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Operndiven

Primadonna heißt "erste Dame", Diva heißt "Göttin". Ersteres ist zunächst einmal ein schlichter Ordnungsbegriff, denn die "erste Dame" des Hauses besitzt natürlich die größten künstlerischen Fähigkeiten. Entsprechend wird sie für die schwierigsten und strahlendsten Partien eingesetzt. Kein Wunder, dass aus der Primadonna schnell eine Diva, eine Angebetete wird, sobald ein Publikum hinzukommt, das bereit ist, diese "erste Dame" ob ihrer außergewöhnlichen Qualitäten zu verehren.

Die Opernsängerin Emmy Destinn in einer zeitgenössischen Aufnahme. (Rechte: dpa)

Emmy Destinn: Eine der Großen vor dem Ersten Weltkrieg

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Die ersten Diven

Die ersten Diven aber waren Männer. Das mag aus heutiger Sicht irritierend klingen, aber das "Diventum" entzündete sich an den außergewöhnlichen Stimmen. Und als sich die Oper im 18. Jahrhundert zum unangefochtenen Höhepunkt des kulturellen Lebens empor schwang, waren es Männer, die die außergewöhnlichsten Stimmen hatten: die Kastraten. Der chirurgische Eingriff muss ihre Stimme in einer Weise verändert haben, die man sich kaum noch vorstellen kann. Die zeitgenössischen Beschreibungen passen auf keine Stimme unserer Zeit. Zwar gibt es Tonaufnahmen von einem einzigen, dem letzten Kastraten Alessandro Moreschi, aber die stammen aus den Jahren 1902 bis 1904 und sind dementsprechend unzulänglich. Man weiß aber von den großen Kastraten, dass sie extrem versierte und virtuose Musiker waren, die aus ihrem besonderen Klang und ihrer gut geschulten Technik einen überwältigenden Kunstgenuss zaubern konnten.

Als die Kastraten zu Beginn des 19. Jahrhunderts von den Bühnen verschwanden, hatten es die Damen, die jetzt wegen ihrer hohen Stimmen an deren Stelle treten mussten, sicher nicht leicht. Aber die Operngeschichte rollte weiter, die Komponisten schrieben, wie es damals allgemein üblich war, die neuen Partien maßgeschneidert für die neuen Sängerinnen - und so war der Weg frei für die ersten weiblichen Diven.

Interview mit der Opernsängerin Maria Callas anlässlich ihres Gastspiels in Köln. Aufnahme und Sendung: 06.07.1957, Länge 3:48, Autor: Hartwig Schmidt. Das Schwarzweiß-Foto zeigt die Callas in einem weißen Mantel. (Rechte: WDR/dpa)

Callas im Interview (6.7.1957) (3'50")

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Die goldene Zeit

Das 19. Jahrhundert war sicher ein goldenes Zeitalter für die Oper, sowohl im übertragenen wie im materiellen Sinn. Sie war öffentlich, sie wurde geliebt, und sie wurde von einer Fülle großartiger Komponisten bedient. Auch für die Sänger waren das "goldene" Jahre. Die Konkurrenz zwischen den Opernhäusern war groß. Und wer seinem Publikum die Stars bieten wollte, musste - was sich bis heute nicht geändert hat - tief in die Tasche greifen. Wer es als Sängerin oder Sänger bis ganz nach oben schaffte, konnte also reich werden. Die Namen vieler Diven aus dieser Epoche sind uns überliefert: Angelica Catalani (1780-1849), Giuditta Pasta (1798-1865), Giulia Grisi (1811-1879), Jenny Lind (1820-1887), Mathilde Marchesi (1821-1915),Desirée Artôt (1835-1907). Ihre Stimmen wurden liebevoll von Verehrern beschrieben: Sie waren zartgefärbt, verinnerlicht oder ausdrucksvoll und vor allem überstrahlten sie mit ihren Flötentönen mühelos das Orchester. Und sie hoben die Partien aus der Taufe, die heute zum Standardrepertoire der Oper gehören. Was das Diven-Dasein bedeutete, zeigen einige Beispiele:

María Malibran (1808-1836) war eine solche. Nachdem sie im Alter von 17 Jahren in einer Rossini-Oper debütiert hatte, wurde sie vom Publikum auf Händen getragen. In den kommenden Jahren versetzte sie die europäischen Bühnen in Euphorie. In Lucca sollen einige Zuhörer so entrückt gewesen sein, dass sie ihr zu Ehren ihre Pferde abspannten und ihre Kutsche eigenhändig zum Hotel zogen. Man huldigte ihrer ausdrucksstarken Stimme und ihrer charismatischen Bühnenerscheinung. Aber mit dem Erfolg wurde sie auch eigenwilliger. Sehr zum Entsetzen ihrer Bühnenpartner fing sie an in den Vorstellungen zu improvisieren, ganz nach ihren spontanen Eingebungen zu agieren. Und auch die Musik interpretierte sie jedes Mal anders. Sehr zur Begeisterung der Zuhörer, die so jedes Mal einem absolut einzigartigen Ereignis beiwohnten.

