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Digitaler Journalismus

Journalismus ist ein kurzlebiges Geschäft: Die Informationen, aus denen Nachrichten gemacht werden, verlieren innerhalb kürzester Zeit ihren Wert. Neuigkeiten sind nur beim ersten Hören neu - wenn man sie schon bei der Konkurrenz gehört hat, sind sie uninteressant. Und die Konkurrenz ist groß: Zeitungen, Zeitschriften, Fernseh- und Radiosender haben ihre Reporter überall und binnen Minuten können aktuelle Informationen gesendet oder über Internet verbreitet werden.

Ein am Stativ befestigtes Mikrophon ragt vor weißem Hintergrund ins Bild. Eine Hand greift nach dem Mikro. (Rechte: dpa)

Im Kampf um aktuelle Nachrichten will jeder Sender gewinnen

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Seit einigen Jahren hat der Geschwindigkeitsrausch des Journalismus einen neuen Taktgeber gefunden: die Digitalisierung. Die Verwandlung analoger Schall- und Lichtwellen in einen binären Code hat die Nachrichtenproduktion revolutioniert. Die digitale Technik hat in jeden Bereich des Nachrichtengeschäfts Einzug gehalten: bei der Recherche, den Videokameras, der Bildübertragung und der Aufbereitung der Bilder zu gestalteten Beiträgen.

Vier weiße Wohnmobile und Vans, die mit Satellitenschüsseln auf dem Dach zu SNG-Wagen umfunktioniert wurden, stehen hintereinander auf der Straße. Mehrere Soldaten und Zivilpersonen laufen daran vorbei. (Rechte: dpa)

Mit dem SNG-Wagen vor Ort

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Mit dem Reporter am Ort des Geschehens

Bei der Berichterstattung aus Krisengebieten ist Exklusivität Trumpf. Allgemein zugängliche Bilder von Nachrichtenagenturen reichen den meisten Redaktionen nicht mehr aus. Sie wollen selbst die Schwerpunkte bei der Berichterstattung setzen und das ist mit den Bildern und Informationen der Nachrichtenagenturen nicht immer möglich. Am liebsten schicken die Nachrichtenredakteure einen eigenen Reporter mit einem Kamerateam an den Ort des Geschehens, der eigene Bilder dreht und am besten live in die Kamera spricht.

Um den Reporter direkt in die Nachrichtensendung einzubinden, braucht man einen speziellen Übertragungswagen, der mit einer sogenannten SNG (Satellite News Gathering)-Einheit, einem Schnittplatz, einer Satellitenschüssel auf dem Dach und Kameras ausgestattet ist. Über die Schüssel können Bilder und Töne zu einem Satelliten geschickt werden. Dort, in einer Höhe von circa 36.000 Kilometern, werden die Signale verstärkt und zurück zur Erde geleitet. Vom Leitungsbüro, der Aufzeichnungs- und Bildaustauschzentrale, der jeweiligen Sendeanstalt können die Signale direkt über den Sender ausgestrahlt oder aufgezeichnet werden.

In der Vergangenheit waren diese Live-Schalten vom Ort des Geschehens schwer zu realisieren. Anfang der 1990er Jahre war die SNG-Ausstattung noch sehr schwer und unhandlich und konnte nur von einem großen Stab an Mitarbeitern bedient werden. An vielen Orten war die Stromversorgung nicht ausreichend und die Übertragungszeiten über den Satelliten für den regelmäßigen Einsatz zu teuer. Die heutigen SNG-Einheiten sind so klein geworden, dass sie im Notfall von einer Person, meist dem Reporter selbst, bedient und transportiert werden können. Der Strom für die sogenannten Fly-Aways wird von tragbaren Generatoren erzeugt. Dadurch sind die Nachrichtenmacher schneller vor Ort und unabhängiger von der vorgefundenen Infrastruktur.

Seit Mitte der 90er Jahre werden Bilder, Töne und Aufsager des Reporters digitalisiert, bevor sie gesendet werden. Die digitalen Datenpakete sind viel kleiner als die analogen, was die Überspielungskosten drastisch gesenkt hat.
Die Entwicklung handlicher Geräte und die Digitalisierung haben weitreichende Folgen für die Gestaltung der Nachrichten. Die einzelnen Nachrichtensendungen zeigen eine größere Präsenz durch den Reporter vor Ort. Die Reporter können innerhalb kürzester Zeit ihre Bilder oder gestalteten Beiträge in die Redaktionen schicken. Die Sender sind dadurch unabhängiger von dem Material der weltweit arbeitenden Nachrichtenagenturen und können eigene Themenschwerpunkte setzen.

Die Redaktion - Ein digitaler Arbeitsplatz

Die Digitalisierung, speziell das Internet, hat das journalistische Tagesgeschäft verändert. Mittels Online-Ausgaben ausländischer oder inländischer Zeitungen können Redakteure Angaben überprüfen oder auch zusätzliche Aspekte und neue Themen weltweit recherchieren. Längst verfügen die Arbeitsplätze in modernen Nachrichtenredaktionen über Internetanschlüsse und ein digitales Redaktionssystem, über das sich die Redakteure das eingehende Material ansehen können, ohne es zuvor auf einer Videokassette aufzuzeichnen.

