Interview mit Dr. Michael Ladenburger
Planet Wissen (PW): Wie groß ist das Interesse an Beethoven heute?
Dr. Michael Ladenburger (M.L.): Wir hatten 2005 rund 90.000 Besucher, davon kommen 70 Prozent aus dem Ausland. Wir haben also eine ganz unterschiedliche Besucherstruktur im Vergleich zu herkömmlichen Museen. Beethoven ist lebendig über die reine Musik hinaus. Er fasziniert Menschen aus allen Kulturkreisen. Die lassen sich von ihm anziehen. Es gibt viele Japaner, die sagen, "Beethoven ist für mein persönliches Leben außerordentlich wichtig" oder "Ich beziehe die Energie, mit der ich lebe und arbeite, aus der Musik Beethovens".
PW: Seit 2005 gibt es neben dem "realen" Beethoven-Haus auch ein "digitales". Was hat es damit auf sich?
M.L.: Das digitale Beethoven-Haus ist der Versuch, die größte Beethoven-Sammlung der Welt in den Dienst einer breiten Öffentlichkeit zu stellen. Wir sagen "sammeln verpflichtet". Das heißt, wir sind zwar ein privater Verein, der das Beethoven-Haus trägt, aber wir sind kein Privatsammler, der alles in den Banksafe legt und sagt "Wie schön, dass nur ich es sehen kann". Wir bieten 24.000 Seiten mit Erklärungen. Man muss aber kein Vorwissen mitbringen, um sich dann anhand dieser authentischen Dokumente ein eigenes Bild über Beethoven machen zu können. Dafür haben wir acht Jahre lang gearbeitet.
PW: Wem "gehört" Beethoven eigentlich heute?
M.L.: Was Einnahmen anbelangt, gehört er niemandem mehr. Das heißt, in der Zwischenzeit ist es ja modern geworden, sich bestimmte Waren schützen zu lassen, aber was bei Beethoven eine wichtige Einnahmequelle wäre, sind die Tantiemen. Die laufen ja nach 70 Jahren aus und er ist ja weit länger tot. Also da gibt es keine Rechte mehr an ihm. Jetzt gehört Beethoven jedem, der sich um ihn bemüht. Wir haben etwa 1000 Mitglieder und diesen gehört auch rein juristisch dieser bedeutende Teil des Erbes, den wir hier haben. Aber niemand von uns ist berechtigt, das zu verkaufen. Es klingt vielleicht pathetisch, aber er gehört der ganzen Welt.
PW: Wie viel weiß man eigentlich wirklich über Beethoven, wie gut ist sein Leben dokumentiert?
M.L.: Über Beethoven weiß man vergleichsweise sehr viel. Das hängt damit zusammen, dass er früh Furore gemacht hat und in der Presse zur Kenntnis genommen wurde. Zum anderen hat er viele Briefe geschrieben, und weil er prominent war, hat man die Briefe aufbewahrt. Dann hat er sehr viele Skizzen gemacht, davon ist nur ein Bruchteil zu Ende gemacht worden. Es sind etwa 5000 Seiten, die er sorgsam gehütet hat und bei seinen 70 Umzügen immer sorgsam weitertransportiert hat. Während andere Komponisten sich als die "Genialen" darstellen wollten und ihre Skizzen ganz bewusst vernichtet haben. Dann kam noch das Los der Schwerhörigkeit dazu, in den letzten zehn Jahren mussten so genannte Konversationshefte benutzt werden, um sich mit Beethoven zu unterhalten. Und wenn man sich mal überlegt, was wir heute im Zeitalter von Telefon und Handy "nicht" hinterlassen und dann vergleicht, was man in zehn Jahren in Form von Konversationsheften hat, das bringt schon eine Menge Wissen mit sich.
PW: Aber trotz dieses Wissens gibt es erstaunlich wenig Literatur über Beethoven und fast jeder Autor zeichnet ein anderes Bild von dem Musiker.
