Interview mit Dr. phil. Angelika-Benedicta Hirsch
Planet Wissen (PW) : Wieso und wann wurde "Heiraten" überhaupt "erfunden"?
Dr. phil. Angelika-Benedicta Hirsch (A-B.H): Seit wann geheiratet wird, weiß man nicht, das liegt im Dunkel der Geschichte. Die Erfindung der Heirat hat sicherlich pragmatische Gründe: Es war gut fürs Sozialleben und für das Gedeihen der Kinder - für alle Seiten war es das Beste. Es gab aber auch andere, unterschiedlich wichtige Verbindungen, auch ohne Ehe: die zu den Brüdern, Vätern et cetera… Im Lauf der Geschichte haben sich die Ehe und Familie herauskristallisiert, aber es lässt sich nicht lokalisieren, wo das begann. Hochzeit gibt und gab es bei allen Völkern, aber es gibt Unterschiede, wie groß und ausführlich die Hochzeit gemacht wurde. Immer aber war sie ein öffentlicher Akt, auch bei ganz einfachen Familien. Es gibt den rechtlich verbindlichen Akt und wichtig ist dann, wie gefeiert wird. Auch in den bescheidensten Verhältnissen wurde zur Hochzeit mehr gemacht. So gesehen ist das Brauchtum optional, aber es ist das, was eigentlich unter Hochzeit verstanden wird. Der Brauch um die Hochzeit herum war schon in der Antike das Fleisch am Knochen.
PW : Gibt es das überall? Bei allen Völkern und zu allen Zeiten? Wie haben unsere Vorfahren geheiratet?
A-B.H: Aus der europäisch-mythologischen Überlieferung gibt es Hochzeitsgeschichten. Auch in der griechischen und germanischen sind Hochzeiten immer integriert in eine Geschichte. Die Hochzeit ist also nebenbei mit überliefert. Auch über Bilder, auf griechischen Vasen und römischen Grabplatten, lässt sich viel erschließen. Diese Geschichten schildern meist Götterhochzeiten, mythologische Hochzeiten, aber sie sind als das Idealbild der Menschen zu verstehen.
PW: Wie haben es denn die alten Griechen gehalten? Gibt es heute große Unterschiede zwischen den Völkern?
A-B.H: Das Interessante ist, dass die Traditionslinie von den Griechen über die Germanen, die Römer zu uns reicht. Zunächst einmal muss man es nochmals betonen: Die Frauen wurden verheiratet, es gab keine freie Partnerwahl. Der Vater war der Kyrios, das heißt der Herr - übrigens später auch die Bezeichnung für Christus - er machte mit einem Vertragsgeschäft dem Bräutigam Versprechungen. Die Braut kam von der Herrschaft des einen in die Herrschaft des anderen. Das war in der Antike ganz klar eine Machtübergabe. In der Verlobungszeit wurde wirtschaftlich ausgehandelt, die Brautgeschenke und die Mitgift. Am Vorabend der Hochzeit gab es Gebete und Opfergaben und ein Reinigungsbad - das kann man auch oft auf antiken Vasen sehen. Das war übrigens keine erotische Geschichte, das nahmen Männer und Frauen getrennt. Wir sprechen hier auch vom Prototyp, da gab es auch Abweichungen. Am Hochzeitstag also wurde die Braut aus dem Haus geholt zum Festessen. Dieser Hochzeitszug war meistens am Abend mit Fackeln. An diesem einzigen Tag war die Frau in der Öffentlichkeit, nur am Hochzeitstag, sonst nie. Das war vor zirka 3000 Jahren in Griechenland so und das ist im Wesentlichen bis heute geblieben, Nuancen haben sich geändert. Es gibt früher und heute noch den Empfang an der Schwelle, die Braut wurde zum Herd geleitet, sie war die Hüterin des Feuers. Und dann gab es das öffentliche Betreten des Schlafzimmers. Es kam zum Vollzug der Ehe, draußen vor der Tür eine lärmende Menschenansammlung, drinnen die schreiende Braut. Das war manchmal inszeniert, aber oft auch wahr, denn es waren ja keine Liebesehen. Die Braut war oft jung, 14 oder jünger, und der Bräutigam 30 oder älter. Danach erhalten die Braut und Verwandte die Morgengabe, also Geschenke. Nun ist sie offiziell aufgenommen in die Familienbande des Ehemannes und raus aus der alten Familie.
