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Flamenco

Für viele steht der Flamenco synonym für die Musik Spaniens - dabei wurden dort die leidenschaftlichen und schmerzvollen Klänge lange Zeit ebenso abgelehnt wie ihre Urheber, die "Gitanos" genannten andalusischen Roma. Über Jahrhunderte hinweg wurden sie unterdrückt und verfolgt. Ihre Gefühle von Verzweiflung und Wut, aber auch überschäumender Lebensfreude, drückten sie zunächst allein im Gesang aus. Erst später gewannen Tanz und Gitarrenbegleitung an Bedeutung.

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Flamencogruppe Hidalgo (7'06'')
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Tanz, Gesang, Gitarre

Außerhalb Spaniens bringt man Flamenco vor allem mit Tanz in Verbindung. Für Spanier und ganz besonders für die Flamencos selbst aber, wie die Künstler und Liebhaber genannt werden, ist das Wichtigste der Gesang. Dieser "cante" ist eine raue, orientalisch anmutende Klage, die ursprünglich unbegleitet vorgetragen wurde.

Eine junge Frau tanzt inmitten von Kneipenpublikum, begleitet von einem Gitarristen. (Rechte: Deiniger & Jaugstetter, ars vivendi Verlag)

Flamenco-Bar in Sevilla

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Der Tanz, el baile, war lange Zeit allein Sache der Frauen. Er gewann vor allem in der Zeit der cafés cantantes von 1850 bis 1936 an Bedeutung, als diese speziellen Flamenco-Lokale populär wurden. Das Gitarrenspiel, el toque, ist für öffentliche Auftritte schon im 16. Jahrhundert nachweisbar. Bei ihren privaten Festen, juergas genannt, begleiteten sich die Gitanos aber nur mit den Mitteln des "son", Tönen, die man mit dem Körper erzeugen kann: Man klatscht in die Hände, klopft den Rhythmus mit den Knöcheln auf einen Tisch oder unterstützt ihn mit Fingerschnalzen. Erst um 1850 begann sich die Begleitung auf der Gitarre durchzusetzen. Heute ist sie längst eine eigenständige und hochvirtuose Kunst.

Ein Sänger und ein Gitarrist sitzen auf einer Bühne. Hinter ihnen stehen drei Männer, die sie mit Händeklatschen begleiten. (Rechte: Deiniger & Jaugstetter, ars vivendi Verlag)

Ezequiel Benitez (Gesang) und Antonio Higuero (Gitarre)

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Flamenco privat und öffentlich

So wie die halbprivate Jam-Session für Jazzmusiker ist die authentische Aufführungsform des Flamencos das "auditorio natural". Das kann ein kleiner Kreis von Eingeweihten im Hinterzimmer einer Flamenco-Kneipe sein, eine Roma-Hochzeit oder eine juerga. Diese privaten Feste der Musiker und Tänzer können sich über die ganze Nacht hinziehen, oft aber auch mehr als 24 Stunden. Im Idealfall folgen sie einer bestimmten Dramaturgie, die sich allmählich von ruhigen, heiteren Stücken über melancholische Klänge bis hin zur Raserei steigert. Ähnlich wie bei der Musik der türkischen Sufis oder bei haitianischen Voodoo-Kulten können die stundenlang wiederholten Rhythmen und Gesänge Künstler wie Zuschauer in Trance und Raserei versetzen. Dieser ekstatische Zustand emotionaler Aufruhr, "duende" genannt, ist ein wesentlicher Teil des Flamenco. Die Feier des Augenblicks, Spontanität und überschäumende Emotionalität sind untrennbar mit ihm verbunden und werden dem unsteten Leben der Roma zugeschrieben. So kann es vorkommen, dass Künstler ihre Auftritte abbrechen oder gar nicht erst auftreten, weil sie nicht in der richtigen Stimmung sind.

Öffentliche Aufführungen haben einen anderen Charakter: Die anonyme Situation und räumliche Trennung vom Publikum verwandelt den Flamenco hier in ein im Voraus berechnetes Bühnenereignis, bei dem die Wechselwirkung mit dem Publikum eine eher untergeordnete Rolle spielt. Stehen im privaten Kreis die Wahrhaftigkeit und Intensität der Emotionen im Vordergrund und weniger klangliche Schönheit, kommen hier Virtuosität und Bühnenpräsenz zu ihrem Recht. Eine wichtige Funktion übernimmt auf der Bühne der Palmero. Anstelle des Publikums tritt er in das Wechselspiel mit den Künstlern, die er mit Zurufen und Händeklatschen anfeuert.

Gemälde einer auf dem Tisch tanzenden Zigeunerin. Um sie herum sitzen bewundernde Männer. (Rechte: AKG)

Die Wurzeln liegen in der Musik der Roma

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Eine weite Reise - von Indien nach Spanien

Entstanden ist der Flamenco aus der Begegnung andalusischer Volksmusik mit der Musizierweise der Roma. In Spanien ließen sich die ursprünglich aus Indien stammenden Roma erstmals um 1425 nieder. Sie sahen sich dort von Anfang an und über Jahrhunderte hinweg schweren Repressalien ausgesetzt. Mit immer neuen Gesetzen und Erlassen wollte man sie in die Sesshaftigkeit zwingen und vertrieb sie aus ihren traditionellen Berufen wie Pferdehandel und Schmiedehandwerk. Der Aufenthalt und das Musizieren und Singen auf öffentlichen Plätzen wurde ihnen immer wieder untersagt. Erst 1783 unterzeichnete Karl III. das letzte "Zigeunergesetz" der spanischen Geschichte: Mit seinen 44 Artikeln gestand er den Gitanos zwar Menschenwürde und eine gewisse Gleichberechtigung zu, verbot ihnen aber im gleichen Atemzug erneut viele ihrer traditionellen Berufe wie den Pferdehandel. Einige der Gitano-Familien nahm Karl III. jedoch unter besonderen Schutz, weil ihre Söhne und Väter in der flandrischen Armee gedient hatten. So kam der Flamenco zu seinem Namen: Flamenco ist das spanischen Wort für Flame. Von diesen einzelnen privilegierten Familien ging der Name im Laufe der Zeit auf die gesamte Volksgruppe über.

