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"Gypsy-Musik"

Kaum eine Volksmusik hat in Europa so viele und so unterschiedliche Spuren hinterlassen, wie die Musik der Sinti und Roma, die so genannte "Gypsy-Musik". Auch wenn die Bilder des musizierenden und tanzenden fahrenden Volkes längst zu einem Klischee geworden sind, hat die Musik tatsächlich eine große Bedeutung für die Geschichte der Sinti und Roma, die sich nicht selten auch heute noch ihren Lebensunterhalt mit ihrer Musik verdienen.

Durch ein geöffnetes Fenster schaut ein Mann auf einen Geigenspieler und einen Akkordeonspieler in einem Café. (Rechte: Mauritius)

Noch heute ist die Musik angesagt

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Reichtum durch kulturellen Austausch

Man nimmt heute an, dass die Wurzeln der Romani sprechenden Bevölkerungsgruppen im indischen Pandschab liegen. Von dort aus wanderten die verschiedenen Gruppen Richtung Westen - zunächst nach Persien. Hier sollen im fünften Jahrhundert bereits die ersten Vorläufer der "Gypsy-Musiker" vor dem persischen König Bahram Gur gespielt haben, der tausende Musiker und Tänzer zu seiner Unterhaltung aus Indien nach Persien einlud. In den nächsten Jahrhunderten wanderten verschiedene der Sinti und Roma bis in das mittlere Europa.

Tanzendes Flamencopaar.

Der Flamenco ist von der "Gypsy-Musik" beeinflusst

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Auf ihrer Wanderung haben ihre Musiker Stile aus zahlreichen Ländern aufgenommen und weiterverarbeitet. Die Musik, die sich so entwickelte, hat ihrerseits zahlreiche andere Volks- und Kunstmusikstile bereichert. Dabei entstanden etliche gänzlich unterschiedliche Musikstile. Von einer homogenen, von der Region unabhängigen "Gypsy-Musik" kann man also nicht sprechen. Sehr stark etwa ist die Wechselwirkung mit türkischer Tanzmusik gewesen - aber auch ein gewisser Anteil an der Erfindung des andalusischen Flamencos dürfte auf "Gypsy-Musiker" zurückgehen.

Hierzulande sind besonders osteuropäische Musikstile als "Gypsy-Musik" bekannt. Vor allem die ungarische Musik ist stark von der musikalischen Tradition der Sinti und Roma geprägt. Bereits im 15. Jahrhundert haben kleine Musikkapellen an den Höfen vorgespielt. Diese Kapellen bestanden in der Regel aus einer Besetzung von Streichinstrumenten, Klarinette und Cymbal, angeführt von einem in der Regel Geige spielenden Solisten (Primás).

Alte Zeichnung einer Kapelle, im Zentrum tanzt der Geiger.

In Ungarn hat "Gypsy-Musik" eine lange Tradition

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Einfluss auf Kunstmusik

Die Virtuosität der Musiker und die Leidenschaft des Vortrags haben die Musik der Sinti und Roma außerordentlich populär gemacht. Die spezifischen Tonleitern dieser Musik haben früh ihren Weg in die Kunstmusik gefunden. "Zigeunerfantasien" und ähnliche Titel bilden einen erklecklichen Anteil der romantischen Instrumental- und Operettenliteratur. Bekannte Beispiele sind der "Zigeunerbaron" von Johann Strauss oder die "Zigeunerliebe" von Franz Lehár. Berühmt wurde die so genannte "Zigeuner-Tonleiter" auch durch die Klaviermusik von Franz Liszt, der diese spezielle Skala in vielen seiner Klavierwerke verwendet, etwa in den "Rhapsodien". Die starke emotionale Wirkung der Musik der Sinti und Roma hat über Jahrhunderte die Zuhörer beeindruckt. Der französische Komponist Claude Debussy traf 1910 den ungarischen "Gypsy-Musiker" Bela Radics und berichtete über dessen Spiel in einem Café: "Er eröffnet den Seelen jene spezielle Schwermut, die wir nur selten erleben können und entreißt ihnen alle Geheimnisse - nicht mal ein Safe wäre vor ihm sicher."

Im Dienste des Militärs

Die starken Gefühle, die diese Musik in ihren Zuhörern auslöste, wurden auch für ganz andere Zwecke dienstbar gemacht: Im 18. Jahrhundert waren die "Verbunkos" eine Spezialität der "Gypsy-Musik". "Verbunkos" waren Tänze, die im Dienste des Militärs aufgeführt wurden. Berauscht durch das Spiel und die Leidenschaft des Tanzes gaben die Zuhörer am Ende gerne ihre Unterschrift und verpflichteten sich als Soldaten. Auch die berühmte Geigerin Panna Czinka soll im Dienst des Habsburger Militärs gespielt haben, um Freiwillige zu rekrutieren. Die Geigenvirtuosin war selbst eine Freundin des Militärs, sie trat in Uniformkleidern auf und ließ sich auch in Soldatenkleidern beerdigen - gemeinsam mit ihrer Geige, einem kostbaren Exemplar des legendären Geigenbauers Amati.

Auch der Jazz hat etliche Motive der Musik der Sinti und Roma adaptiert - einer der berühmtesten Jazzgitarristen war schließlich selbst ein Sohn französischer Sintiza: der belgische Gitarrist Django Reinhardt. Reinhardt verbrannte sich als Jugendlicher die linke Hand, weil der Wohnwagen, in dem er reiste, sich in Brand gesetzt hatte. Aus diesem Handikap entwickelte sich eine völlig neue Spielweise: Reinhardt spielte praktisch nur mit Zeige- und Mittelfinger. Seine Spielweise war jedoch so virtuos, dass zahlreiche Gitarristen aus aller Welt den Stil des Belgiers bis heute nachahmen.

Malte Linde, Stand vom 10.02.2010

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