PW : Hat Hochzeit mit Liebe zu tun? Was ist über die romantische Liebe zu sagen?
A-B.H: Hochzeit muss nicht notwendig und vor allem nicht als Erstes mit Liebe zu tun haben, im Allgemeinen ist sie heute in unserer Gesellschaft aber nicht ohne Liebe zu denken. Was Liebe ist? Große Frage, es gibt die erotische, die Freundesliebe, die Liebe von Eltern zu Kindern, die Nächstenliebe... Ich finde heute wichtig, zur erotischen Liebe unbedingt auch Freundschaft und Partnerschaft zu stellen, erotische Liebe alleine hält nicht und braucht deshalb auch keine Hochzeit. Liebe braucht die Hochzeit nicht, wie man Essen und Trinken braucht. Allerdings sagen alle, die ich gefragt habe, auch die, die der Institution Ehe sehr kritisch gegenüberstanden, dass sich mit der Hochzeit noch mal ein deutlicher Qualitätssprung in ihrer Beziehung ergeben hätte.
Die dramatischste Wandlung war die Verschiebung von der Zweckehe zur Liebesehe. In der Geschichte musste das nie notwendig zusammengehen. Seit der Romantik taucht dann aber das Ideal der Liebeshochzeit auf. Bei den Griechen war die leidenschaftliche Beziehung in einer Ehe sogar verpönt, da waren homoerotische Beziehungen für Männer ganz selbstverständlich, oder Kurtisanen. Männer sollten vor und neben der Ehe ihre Erfahrungen machen, die Jungfräulichkeit der Braut war ein hoher Wert.
PW : Hat Hochzeit auch etwas mit Versorgung, Absicherung zu tun? Die Heirat als Arbeitsgemeinschaft?
A-B.H: Der Versorgungsgedanke ist heute nicht mehr so wichtig wie in vergangenen Zeiten, allerdings auch längst nicht so unwichtig, wie man denken würde. Absicherung ist nach wie vor ein elementares Bedürfnis und umfasst ja nicht nur das Ökonomische. Auch der gesellschaftliche Status, das öffentliche Auftreten, Selbstsicherheit, das wird alles erheblich beeinflusst, auch heute.
PW : Warum wollen Menschen beim Heiraten Rituale?
A-B.H: Das Bedürfnis nach Ritualen ist aktueller denn je. Auch die, die nichts mit der Kirche zu tun haben, wollen plötzlich ein Ritual. Rituale gibt es in allen Kulturen und Zeiten, sie sind eine Art Drehbuch, das die Gesellschaft vergibt, wie Übergangssituationen zu machen sind. Das ist nötig, weil man in diesen Situationen belastet ist von Gefühlen wie Ängsten und Unsicherheiten und sich plötzlich in einem Zwiespalt befindet. Man stellt sich Fragen wie: "Werden wir zusammen bleiben?", "Ist er der Richtige?", "Was, wenn wir uns verändern?". Auch der moderne, aufgeklärte Mensch findet sich in dieser Situation unsouverän. Das ist belastend und das Ritual gibt eine Handlungsstruktur vor, es sagt: "Der sitzt da und dort, die Feier wird folgende Elemente haben, zu Essen gibt es dies…". Übergänge sind Krisen, das ist auch bei der Hochzeit so und auch heute noch. Man weiß, was man hatte, aber nicht, was man bekommt.
Almut Röhrl, Stand vom 25.05.2010
Sendung: Hochzeitsbräuche - Zwischen alten Riten und neuem Rummel, 26.05.2010





