Augsburger Puppenkiste
Zauberhaftes Marionettenspiel in der Nachkriegszeit
Wie begann alles? Wie entstand die erste Idee für eine "Puppenkiste"? Das war 1940, während des Zweiten Weltkriegs, an der Westfront in Frankreich. Der gelernte Schauspieler Walter Oehmichen, damals 39 Jahre alt, war als Soldat in Calais stationiert. Um etwas Abwechslung in den trostlosen Kasernenalltag zu bringen, unterhielt er seine Kameraden mit Puppenspiel.
Nach Kriegsende verfolgte Oehmichen seinen Traum von einer eigenen Marionettenbühne weiter - fast ohne Geld, dafür aber mit viel Idealismus. Er radelte 1946 eines Tages durch das fast komplett zerbombte Augsburg und entdeckte einen kaum genutzten und verstaubten Saal des Statistischen Amtes im Heilig-Geist-Spital - ein geeigneter Ort für eine Puppenbühne. Der damalige Amtsleiter hatte nichts gegen das Marionettenspiel. Also wurden Holz, Schrauben und Dübel organisiert, notdürftig eine Bühne gezimmert, Puppen geschnitzt. Bei den ersten Aufführungen hockten die Zuschauer auf Biergarten-Stühlchen.
"Der gestiefelte Kater", ein Märchen des französischen Schriftstellers Charles Perrault, bildete die Grundlage für das Premieren-Stück am 26. Februar 1948. Das Lampenfieber war groß. Und gespannt warteten die Mitglieder des neu gegründeten Marionettentheaters auf die Reaktion in den Medien. Sie fiel freundlich aus - so stand etwa wenige Tage später in der "Augsburger Allgemeinen Zeitung": "In der Puppenkiste schlafen viele geheimnisvolle Wesen. Ein Wort, ein Zug, und sie erstehen zu buntem, zauberhaftem Leben und sprechen zu uns, sei's heiter oder ernst, manches Lösende zur Wirrnis unserer Tage. Wir müssen sie nur hören wollen!"
Mobil durch die Lande
Walter Oehmichen dachte zunächst nicht an eine ortsgebundene, statische, große Bühne. Ihm schwebte ein Reisetheater vor: Klein und überall schnell einsetzbar. Ein praktischer Grundgedanke: Bühne, Puppen, Zubehör - all das sollte schnell in Truhen verpackt werden und mit auf die Reise gehen. Daher der Name "Puppenkiste".
Das Puppenspiel auf der Bühne wurde schnell beliebt, und die gesamte Familie Oehmichen packte mit an. Puppen, Dekorationen, sogar die Beleuchtungstechnik wurden ausschließlich im Familien- und Freundeskreis gefertigt. Mutter Rosa gestaltete die Kostüme und sprach die Mutter-Rollen, Tochter Hannelore schnitzte und führte die Puppen. Und auch Manfred Jenning, ein Schauspielkollege von Walter Oehmichen, war von der ersten Stunde an dabei. Er war unentbehrlich als Berater, geistiger Vater des später mit ins Programm genommenen Kabaretts, als Regisseur und Drehbuchautor. Bereits 1949 inszenierte er als 20-Jähriger sein erstes Stück. Darüber hinaus schrieb er den Text des Urmel-Lieds, des Lummerland-Lieds ("Eine Insel mit zwei Bergen") und vieler anderer Hits. Und er prägte die Rolle des Kasperles, der Symbolfigur der Puppenkiste. Mit seinen vielen guten Ideen trug er maßgeblich zum Erfolg der Puppenkiste bei.
Das kleine Familien-Ensemble trat ab 1951 in Lindau auf, in Donauwörth, Aalen und Neu-Ulm, bald auch in Würzburg, Düsseldorf, Köln und Südtirol. Im Winter übernachtete die Gruppe in ungeheizten Herbergen und reiste in klapprigen Bussen, die nicht selten angeschoben werden mussten. Viel verdienten die Künstler anfangs nicht: Gastspiele erbrachten lediglich eine Gesamtgage von 300 Mark.
Fast zwei Jahrzehnte lang war das Augsburger Ensemble kreuz und quer in Deutschland, der Schweiz und in Österreich unterwegs. Erst 1970 wurden die Gastspielreisen eingestellt, weil keine Zeit mehr dafür blieb. Die Puppenspieler waren damals immer stärker durch neue Bühneninszenierungen und Fernsehproduktionen ausgelastet.
