Porträt: Johan Galtung
Ein Entschluss mit weitreichenden Folgen
Johan Galtung wurde 1930 in Oslo geboren. Sein Vater war Professor für Militärgeschichte und Strategie und damals der kommandierende General von Norwegen. Dennoch hatte Galtung Zweifel an der militärischen Methode oder Gewaltanwendung als Konfliktlösung. Durch Diskussionen mit seinem Vater und angesichts der Schrecken des Zweiten Weltkrieges und der Konzentrationslager, begann der junge Mathematik- und Soziologiestudent sich mit den Ursachen von Krieg zu beschäftigen. Mit 24 Jahren entschied er sich, selbst etwas für den Frieden zu tun. Dieser Entschluss war der Beginn einer neuen Wissenschaft, der Friedensforschung. Auch in Deutschland bieten inzwischen einige Universitäten den Studiengang Friedens- und Konfliktforschung an. Johan Galtung ist Professor und lehrt an der Universität von Hawaii, der Universität Witten/Herdecke, der Europäischen Friedensuniversität in Österreich und der Universität des Saarlandes. Er veröffentlichte mehr als 70 Bücher - unter anderem über die psychologischen, kulturellen und strukturellen Ursachen bewaffneter Konflikte und ihre Lösungsmöglichkeiten.
Mit Nachdenken, Verständnis und Kreativität
Die Logik eines Mathematikers und die tiefen Einsichten in das komplizierte Netzwerk der menschlichen Beziehungen bestimmen die Lösungsvorschläge Galtungs. Beim Geiseldrama in Perus Hauptstadt Lima im Jahre 1997 arbeitete er mit seinem Team einen Vorschlag für eine friedliche Lösung aus. Eine Gruppe von Revolutionären der Tupac-Amaru hatte in der japanischen Botschaft 72 Geiseln genommen, um ihre 450 Genossen aus den Gefängnissen frei zu bekommen. Das Friedensforscherteam um Galtung analysierte vier Konfliktparteien: die Guerillas, die Genossen in den Gefängnissen, die Geiseln und die Regierung in Peru. Als eigentliche Ursache für den Konflikts fanden sie die Armut in Peru. Jede der Parteien sollte nun einen Beitrag zur Beseitigung der Armut leisten. Das Szenario: Die Guerillas legen ihre Waffen nieder und kämpfen mit friedlichen Mitteln gegen die Armut, die Gefangenen erhalten im Gefängnis eine intensive Ausbildung zum Sozialarbeiter, die Geiseln verpflichten sich, zehn Prozent ihres Lebens der Abschaffung der Armut zu widmen, die peruanische Regierung erhebt die Armutsbekämpfung zu ihrem obersten Ziel. Die Regierungen der USA und Japans sollen sich finanziell beteiligen. Der Vorschlag enthielt noch weitere Aspekte, etwa den Einsatz eines Schlichterteams. Er wurde in 80 Zeitungen veröffentlicht, nicht aber in Westeuropa und den USA. Das Geiseldrama nahm ein gewaltsames Ende: Die Botschaft wurde von Soldaten eingenommen. Eine Geisel, zwei Soldaten und 14 Mitglieder der Revolutionäre starben.
Friedensjournalismus
Die Rolle der Medien und die Aufgabe der Journalisten für die Entwicklung von Konflikten hält Galtung für sehr wichtig ein. Er unterscheidet zwischen Friedens- und Hassjournalismus. Hassjournalismus berichtet erst, nachdem die Gewalt ausgebrochen ist und konzentriert sich lediglich auf die Darstellung des Konfliktes. Es wird nur ein begrenzter Zeitraum behandelt und Vorentwicklungen und Hintergründe nicht aufgedeckt. Hassjournalismus unterscheidet zwischen dem Journalismus "von uns" und dem "der Anderen", wobei "die Anderen" als Problem gesehen werden und ihnen Propaganda unterstellt wird. Wörter wie "Terror", "Vergeltung", "Krieg" oder "Hass" kommen oft vor. Friedensjournalisten sind vor allem an Lösungen interessiert. Sie versuchen Konflikte verständlich zu machen, informieren über Hintergründe und stellen die Lügen aller Seiten dar. Sie zeigen das Leiden der Opfer und berichten über die Folgen des Krieges. Sie informieren auch über Friedensinitiativen und Schlichtungsbemühungen.
Positiv bewertet Galtung das Internet. Obwohl es schwierig sei, den Wahrheitsgehalt der dort veröffentlichten Beiträge zu untersuchen, sei oftmals eine umfassende Beschaffung von Informationen möglich. Anders als in Printmedien, Hörfunk und Fernsehen sei im Netz eine Zensur wesentlich schwieriger.
Innerer Dialog und Handlung
Jahr für Jahr gibt es weltweit viele politische Konflikte, die mit Gewalt gelöst werden. Unzählbar sind die vielen kleinen Alltagskonflikte, die in Hass und Gewalt enden. Dennoch arbeitet Johan Galtung unermüdlich weiter. Seine Arbeit beginnt immer mit sich selbst, mit dem inneren Dialog und er führt sie fort in seinen Projekten. Er ist Direktor von Transcend, einem Netzwerk für Entwicklung und Frieden. Hoffnung schöpft er aus der Geschichte der Menschheit. Sie zeige, dass es irgendwo eine Quelle der Überlebensfähigkeit geben muss. Er glaubt daran, dass die Menschen die innere Neigung und die Kraft besitzen, Probleme auch anders als mit Gewalt zu lösen: durch Mitgefühl, Wissen, Kreativität und langen Atem. Und durch Optimismus.
Julia Lohrmann, Stand vom 06.09.2007






