Die Charts
Orientierungshilfe im Musikgeschäft
Titel, die es in die Charts schaffen, sind gut und erfolgreich – das ist die landläufige Meinung. Was in den Top Ten ist, steht im Plattenladen in der vordersten Reihe und wird im Radio häufiger gespielt als andere Titel. Die Verkaufschancen und die Popularität eines Titel steigen rasant, wenn er in die Hitparaden einsteigt. Damit reflektieren die Charts zum einen den Marktwert eines Künstlers - sowohl für die CD-Käufer als auch für die Plattenfirma, bei der er unter Vertrag steht. Zum anderen prägen die Charts, was populär und wichtig, was der musikalische Mainstream ist. Für viele unentschlossene Schallplattenkäufer sind die Hitlisten Orientierungshilfe beim Einkauf, genauso wie für den fanatischen Sammler, der anhand von Charts seine Sammlung komplettiert und sortiert. Für die Musikindustrie sind sie dagegen ein Marketing-Instrument, mit dem sich frühzeitig das Verkaufspotenzial eines Titels bestimmen lässt.
Geschichte der Charts
Ranglisten für die meistgespielten Musikstücke oder meistverkauften Notenblätter wurden bereits Ende des 19. Jahrhunderts in den USA aufgestellt. Die erste offizielle Hitparade publizierte 1914 das amerikanische Musikmagazin Billboard. Dazu war in Großstädten eine Umfrage gemacht worden, welche Songs in öffentlichen Räumen gespielt wurden. In den 30er Jahren dann erstellte man in den Rundfunkanstalten Ranglisten aufgrund von Hörerzuschriften, und später wurden in die Musikboxen in Kneipen und Tanzsälen Zählwerke eingebaut, die registrierten, wie oft ein bestimmter Titel gespielt wurde.
Das Chartsystem, das bis heute wesentlicher Motivations-Motor der Musikindustrie ist, entstand aus dem Zusammenspiel zwischen Radiosendern und Plattenfirmen: Die Plattenfirmen orientierten ihr Angebot an dem, was in die Charts gelangte und Verkaufspotenzial versprach. Parallel dazu machten manche Sender die Hitlisten zur Grundlage ihrer Programmplanung. Mit der Zeit wurden die Charts umfangreicher und nach Tonträger-Formaten wie Langspielplatte (LP) und Single sowie Genre-Begriffen wie Rhtyhm & Blues, Country & Western, Soul oder Pop differenziert.
Charts in Deutschland
In Deutschland werden die offiziellen Charts im Auftrag des Bundesverbandes der Phonographischen Wirtschaft von dem Marktforschungsinstitut Media Control GfK International erstellt. Es gibt mehrere offizielle Hitlisten: Die wichtigsten Charts für LPs und Singles umfassen jeweils 100 Plätze. Für Compilations (Zusammenstellungen von Liedern) und Jazz-Titel werden die ersten 30 Plätze ermittelt, für Klassik, Schlager, Musik-DVDs und Newcomer die jeweils 20 ersten Plätze. Außerdem gibt es noch die Top-10-Comedy-Charts. Seit 2004 fließen Downloadverkäufe in die Single-Charts ein und bilden zudem eigene Download-Charts.
Und so werden die Hitlisten ermittelt: Von den Plattenläden und Großmärkten mit CD-Abteilung in Deutschland sind fast 3000 an das zentralisierte Bestellsystem Phononet angeschlossen. Phononet ist direkt mit den Kassen verbunden, seine Rechner registrieren jeden Einzelverkauf und erstellen automatisch Listen für die Nachbestellung. Aus diesen Verkaufsdaten entnimmt Media Control Gfk International eine Stichprobe und rechnet die Zahlen hoch. Eine hohe Platzierung in den Charts ist aber nicht automatisch gleichbedeutend mit hohen Verkaufszahlen. Das Tonträger-Geschäft ist stark saisonabhängig. Rund 70 Prozent ihres Umsatzes macht die Musikindustrie in Herbst und Winter. Deshalb kann eine CD in den Sommermonaten bereits mit wenigen tausend Verkäufen auf die vorderen Plätze der Charts gelangen, während in den Wintermonaten ein Vielfaches dazu nötig ist. Entscheidend für die Platzierung sind also nicht die absoluten Verkaufszahlen, sondern die Relation der Verkaufszahlen zueinander.
Früher wurden nur die Daten von Plattenläden ausgewertet. Inzwischen bezieht Media Control Gfk International große Internetversender und Download-Dienste mit ein. Dennoch sind Charts nicht repräsentativ für das gesamte Geschäft mit Tonträgern. Es werden nur die Geschäfte berücksichtigt, die an Phononet angeschlossen sind. Dadurch fallen beispielsweise Spezialläden für Jazz, Klassik oder Dance, die gute Umsätze machen, aber für die sich Phononet nicht lohnt, aus der Wertung heraus. Auch der Verkauf in Drogeriemärkten oder an Tankstellen wird nicht erfasst. Für die Musikindustrie sind vor allem die Geschäfte wichtig, in denen ein repräsentativer Durchschnitt der Kundengruppen einkauft, die sie mit Werbung und Marketingmaßnahmen erreichen will. Für ihre internen Zwecke lassen große Plattenfirmen sogar täglich Trendcharts erstellen, um diese Werbe- und Marketingmaßnahmen auch kurzfristig anpassen zu können.
Manipulationsversuche
Durch dieses System hängt für viele Popkünstler und ihre Plattenfirmen viel von einer hohen Hitparaden-Platzierung ab. Für Newcomer kann die erste oder zweite Single schon die letzte sein, wenn sie nicht eine entsprechende Chartposition erreicht. Wenn die Plattenfirma kein Vertrauen in das kommerzielle Potenzial hat, wird sie den Vertrag wieder lösen. Deshalb gab und gibt es immer wieder Versuche, die Charts zu manipulieren. Um das zu verhindern, werden jede Woche andere Plattenläden für die Stichprobe ausgewählt. Die Zahlen großer Plattenläden und Handelsketten werden schwächer gewertet, weil sie bei möglichen Absprachen mit einem Anbieter zu Verzerrungen führen könnten. Ungewöhnlich hohe Verkaufszahlen einer CD, die nur in einer Region auftreten, werden ebenfalls nicht berücksichtigt – sie könnten ein Hinweis darauf sein, dass jemand versucht, mit gezielten Einkäufen eine CD in die Charts zu bringen. Alle Zahlen werden mit einer komplexen Marktforschungs-Arithmetik aufbereitet und mehrfach auf Unregelmäßigkeiten geprüft.
Dennoch ist das System manipulierbar, wenn man zu einem hohen Aufwand bereit ist. Jedes Jahr überprüfen Media Control und der Bundesverband der Phonographischen Wirtschaft etliche Verdachtsfälle. Bei nachgewiesenen Betrugsversuchen können Musiktitel von den Charts ausgeschlossen. Das war 2005 der Fall: Es galt als erwiesen, dass der Produzent David Brandes den Titel "Run & Hide" im Vorfeld des Eurovision Song Contest mit gezielten Single-Käufen durch ein Netz von Strohmännern in die Charts und so in die deutsche Vorausscheidung gehievt hatte. Dadurch durfte die Interpretin Gracia zwar zum Finale nach Kiew fahren - worauf sie nach ihrem letzten Platz im Nachhinein aber vielleicht lieber verzichtet hätte.
Johannes Hirschler, Stand vom 26.08.2011