Ein wichtiger Grundstein des Diven-Kults ist damit beschrieben: Diven gelten als unberechenbar und deshalb ist es spannend, sie zu erleben. Übrigens wurde auch Malibrans jüngere Schwester Pauline Viardot (1821-1910) als Primadonna gefeiert. Kein Wunder: Ihr Vater Manuel García, selbst ein berühmter Tenor, war der bedeutendste Gesangslehrer seiner Zeit.

Eine echte Diva war auch Adelina Patti (1843-1919). Schon mit sieben Jahren soll sie schwierige Arien fehlerfrei aus dem Gedächtnis gesungen haben, mit 16 debütierte sie und fortan rissen sich die Impressarios um den neuen Star. Sie erhielt die höchsten Honorare ihrer Zeit. Für eine Saison wurde sie sogar nach Russland geholt und dort als "Hofsängerin" mit Reichtum überhäuft. Sie reiste in einem speziell gefertigten Privatzug, mit 50 Koffern, einer Menagerie von Haustieren und ihrem persönlichen Chefkoch. Diven, so zeigt das Beispiel der Patti, genießen ihren Ruhm und den damit verbundenen Luxus. Und noch etwas ganz anderes ist interessant an Adelina Patti. Sie hat lange nach Beendigung ihrer Karriere, im Alter von 62 Jahren, noch einige Schallplatten aufgenommen. Eine einmalige Gelegenheit, ins goldene Zeitalter hineinzuhorchen.

Cecilia Bartoli mit hochgesteckten Haaren. (Rechte: dpa)

Star ohne Allüren: Cecilia Bartoli

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Callas & Co - die letzten Diven?

Die Diven des 20. Jahrhunderts führten diese Tradition zunächst mit Erfolg fort. Namen wie Geraldine Farrar, Rosa Ponselle, Lily Pons, Emmy Destinn, Luisa Tetrazzini, Amelita Galli-Curci sind heute sicher nur noch dem Kenner präsent. Aber in ihrer Zeit, der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts waren sie allgegenwärtig, wurden beinahe kultisch verehrt. Als die 1912 geborene Magda Oliviero in den 70er Jahren im Alter von über 60 auf die Bühne zurückkehrte, drängte sich das aufgebrachte Publikum am Orchestergraben, um sie sehen und ihre Nähe spüren zu können. Ihre Aura, die Aura des Außergewöhnlichen, hatten die Diven nicht verloren. Und dennoch schien sich ihre Ära nach den Stars der 50er und 60er wie Maria Callas, Renata Tebaldi, Joan Sutherland, Elisabeth Schwarzkopf langsam dem Ende zuzuneigen.

Nicht dass es nach ihnen keine großen Sängerinnen mehr gegeben hätte. Aber der Kult schien lange Zeit verblasst. Stars wie Cecilia Bartoli werden auch von ihren Fans verehrt, machen aber kaum Schlagzeilen, geben sich nicht exzentrisch, schwelgen auch nicht in übertriebenem Luxus und werden nicht von durchgedrehten Fans auf Schritt und Tritt verfolgt. Diese zweifelhafte Ehre kommt heute eher Popstars oder Schauspielern zu. Einer der Gründe ist sicherlich, dass die Oper in Punkto Breitenwirkung längst von Film und Popmusik abgehängt worden ist. Aber auch die "Berufsauffassung" der meisten Opernsänger hat sich gewandelt. An Stelle der unbedingten Originalität ist die Zuverlässigkeit getreten.

Anna Netrebko sitzt leicht bekleidet auf einem Bett. (Rechte: ddp)

Anna Netrebko in der Staatsoper in Berlin

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Das Comeback der Diven?

An die großen Diven der Oper knüpft seit Beginn des neuen Jahrtausends Anna Netrebko an. Neben ihren Qualitäten als Sängerin sorgten vor allem ihr Sexappeal, ihre offene Art und ihr Geschick bei der Selbstvermarktung dafür, dass sie zum Liebling der Medien und zu einem Popstar der Klassikszene wurde. Einigen Klassikliebhabern mag der Starrummel um Anna Netrebko zwar ein Dorn im Auge sein, aber die Sängerin sorgte unbestritten für einen Popularitätsschub der Oper. Auch notorische Opern-Muffel lassen sich von Netrebko verzaubern. Ihre Alben "Opera Arias" (2003) und "Sempre Libera" (2004) landeten in Deutschland in den Pophitparaden. Und ihr Konzert mit Plácido Domingo und ihrem regelmäßigen Duett-Partner Rolando Villazón zwei Tage vor dem Finale der Fußball-Weltmeisterschaft 2006 wurde in alle Welt übertragen. Es war bis dato das meistgesehene Klassikkonzert aller Zeiten.

Salim Butt, Stand vom 15.06.2010

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