Verschmelzung orientalischer und andalusischer Musik

Wo immer die Roma auf ihrer langen Wanderung durch die Länder Asiens, des Orients und Westeuropas auftauchten, verschmolzen sie als Berufsmusiker einheimische Melodien und Rhythmen mit ihren eigenen Spielweisen. So auch in Spanien, wo sie etwa die fröhliche Seguidilla in die von Tragik und Schmerz geprägte Seguiriya verwandelten. Aus dem unbeschwerten Volkslied im Dreivierteltakt wurde ein langsames orientalisches Klagelied, mit vielen Ausschmückungen der Melodie und ohne festen Takt. Die Roma führten auch eine Reihe orientalischer Instrumente wie die Rahmentrommel ein, die nicht nur zum Flamenco gehört, sondern heute noch in ganz Europa verbreitet ist.

Der Flamenco zeigt viele Merkmale orientalischer Musik wie den Gebrauch von Kleintonschritten, die zwischen den Tönen der im Westen gebräuchlichen Tonleitern liegen, oder die Dehnung und variable Wiederholung einzelner Silben. Einige wissenschaftliche Ansätze führen ihn deshalb auf byzantinische, jüdische oder arabische Quellen zurück - plausibel belegen lassen sie sich aber nicht. Wahrscheinlicher ist, dass sich der Flamenco und diese Musikkulturen parallel aus einer gemeinsamen Wurzel entwickelten, was die Gemeinsamkeiten erklären würde.

Eine Tanzbühne mit Tänzerinnen in Schleppenkleidern, davor sitzen Kaffeehaus-Besucher. (Rechte: Palmyra Verlag)

Ein "café cantante" in Sevilla im Jahr 1890

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Der Flamenco schafft sich ein Podium

Spanienreisende des 19. Jahrhunderts wie Théophile Gautier und Alexandre Dumas lieferten mit ihren Reisebeschreibungen die ersten schriftlichen Quellen von Flamenco-Aufführungen. Die dort beschriebenen Tänze und Gesänge wie "tonadas" oder "rondena" finden sich in abgewandelten Formen noch im heutigen Flamenco. Die ersten Flamenco-Künstler, deren Namen überliefert sind, wie Mará Fernández Pena oder Enrique Ortega Diáz waren keine professionellen Musiker. Sie sangen nur im Familienkreis und auf Privatfesten. In der Ära der "cafés cantantes", die von 1850 bis 1936 reicht, änderte sich das. Diese speziellen Flamenco-Lokale, zum Teil aus Ballettschulen und Tanztheatern hervorgegangen, machten ein großes Publikum mit dem Flamenco vertraut.

Gleichzeitig professionalisierten sich die Musiker: Um sich vor der größeren Zuhörerschaft durchsetzen zu können, gewann die Gitarre als Begleitinstrument an Wichtigkeit. Das Repertoire erweiterte sich, indem etwa andalusische Liedformen wie "malaguenas" und "cartageneras" adaptiert wurden. Die rauen, heiseren Stimmen der Gitanos bekamen Konkurrenz durch helle und hohe Belcanto-Stimmen, die durch die italienische Oper beliebt geworden waren. Nun betraten auch "payos", Nicht-Gitanos, die Bühne. In den 1920er-Jahren entstand auch die "ópera flamenco", die große, hochkarätig besetzte Tournee-Show mit Orchester.

Eine Flamenco-Tänzerin mit einem Schleppenkleid, die von einer Gruppe Tänzerinnen und Tänzern angefeuert wird. (Rechte: dpa/ZB)

Flamenco-Solistin Trinidad Artiguez (vorn)

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Flamenco heute

Die Kommerzialisierung des Flamenco stieß nicht überall auf Gegenliebe. 1922 fand deshalb in Granada der erste "cante jondo"-Wettbewerb statt, mit dem der Komponist Manuel de Falla, der Schriftsteller Frederico Garcia Lorca und andere Intellektuelle und Künstler den authentischen Flamenco wieder ins Licht rücken wollten. Das war für sie der "cante jondo" (inniger Gesang). 1936 machte der Bürgerkrieg zwar den "ópera flamencos" ein Ende, aber der kommerzielle und traditionelle Flamenco lebte weiter. Heute zeigt er sich in den verschiedensten Formen. Im Tanz reicht das Spektrum vom traditionellen Solotanz über hochartifizielle Ballett-Compagnien, die den Flamenco mit modernen Tanz-Stilen verbinden, bis hin zu kommerziellen Revue-Spektakeln. Auch musikalisch ist alles drin: Traditionelle Ensembles stehen neben virtuosen Universalisten wie dem Gitarristen Paco de Lucia, der Tradition wie Experiment gleichermaßen verpflichtet ist, und Pop-Formationen wie Los Reyes.

Johannes Hirschler, Stand vom 27.01.2010
Sendung: Andalusien - Land des Lichts und Schattens, 27.01.2010

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