M.L.: Ende des 19., Anfang 20. Jahrhunderts ist eine fünfbändige Beethoven-Biographie erschienen, die ursprünglich ein amerikanischer Generalkonsul in Triest verfasst hat und die dann deutsche Musikwissenschaftler ins Deutsche übertragen haben. Also eine Dokumentar-Biographie, wo schon sehr viel Material zu Grunde gelegt wurde. Jeder Biograph versucht heute, sich davon abzuheben und seiner Arbeit einen Sinn zu geben, dass er viel interpretiert. Ansonsten gibt es sehr viel Fachliteratur über Beethoven, das ist aber auch nicht ungefährlich. Man muss erstmal viel überblicken, man muss viel lesen, um auf dem Stand der Forschung zu sein. Und da haben wenige Leute die Zeit und das Vermögen, das alles zusammenzufassen, dass es noch lesbar bleibt und nicht nur ein Faktengemenge ist. Das ist nicht vielen gegeben, so etwas zu machen. Beethoven in einem kompakten Werk relativ erschöpfend zu behandeln, ist nicht so einfach.
PW: Wie ist sein musikalisches Werk größenmäßig einzuordnen? Trotz relativ langem Leben hat er weitaus weniger hinterlassen als Mozart?
M.L.: Wenn man mal bei Werken bleibt, dann haben wir ungefähr 600 bei Mozart und 300 bei Beethoven. Ein Unterschied liegt darin, dass sich im Zuge des Historismus das Bewusstsein geändert hat. Man hat sich gesagt, die Sachen leben länger, deshalb muss ich auch mehr investieren. Andere Komponisten bei Hofe oder im Dienste von Verlegern mussten oft auf Bestellung arbeiten. Beethoven war da freier und hat auch andere Qualitätsmaßstäbe angelegt. Der war sich sein eigener Richter und hat länger als jeder andere an seinen Kompositionen gefeilt; selbst wenn die schon gedruckt waren, hat er immer was verbessert. Insofern ist das Werk von Beethoven mittelgroß.
PW: Was ist das Besondere an Beethovens Musik?
M.L.: Zum einen ist die Musik im Vergleich zu Barock und Frühklassik einfach weniger berechenbar. Wenn man eine Sinfonie von einem nicht genialen Komponisten aus der Frühklassik hört und einigermaßen musikalisch gebildet ist, kann man sagen, es geht jetzt so weiter und dann kommt es auch so. Das ist nicht negativ zu verstehen, das beruht auf Gesetzmäßigkeiten, die gelernt wurden, die angewandt wurden. Und bei Beethoven wird es zunehmend unberechenbar, im Sinne von phantasievoll. Es ist gelegentlich versucht worden, Skizzen von Beethoven zu Ende zu komponieren. Das scheiterte kläglich, weil eine erste Idee nicht weiterentwickelt wird zu einem nachvollziehbaren Ende, sondern sie kann sich ganz unterschiedlich entwickeln. Und manchmal gibt es Skizzen zu einem fertigen Werk, wo man die Endfassung gar nicht mehr erkennen kann, man gar nicht mehr sicher ist, ob die Skizze wirklich dafür war oder nicht. Das heißt, dieses schöpferische Moment ist stark ausgeprägt.
PW: Was würden Sie Einsteigern empfehlen, wenn man Beethoven kennen lernen will?
M.L.: Ich würde nicht mal mit den Sinfonien anfangen. Ich würde eher so einen Gang durch verschiedene Gattungen machen. Es gibt verschiedene Variationen für Geige und Klavier. Es gibt die Variation, die er über Opernhits der damaligen Zeit geschrieben hat. Das sind pfiffige Stücke, die ein sehr guter Einstieg sind. Zum Beispiel über "Se vuol ballare" aus dem Figaro von Mozart für Geige und Klavier. Ich würde auch nicht die so genannte "Mondschein Sonate" nehmen, die ist ein bisschen abgespielt. Es gibt andere Klaviersonaten. Für mich ist die schönste die Sonate des 27-jährigen Beethoven in D-Dur Opus 10, Nr. 3, die so die ganze Breite von Beethoven, dieses virtuos Lebendige und Tiefgründige in dem langsamen Satz beinhaltet. Aber sie ist nicht so komplex wie in der Spätzeit. Man kann von Beethoven auch verschreckt werden. Das muss aber nicht sein, wenn man sich ihm Schritt für Schritt nähert.
Helmut Brasse, Stand vom 02.11.2006
Sendung: Beethoven - Musik voller Götterfunken, 09.08.2007









