne. Es entstehe eine Art Warnsignal, das ihn in die vertraute Umgebung zurückdränge.

Erst zu Beginn des 19. Jahrhunderts traten diese physischen Erklärungsversuche in den Hintergrund. Die Doktorarbeit "Heimat und Verbrechen" (1909) von Karl Jaspers beschäftigte sich mit Heimat als einem Phänomen, das vor allem bei den intellektuell und sozial niedriger gestellten Bevölkerungsschichten vorkomme. Heimweh würde vor allem die befallen, die wegen eines beschränkten Horizonts nicht in der Lage seien, sich an ein neues Umfeld zu gewöhnen. Und gerade Dienstboten und einfache Arbeiter mussten sich meistens eine Beschäftigung außerhalb ihres Heimatgebietes suchen. Es dauerte dann aber nicht mehr lange, bis Heimweh in den Bereich der Normalpsychologie rückte: Spätestens seit der Erklärung des Psychologen Karl Marbe im Jahre 1925 gilt es als ein "ganz normales Verhalten, bestimmter, auch völlig gesunder Personen, das an bestimmte Bedingungen der Umwelt geknüpft ist." Die Verbindung zur Krankheitsdiagnose sieht man dem Wort "Heimweh" aber immer noch an. Es heißt übrigens im Französischen "mal du pays", "mal du Suisse" und englisch "homesickness". Die Krankheit ist also auch hier im Wort enthalten.

Ulrike Vosberg, Stand vom 01.06.2009

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