Die Märchen der Romantik
Planet Wissen (PW): Was versteht man unter dem Begriff Kunstmärchen?
Prof. Volkmar Hansen (V.H.): Zunächst einmal ist es das Gegenteil vom sogenannten Volksmärchen. Unter einem Volksmärchen versteht man phantastische und wundersame Geschichten, die tatsächlich im Volke weitererzählt worden sind und das über einen ganz langen Zeitraum, meist über Jahrhunderte hinweg. Im Gegensatz zu diesen anonymen, aus dem Volke kommenden Märchen stammt das Kunstmärchen von einem bestimmten Autor.
In der Literatur der Romantik hat sich unter den Schriftstellern das Bewusstsein herausgebildet, dass man die Erzählform, die man im Volksmärchen findet, auch dafür verwenden kann, ein Kunstmärchen zu schaffen, das künstlerische Qualitäten entwickelt und das einem hohen literarischen Anspruch genügt. Außerdem setzt das Kunstmärchen ganz klar die Schriftlichkeit voraus. Die mündliche Überlieferung wird dabei nicht mehr erwartet. Diese Tradition wird fortgesetzt durch die Kinder- und Hausmärchen. Das Kunstmärchen hat diese Tradition nicht, sondern ist konzipiert als schriftliche Form, will gelesen und vorgelesen werden und benötigt daher auch einen eigenen, sehr hoch entwickelten Erzählstil.
PW: Welchen Stellenwert hatte das Kunstmärchen in der Romantik?
V.H.: Man muss das Kunstmärchen immer in einem dialektischen Zusammenhang mit dem Volksmärchen sehen. Das Volksmärchen ist zu jener Zeit enorm populär. Und darauf baut die Idee auf, neue Erzählungen und Inhalte, die sich an die breite Masse richten, in Märchenform zu artikulieren und zu transportieren. Das geht einher mit einem ersten wirklichen Ernstnehmen des Volkes. Man benutzt sehr bewusst die Sprache des einfachen Bürgers und spricht nicht, wie damals in den elitären Kreisen üblich, in elegantem Französisch über alle hochkomplexen Probleme. Das Volk und seine Sprache stehen im Mittelpunkt. Man benutzt märchenhafte Motive. Da können Tiere sprechen, das Wunderbare wird zu etwas ganz Alltäglichem. Magische Motive werden entwickelt. Denken Sie an die Loreley. Nicht umsonst ist das eine Erfindung des Romantikers Brentano, die eine große Wirkung gehabt hat. Da wird ein Felsen, der am Rhein steht, zu einem mythischen Ort gemacht.
Man kann das alles als antiaufklärerischen Rückschlag sehen. Die Aufklärung hatte ja erst einmal mit vielen Dingen des Aberglaubens aufgeräumt. Doch damit ist auch etwas Wichtiges verloren gegangen. Das eigentliche Erleben einer Welt ist ja nicht nur von Rationalität, sondern auch von unserer Emotionalität geprägt. Auch religiöse Aspekte erlangen wieder einen hohen Stellenwert im Leben der Menschen. In diesem Sinne ist die Romantik eine Zeit, die es wieder schafft, den inneren Seelenraum des Menschen zu bevölkern. Und das Kunstmärchen spielt dabei eine große Rolle. In unserer heutigen, stark virtuell durch den Computer geprägten Welt kann man erkennen, wie sich dieser Prozess auf ähnliche Weise wiederholt. Heute haben Zeichentrickfilme auch bei Erwachsenen wieder einen enormen Aufschwung. Da leben Kinderwelten wieder auf. Oder auch die Science-Fiction- und Fantasy-Storys sind sehr beliebt. Nehmen Sie den Erfolg der Geschichten um den Zauberlehrling "Harry Potter". Das sind ja auf ihre Weise auch alles Märchenwelten.
PW: Wer waren die wichtigsten Märchenautoren der Romantik?