1953: Fernsehruhm für Marionetten
Bundesweit bekannt und berühmt wurde die "Augsburger Puppenkiste" bereits 1953 - durch das Fernsehen. Und das kam so: Im Herbst 1952 präsentierte sich die "Puppenkiste" mit vielen anderen städtischen Unternehmen auf einer Augsburger Messe. Ihre Aufführungen gefielen einem Mann namens Hanns Fahrenburg sehr gut. Er war damals im Auftrag des Nordwestdeutschen Rundfunks (NWDR) auf der Suche nach TV-Attraktionen. Fahrenburg sprach Theaterleiter Oehmichen an und kurz darauf, am 21. Januar 1953, war Sergej Prokofjews musikalisches Märchen "Peter und der Wolf" im Fernsehen zu bestaunen.
Kurz darauf wurde Oehmichen von Fritz Umgelter angerufen, einem alten Freund und Kollegen. Umgelter war 1953 Fernsehregisseur beim Hessischen Rundfunk (HR) - und er hatte am Augsburger Stadttheater gemeinsam mit Oehmichen auf der Bühne gestanden. Er bat den Augsburger Puppenkünstler, vom NWDR zum HR zu wechseln. Gesagt, getan. Die Zusammenarbeit mit dem HR hielt über Jahrzehnte, bis 1994 - abgesehen von einem dreijährigen Zwischenspiel (1956-1959) beim Bayerischen Rundfunk (BR).
Ab 1959 brauchten die Puppenspieler nicht mehr zum Fernsehen zu reisen. Stattdessen kamen die Techniker und Produzenten des Hessischen Rundfunks für die Aufzeichnungen nach Augsburg - jeweils in der sommerlichen Bühnenpause. Mit dabei: ein großes Aufnahmeteam mit Schreiner, Dekorateur, Maler, Toningenieur, Kamera-Assistent, zwei Kameramännern und drei Beleuchtern. Laut Drehplan lag das Tages-Pensum bei nur drei bis vier Sendeminuten. Das hieß rund zehn bis zwölf Stunden Arbeit täglich. Wegen der heißen TV-Scheinwerfer mussten die Puppenspieler auf ihren Spielbrücken schweißtreibende Temperaturen von über 60 Grad aushalten.
So entstanden die legendären TV-Vierteiler, die jeweils an den Advents-Sonntagen ausgestrahlt wurden und im Fernsehen ein Millionen-Publikum fesselten. Seitdem sind rund 150 Produktionen mit den ferngelenkten Stars gesendet worden, zum Beispiel 1961 "Jim Knopf", 1965 "Der Löwe ist los", 1969 "Urmel aus dem Eis". Viele dieser Vierteiler wurden ausschließlich für das Fernsehen gemacht, nie aber "live" auf der Bühne in Augsburg gezeigt. So gern die Besucher das Urmel oder Jim Knopf auf der Bühne gesehen hätten - das ist rein technisch nicht machbar. Denn auf der Theaterbühne muss man sich schon aus Platzgründen auf höchstens zehn Bühnenbilder und Dekorationen beschränken. Dagegen ermöglicht das Fernsehen mit Schnitt und Montage viel aufwändigere Stücke mit über 35 Dekorationen. Wollte man solch eine Fernsehproduktion im Theater aufführen, dann würde das etwa zwei Tage dauern: davon 46 Stunden Umbau und zwei Stunden Spiel.
Das Kreuz mit dem Faden
Walter Oehmichen vererbte die Liebe zum Puppentheater an seine Tochter Hannelore Marschall-Oehmichen. Bis zu ihrem Tod am 16. Mai 2003 schnitzte sie in der Augsburger Puppenwerkstatt rund 6000 "Stars an Fäden". Die kleinen Figuren bestehen ausnahmslos aus Lindenholz, denn es ist besonders weich, fein und dicht. Die Jahresringe sind fast gar nicht erkennbar und es lässt sich auch gut bemalen. Aufwändig werden die Puppen in Handarbeit geschnitzt. Es gibt nur zwei technische Hilfen: eine Bandsäge und eine Schleifmaschine. Die kleinen Kunstwerke sind nicht besonders schwer, sie wiegen nur etwa 800 bis 1200 Gramm. Dennoch ist Puppenspiel ein Kraftakt: Fast jeder Marionetten-Spieler leidet über kurz oder lang an Rückenbeschwerden, weil er sich auf der so genannten "Spiel-Brücke" oberhalb der Bühne weit nach vorn beugen muss.
