Interessiert sich heute noch jemand für Barockmusik?
Bis in die 60er Jahre des vergangenen Jahrhunderts war die Barockmusik aus der Sicht heutiger Barockinterpreten ziemlich heruntergekommen. Die Musik wurde langweilig und schwerfällig gespielt, von Orchestern, die weder historische Aufführungspraxis hatten noch die originalen Instrumente. Die Opernhäuser spielten lieber Stücke aus den vergangenen zwei Jahrhunderten, doch derer war das kulturhungrige Klassikpublikum zu Anfang der 90er Jahre überdrüssig. Auch die Musikproduzenten waren sich einig, dass mit einer weiteren Neuauflage von Beethovens Symphonien kein Geld mehr zu verdienen sei. Etwas Frisches und Neues musste her, und da bot der Barock eine Überfülle an neuem Material.
Seit Anfang der 90er Jahre gilt Barockmusik an Europas Opernhäusern als Jungquell für Musiker und Publikum. Der Fundus scheint fast unerschöpflich. Im 17. und 18. Jahrhundert wurde so viel komponiert, dass viele Stücke erst in den vergangenen Jahren ihre Uraufführung erlebten. Pioniere bei der Wiederentdeckung des Barocks, wie der Sänger und Dirigent René Jacobs, gingen mit frischem Elan an die Wiederbelebung einer Epoche. Sie versuchten den sinnlichen Charakter der Barockmusik durch historische Aufführungen zu erhalten und schafften ein völlig neues, beschwingtes und lebendiges Klangerlebnis.
Sogar in der Populärkultur kamen in den vergangenen Jahren immer wieder barocke Einflüsse zum Vorschein: sei es durch eine an den Barock angelehnte Modelinie oder das Outfit der Sängerin Madonna. Anfang der 90er Jahre war sie beispielsweise in ihrem Video zu "Vogue" komplett in Barockmode gehüllt. Der Opernsänger Jörg Waschinski, der ebenfalls Stücke aus dem Barock in seinem Repertoire hat, sieht als einen der Gründe für den Barockboom die wachsende Sehnsucht nach Harmonie und Schönheit. Die klar strukturierte Barockmusik versetzt viele Menschen in Nostalgie, sie suchen Zuflucht in alten Zeiten - eine Tendenz, die sich in vielen Kulturzweigen abzeichnet.
Götz Bolten, Stand vom 01.06.2009