V.H.: Auf jeden Fall sind da Ludwig Tieck (1773 bis 1853) mit dem "Gestiefelten Kater" als frühes Werk und später mit "Der blonde Eckbert" zu nennen, Clemens Brentano (1778 bis 1842) mit der "Geschichte vom braven Kasperl und dem schönen Annerl", E.T.A. Hoffmann (1776 bis 1822) mit den "Goldnen Topf", Wilhelm Hauff (1802 bis 1827) mit "Kalif Storch" oder mit "Die Geschichte vom kleinen Muck". Das sind Kunstmärchen, die bewusst die Nähe zum Volksmärchen suchen. Man schreibt zwar hohe Kunst, will aber das Volk damit erreichen. Ein beliebtes Stilmittel ist es, parallel zur wirklichen Welt eine irreale magische Welt aufzubauen. Da kann also ein ganz normal lebender Mensch gleichzeitig auch in einem Zauberreich beheimatet sein. Auch Doppelgänger werden gerne eingesetzt. Oder man überträgt Dinge aus der Märchenwelt in die reale Welt, wie zum Beispiel einen gestiefelten Kater, der sprechen kann wie ein Mensch. Zeitsprünge werden benutzt, also das, was wir heute Zeitreisen oder Rückblenden nennen würden.
P.W.: In den Volksmärchen findet die Geschichte meist ihr gutes Ende. Wie sieht das bei den Kunstmärchen aus?
V.H.: Bei den Kunstmärchen muss es nicht zwingend ein solches gutes Ende geben. Die Zwangsläufigkeit, dass im Volksmärchen der Schrecken durch ein "Happy End" aufgehoben wird, also die glückliche Auflösung, die es dann ja schließlich auch für Kinder geeignet macht, gibt es so im Kunstmärchen nicht unbedingt. Kunstmärchen richten sich eben auch nicht an die Kinderwelt, sondern an die Erwachsenen. Und dadurch ergibt sich kein innerer Zwang zu einem glücklichen Ende. Ein Erwachsener hätte vielleicht auch gerne ein glückvolles Ende, aber er weiß, dass das nicht immer der Realität entspricht. Er weiß, dass Geschichten sich durchaus anders entwickeln, ein böses Ende nehmen können. Er hat ein tragisches Bewusstsein in sich.
P.W.: Das Kunstmärchen richtet sich speziell an die Erwachsenenwelt und hat einen höheren literarischen Anspruch als das Volksmärchen. Wie sieht es mit der Moral von der Geschichte aus? Hat das Kunstmärchen auch einen erzieherischen Wert und einen Lerninhalt, wie man das vom Volksmärchen her kennt?
V.H.: Das didaktische Element muss es nicht unbedingt haben, aber es kann durchaus vorkommen. Nehmen wir einmal Andersen, der mit seinen Märchen auch ein Stück deutscher Kulturgeschichte geworden ist. Sein "Tapferer Zinnsoldat" kommt am Ende der Geschichte um, und auch als Erwachsene fühlen wir den Schmerz des Untergangs mit ihm, ziehen daraus die Lehre des Mitgefühls und der Anteilnahme. Die Emotionalität, die sehr oft im Volksmärchen zu erkennen ist, die kann auch durchaus im Kunstmärchen auftauchen.
P.W.: Wie würden Sie als Literaturprofessor die Kunstmärchen einschätzen? Wie literarisch wertvoll sind sie?
V.H.: Sie können hohe Kunstliteratur sein. Ein gutes Beispiel ist dafür E.T.A. Hoffman mit seinen "Serapionsbrüdern" (1819-1821). Das ist eine Sammlung, die beinhaltet eine ganze Reihe von großartigen Erzählungen. Es gibt absolut keinen Grund, warum wir die Kunstmärchen eines Autors mit anderen Augen lesen müssten als seine Romane oder Gedichte. Auch Brentano fällt mir da ein. Sein "Gockel, Hinkel und Gackeleia" (1838) ist durchaus lesenswert. Die Autoren wollten eine andere und besondere Atmosphäre schaffen und haben dazu die Kunstmärchen benutzt. Die Verfasser von Kunstmärchen entsprachen der Absolutheit des Kunstanspruchs, so dass wir die Idee der "L’art pour l’art" letztlich schon in der Romantik nachweisen können. (Anmerkung der Redaktion: "L’art pour l’art", "Kunst um der Kunst Willen", bezeichnet eine Kunsttheorie des französischen Philosophen und Politikers Victor Cousin, die in Frankreich zwischen 1830 und 1870 verbreitet war)
Interview: Alfried Schmitz, Stand vom 12.06.2007
Sendung: Die Romantik - Epoche der Sehnsucht, 21.01.2008









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