Auch bei Theateraufführungen ist einiger technischer Aufwand erforderlich. Jeder Premiere gehen vielfältige Arbeiten wie Puppenbau, Proben, Kulissenbau, Herstellung von Requisiten, Malerarbeiten, Aufschnüren der neuen Marionetten, Sprach- und Musikaufnahmen voraus. Dazu kommt die Vertonung: Bereits vor einer geplanten Live-Aufführung im Augsburger Theater treffen sich geübte Schauspieler zur Tonaufzeichnung. Im Studio sprechen sie die Dialoge der Marionettenfiguren ins Mikrophon. Techniker schneiden in minutiöser Feinarbeit das Tonband und entfernen Fehler und Versprecher. Auch alle Geräusche werden per Band zugespielt, ebenso die eigens komponierte Musik. Erst wenn das Tonband fertig produziert ist, bekommen es schließlich die Puppenspieler zu hören. Sie führen ihre Marionetten genau passend zum Tonband-Dialog und können sich daher ganz auf die Gesten und Bewegungen der Figuren konzentrieren. Früher wurden die Lieder der "Augsburger Puppenkiste" nicht - so wie das heute üblich ist - in einem großen Tonstudio mit viel Technik und professionellen Sängern produziert, sondern von Musikern live eingespielt. Diese Arbeitsweise führte dazu, dass die Aufnahmen manchmal bis zu 16 Stunden am Tag dauerten.
Einzigartig und charmant: die Augsburger Marionetten
Geldsorgen - trotz großer Erfolge
Auch im Zeitalter von computeranimierten Filmen und Computerspielen erfreuen sich die Holzpüppchen größter Beliebtheit. Denn während die digitalen Welten von Kino und Video oft mit kühler Perfektion glänzen und den Zuschauer manchmal gestresst und ratlos zurück lassen, bleibt das Puppenspiel menschlich, unperfekt und nah. Und so gründet sich der "Mythos Puppenkiste" wohl auch auf sichtbare Fäden, hölzerne Hände ohne Finger, Vulkane aus Pappe, federleichte Felsen und ein wildes Meer aus Plastikfolie, in dem niemand ertrinken kann. Zum 50. Fernsehgeburtstag wurden im Frühjahr 2003 zahlreiche Klassiker der Puppenkiste im Fernsehen wiederholt. Alle Theatervorstellungen in Augsburg sind seit Jahren ausverkauft. Darüber freut sich natürlich der heutige Chef Klaus Marschall. Er ist einer der beiden Söhne von Hannelore Marschall-Oehmichen, also ein Enkel des Theatergründers Walter Oehmichen.
Dennoch hat die 29-köpfige Theatertruppe große finanzielle Sorgen. Im Jahre 2002 fuhr das Ensemble knapp 100.000 Euro Verlust ein, obwohl die Stadt Augsburg und der Freistaat Bayern mit Subventionsgeldern halfen. Die Ursache aller Probleme: Immer standen ausschließlich Künstler und Idealisten an der Spitze des Hauses, nicht aber Betriebswirte. Sie versäumten es, sich die Rechte an den mittlerweile weltbekannten Figuren und TV-Produktionen zu sichern. Deshalb sind die Lizenzeinnahmen mager. Das große Geld machen die Kinderbuchverlage und die einzelnen Autoren, die geschickter waren und sich die Verwertungsrechte sicherten. Die Puppenkiste bekommt nur ein Prozent ihres Umsatzes durch Lizenzgebühren.
Zur Ideologie der Puppenkisten-Geschäftsführung gehört, dass keine Massenwerbung oder Schleichwerbung auf der Bühne betrieben wird. Vielleicht ist das ja ein Grund für die Beliebtheit der "Augsburger Puppenkiste": Sie ist keine Massenware. Jede Marionette ist einzigartig, genauso wie der Charme ihrer Geschichten - und deshalb wirkt die Puppenkiste wohl gerade in der heutigen Zeit von Dauerberieselung und Oberflächlichkeit wie ein wohl behüteter Schatz, der jedem billigen Trickfilm trotzt. Die Geschichten der "Augsburger Puppenkiste" im Fernsehen und die Aufführungen im Theater haben eines gemeinsam: Die Puppenkiste ist ihrem Ursprung treu geblieben. Mit klarer Sprache, ehrlichen Geschichten, Wortwitz und Liedern, die leicht und gern mitgesummt werden. Und eines zeichnet sie besonders aus: In der Welt der Puppenkiste waren die Schwachen immer stark - und Könige Knallköpfe.
Claudia Kracht, Stand vom 01.06.2009
Sendung: Marionetten - Puppenwelt an dünnen Fäden, 11.12.2007









