Interview: Richard David Precht über die Liebe
Planet Wissen (PW): Zunächst die wichtigste aller Fragen an Richard David Precht: Was ist Liebe?
Richard David Precht (R.D.P.): Liebe ist zunächst nur ein Wort! Und wir versuchen mit diesem einen Wort drei ganz verschiedene Zustände zu beschreiben. Und das ist auch das Komplizierte an diesem großen Gefühl! Diese drei verschiedenen Zustände, die eigentlich die Liebe umfassen, verdanken wir den alten Griechen. Sie haben damals unterschieden zwischen Eros, Caritas und Agape. Eros, also die leidenschaftliche Liebe. Caritas meint die Nächstenliebe und Agape steht für die Fürsorge. Wir haben sie in unserem Kulturkreis einfach zusammengetackert unter dem Wort Liebe.
Darüber hinaus gibt es noch viele verschiedene Formen der Liebe. Zum Beispiel die Liebe zu Dingen! Es gibt Menschen, die lieben ihren Sportwagen oder den neuen Korbsessel. Die Sprache erlaubt uns, mit dem Wort Liebe Schindluder zu betreiben.
PW: Sie sind eigentlich Philosoph, also auf den ersten Blick kein "Liebesforscher" - was hat Sie dazu bewegt, ein Buch über die Liebe zu schreiben?
R.D.P.: Ich habe keinen praktischen Ratgeber geschrieben und ich denke auch nicht, dass ich alles wüsste. Sondern ich versuche allgemein darüber nachzudenken, was es mit diesem eigentümlichen Thema auf sich hat, warum es in der Gesellschaft eine so große Bedeutung bekommen hat und vor allem, warum die Menschen so unrealistische Erwartungen an die Liebe haben. Die Menschen sollten intelligenter über sich und ihr Leben nachdenken! Und deswegen habe ich angefangen, über dieses Thema nachzudenken.
Ist romantische Liebe asozial? (2'27'')
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PW: Was ist Liebe denn jetzt?
R.D.P.: Liebe ist ein gewusster Zustand, ein Konzept und besteht aus unterschiedlichen Gefühlen. Das Gefühl der Aufregung, wenn Sie Ihren Partner sehen, ist ein ganz anderes Gefühl, als das, wenn man einfach nur gemütlich kuscheln will. Aber das alles gehört zusammen und macht die Liebe aus. Zum Beispiel, dass Sie mit ihm ein Haus kaufen wollen oder sich die Liebe bis ans Ende Ihrer Tage mit ihm vorstellen können - das alles sieht man nicht Gehirn! Das gehört aber trotzdem zu unserer Vorstellung von Liebe dazu.
Das Verliebtsein dagegen kann man in der Blutbahn biochemisch nachweisen. Das kann man an einem Beispiel klarmachen! Wenn Sie jemanden in einen Kernspintomographen schieben und der dann sagt, dass er seinen Partner liebt, dann könnte man das in dem Kernspin nicht sehen. Das, was dann gerade in dem Moment im Gehirn aufleuchtet, kann alles sein. Wenn Sie sich gerade über Ihren neuen Korbsessel freuen zum Beispiel. Es kann auch sein, dass Sie Ihren Partner lieben, aber sich gerade über ihn geärgert haben oder ihn eben auch manchmal richtig hassen. Wenn man Sie genau dann biochemisch untersucht, zum Beispiel wenn man sich gerade ärgert, dann sieht man eben diese negativen Gefühle abgebildet. Aber das hat ja nichts damit zu tun, ob Sie ihn grundsätzlich lieben.
PW: Kann man denn so etwas Umfassendes wie die Liebe überhaupt erforschen?
R.D.P.: Liebe bestimmt nicht! Bei der Verliebtheit kann man weit kommen. Weil da ein überschaubares Maß an Stoffen dabei involviert ist. Dopamin, Serotonin, Phenylethylamin und so weiter. Es wird bald noch feinere Kernspintomographen geben, mit denen man dann Verliebtheit im Gehirn erkennen kann. Wir tackern bei uns Agape und Eros und Caritas zusammen, ich hatte es vorhin erwähnt, die drei vollkommen unterschiedlichen Liebes-Zustände, wie sie die alten Griechen definiert haben - und wollen die Liebe dann mit technischen Mitteln erklären. Aber das geht nicht! Weil Liebe etwas ist, für das es keine Entsprechung im Gehirn gibt, kann man sie nicht erforschen und nachweisen.
PW: Wie viel müssen wir eigentlich von der Liebe wissen?
R.D.P.: Wenn man unglaublich glücklich verliebt ist, muss man gar nichts wissen! Das Problem ist, dass viele Menschen das Gefühl haben, dass die Liebe, die sie leben, nicht die Liebe ist, die sie eigentlich suchen. Sie fragen sich immer, ob der eigene Partner denn dauerhaft den eigenen Erwartungen entsprechen kann. Und weil man sowieso befürchtet, dass er das nicht können wird, hinterfragt man die Liebe und will mehr über dieses Gefühl wissen. Fragt sich, ob das an einem selber liegt, dass es mit der Liebe nicht so toll ist wie im Roman, am Partner oder vielleicht doch an der Liebe selbst? Und deswegen beschäftigen wir uns damit!
Heute existiert eine Art Marktwirtschaftlichkeit der Liebe! Wir leben in einer Zeit der Wirtschaftlichkeit! Alles ist auf Gewinn ausgerichtet. Und wir wollen, dass das, was wir investieren, auch zurückkommt. Deswegen betrachten wir Liebe anders, als es frühere Generationen getan haben!
PW: Wenn wir also nichts zurückbekommen haben, dann landen wir in einer Art Liebeswirtschaftskrise?
R.D.P.: Genau! Ein gutes Beispiel ist die Art, wie wir heute unsere Wohnungen oder Häuser einrichten - wir kaufen ständig neue Möbel und richten uns alle paar Jahre neu ein! Früher haben die Menschen ihre Wohnungseinrichtung zur Aussteuer bekommen und dann ein Leben lang behalten. Wir wollen heute dagegen immer das Neueste, Beste und Tollste. Und so ähnlich sind auch unsere Erwartungen an das Zwischenmenschliche! Heute haben die Menschen viel mehr Geld, mehr Freiheit und damit natürlich mehr Wahl! Aber sie sind auch unzufriedener und gehen schneller. Weil nie etwas gut genug scheint, wenn man scheinbar alle Möglichkeiten offen hat. Das ist auch in der Liebe so: Wir haben ständig Angst, die Falsche zu treffen und können uns deswegen gar nicht erst entscheiden. Das gibt viel Arbeit für Therapeuten!
Petra Haubner, Stand vom 15.06.2010
Sendung: Die Liebe - Von Wonne, Chaos und (Un)endlichkeit, 31.08.2011





