Der virtuelle Wandel – Wie die Musik ihren "Körper" verlor
Befreiung oder Beschneidung?
Diesen Verlust des "Körpers" kann man als Befreiung oder als Beschneidung sehen: Das Cover, die künstlerische Verpackung der LP oder CD ist Teil des Gesamtkunstwerkes, sagen die einen und haben an einer Datei nur den halben Spaß. Musik ist primär zum Anhören da, so die anderen. Sie genießen die Möglichkeit, eine Auswahl von mehreren tausend Titeln immer und überall auf ihrem kleinen Abspielgerät, oder inzwischen sogar auf dem Handy, griffbereit dabei zu haben.
Revolution von unten
Der virtuelle Umsturz wurde nicht von der Musikindustrie eingeleitet. Vielmehr leidet sie bis heute unter den Folgen. Im Internet entstanden die ersten – illegalen – Tauschbörsen für Musik, in denen jeder auf einen weltweiten Pool von Titeln Zugriff hatte und sie auf seinen Computer laden konnte. Die selbstgebrannte CD machte der gekauften Konkurrenz. Dies bescherte der Industrie erhebliche Umsatzeinbrüche. Warum soll man die Musik noch kaufen, wenn man sie auch umsonst über das Internet haben kann? Die Industrie reagierte mit einem Gegenangriff: Langwierige Gerichtsverfahren gegen Musiktauschbörsen zwangen diese in die Knie - 2001 wurde etwa Napster als kostenlose Plattform geschlossen. Nutzer von Online-Tauschbörsen wurden im großen Stil abgemahnt und horrende Summen als Schadensersatz verlangt.
Lange tat sich die Musikindustrie schwer, die neue Technik für sich zu nutzen. Für einen erfolgreichen kontrollierten Online-Vertrieb benötigte sie zunächst ein praktikables System. Heute kann man beim Internetkaufhaus Amazon etwa statt der CD gleich die MP3-Dateien seines Lieblingskünstlers kaufen. Am erfolgreichsten ist bislang jedoch das System iTunes des Computeranbieters Apple. Ein aktueller Titel kostet hier meist zwischen 99 Cent und 1,29 Euro. Diese relativ erschwinglichen Preise beruhen auf einer Mischkalkulation: Apple macht mit günstiger Musik Reklame für seine recht teuren MP3-Player - nicht anders als Emil Berliner vor 100 Jahren das Schallplattengeschäft dazu nutzte, den Verkauf seiner Grammophone anzukurbeln. Auch andere große Unternehmen wie der Sony-Konzern, zu denen sowohl Plattenfirmen wie Hardwarehersteller gehören, verdienen bei einem solchen Modell in jedem Fall – wenn nicht am Verkauf von CDs, dann mit MP3-Playern und CD-Brennern. Insgesamt zeichnet sich ab, dass Musik auf physischen Tonträgern wie CDs zum Nebengeschäft wird. Bereits 2003 wurden in den USA von aktuellen Chartstiteln fünfmal mehr als Download gegenüber der Single verkauft.
Wo bleibt der Künstler?
Doch nicht nur für die Musikindustrie hat die Entwicklung schwerwiegende Folgen, auch die Künstler verdienen an einer illegal herunter geladenen Datei keinen Cent. Durch die Möglichkeit etwa bei iTunes jeden Titel einzeln zu kaufen, werden auch weniger Alben vertrieben – für Künstler ist deshalb heute der Auftritt wieder zu einer wichtigen Einnahmequelle geworden. Dass die Online-Erlöse eines Künstlers im Umbruch sind, zeigt das Beispiel des amerikanischen Rappers Eminem: Er klagte gegen seine Plattenfirma, die ihm einen Anteil von 18 Prozent des Internetgeschäftes auszahlte. Die Argumentation des Musikers aber war, dass für die Online-Verkäufe andere Konditionen gelten müssen und ihm ein Anteil von 50 Prozent zustehe. Schließlich entfielen die Kosten für die Herstellung der Tonträger und deren Vertrieb. Der Oberste Gerichtshof der USA entschied im März 2011, dass Eminem eine Nachzahlung von rund 50 Millionen Dollar zusteht.
Die deutsche Sängerin Lena Meyer-Landrut schaffte es nach ihrem Sieg beim Eurovision Song Contest 2010 über die Internetplattform iTunes mit ihrem Gewinner-Song "Satellite" in zehn europäischen Ländern in die Top Ten. Die weltweite Verfügbarkeit von Musiktiteln per Online-Geschäft bietet so auch Vorteile für junge Künstler. Grundsätzlich müssen diese nicht mehr den langwierigen Weg nehmen, einen Plattenvertrag zu ergattern. Sie können ihre Musik auch selbst ins Internet stellen und so der Öffentlichkeit präsentieren. Das Problem hat sich aber nur verlagert: Denn auch im Internet muss man unter Millionen Anderer erst einmal auffallen.
Thorsten Dryja, Stand vom 26.08.2011









