Faszination Bach: Interview mit Helmuth Rilling
Planet Wissen (PW): Man könnte meinen, Herr Rilling, dass Sie die Musik von Bach in- und auswendig kennen. Was begeistert Sie immer noch an Bach?
Helmuth Rilling (HR): Es ist so, dass Bach der Höhepunkt einer musikalischen Epoche ist, nämlich des Barocks und gleichzeitig der Abschluss. Bach gelingt es, die Musik, die vor ihm war, nicht nur zusammenzufassen, sondern auch noch zu vollenden.
PW: In unseren Ohren klingt die Musik von Bach so zeitlos. Warum spricht sie uns heute immer noch so an?
HR: Bach hat in seinen Werken, zum Beispiel der Matthäuspassion, grundlegend menschliche Probleme aufgegriffen, wie Liebe, Hass, Verrat und sie musikalisch so umgesetzt, dass sie uns heute noch anrühren und uns immer noch etwas zu sagen haben. Die Melodie zu verschiedenen Themen, wie Liebe oder Treue, die Bach komponiert hat, verstehen wir heute immer noch.
PW: Sie beschäftigen sich nun seit 50 Jahren professionell mit Bach. Kann man da überhaupt noch etwas Neues entdecken, sogar etwas dazulernen?
HR: Bei Bach lernt man immer noch dazu, gerade, wenn man ihn dirigieren und den Musikern und Solisten verständlich machen muss. Man entdeckt immer wieder Neues zum Beispiel bei der Stimmführung oder wie er eine Harmonie unvermutet auflöst, das macht Freude und beflügelt.
PW: Was halten Sie davon, wenn Bachs Werke wie die “Toccata und Fuge d-moll“ in unzähligen Jazz- oder Rockcoverversionen erscheinen oder sie für Bach untypischen Instrumenten wie auf einem Schifferklavier gespielt werden?
HR: Ich finde es wunderbar, dass Bach in den unterschiedlichsten Versionen gespielt wird, das ist geradezu typisch für Komponisten, die interessieren und die gut sind.
PW: Wer hat von Bach gelernt, welche Musiker haben ihn zitiert und übernommen?
HR: Im Grunde hat er alle nachfolgenden Musiker beeinflusst. Mozart, Haydn, er ist der Lehrer von allen. Bach war die Messlatte, an der es sich für die nachfolgenden Komponisten zu messen galt. Von Mozart weiß man, dass er gerade die Fuge von Bach fleißig studiert hat.
PW: Glauben Sie, hat Bach Stücke für die Ewigkeit geschrieben, wird man ihn in 300 Jahren immer noch hören?
HR: Da die Musik uns heutzutage noch erreicht, warum sollte es in Zukunft nicht so weitergehen. Ich habe großes Vertrauen in den Bestand der Musikkultur. Wir haben jetzt erst angefangen, uns der alten Musik zuzuwenden. Im 19. Jahrhundert hat man nur Zeitgenössisches gespielt. Bach, da bin ich mir sicher, wird auch in 300 Jahren noch gespielt werden.
Interview: Sabine Kaufmann, Stand vom 20.12.2007