Ein Ende der Technisierung ist noch nicht abzusehen. Für die kommenden Jahre planen die öffentlich-rechtlichen und die privaten Sender, sich gänzlich von der analogen Technik zu verabschieden. Bilder und Töne sollen in digitaler Form auf einem Server abgelegt werden und von jedem Arbeitsplatz aus bearbeitet werden können. Der Redakteur kann dann das Material an seinem Schreibtisch sichten und auch den Beitrag schneiden. Dies wird nicht nur die Arbeit des Redakteurs drastisch verändern, sondern auch die Produktion der Nachrichtensendungen weiter beschleunigen und damit aktualisieren.

Blick auf den Arbeitsplatz in einer Senderegie: An der Wand stehen über- und nebeneinander zahlreiche Monitore und Recorder verschiedener Größen, davor die dazugehörenden Mischpulte. (Rechte: WDR)

Immer mehr Schnittplätze laufen digital

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Der digitale Schnitt

Noch arbeitet der Redakteur ebenso wie ein Autor beim Schnitt eines Beitrags mit einem Cutter zusammen. An einem sogenannten Schnittplatz werden die einzelnen Elemente des Beitrags zusammengefügt. Häufig geschieht dies heute mit einem Media Composer, einer nonlinearen Schnitteinheit. Das Bildmaterial wird vor dem Schnitt digitalisiert und auf der Festplatte des Geräts abgelegt. Die einzelnen Szenen können dann wie Bausteine zusammengefügt werden bis das Grundgerüst des Beitrags steht. Im nachhinein können dann Effekte wie Ton- oder Bildüberblendungen eingefügt werden. Der Vorteil des digitalen Schnitts liegt auf der Hand: Gefällt dem Redakteur der Aufbau des Beitrags nicht mehr, muss er ihn nicht komplett umschneiden, sondern kann einzelne Passagen schnell austauschen und verschieben. Besonders in der aktuellen Berichterstattung kann dies von Vorteil sein, etwa wenn kurz vor Sendebeginn noch aktuelles Material in den fertigen Beitrag integriert werden soll.

Schöne, digitale Welt - Zitat versus Recherche

Für den aktuellen Nachrichtenjournalismus ist die Digitalisierung Segen und Fluch zugleich. Nicht immer wirken sich die neuen Technologien positiv auf das Nachrichtengeschäft aus. Eine journalistische Untugend, das Zitieren anderer Medien, anstelle einer eigenen Quellenrecherche, hat im Zeitalter des binären Codes Hochkonjunktur. Der Grund hierfür ist einfach: Mittlerweile haben fast alle Zeitungen, Magazine und Fernsehsender ihre eigene Nachrichten-Homepage. Durch das Internet ist der Redaktionsschluss aufgehoben. Sobald eine neue Nachricht da ist, wird sie ins Netz gestellt. Um der Konkurrenz nicht nachzustehen, übernehmen andere Redaktionen kurzerhand die Nachricht. Entweder die Quelle wird namentlich benannt oder es heißt beispielsweise: "...wie in amerikanischen Zeitungen berichtet wird" oder "...laut einem deutschen Wochenmagazin". Wegen des enormen Konkurrenzdrucks riskieren manche Redakteure, lieber eine Falschmeldung abzudrucken beziehungsweise zu senden, als dass sie Zeit in eine eigene Recherche stecken und damit im Kampf um die aktuellsten Nachrichten auf den hinteren Plätzen landen.

Eine Satellitenschüssel vor blauem Himmel und Hausdächern mit den Aufschriften Mecom und Dornier. (Rechte: dpa)

Die Technik hat auch negative Folgen

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Wir schalten jetzt zu unserem Reporter vor Ort...

Was für die Printmedien der kurz vor dem Andruck elektronisch übermittelte Bericht des eigenen Korrespondenten ist, ist für Radio und Fernsehen die Liveschaltung, die den Reporter vor Ort zeigt. Sie gilt als Aktualitätssiegel für schnellen Journalismus. Weil durch die Digitalisierung Kosten und Aufwand für dieses journalistische Stilmittel gesunken sind, wird immer häufiger geschaltet - auch dann, wenn die Schalte keine weiteren Informationen bringt. Die Folge: Der Zuschauer fühlt sich allumfassend informiert, ohne es wirklich zu sein. Diese Entwicklung wird in dem Moment ad absurdum geführt, wenn Schalten aufgezeichnet werden, um in späteren Sendungen Aktualität vorzuspiegeln.

Der Beitrag aus dem Computer

Besonders in Fernseh-Boulevardmagazine fehlen häufig spektakuläre Themen. Um die Sendezeit zu füllen, müssen dann bildschwache Themen ins Programm gehoben werden, also Themen die per se keine Bilder mit Attraktionswert beinhalten. Dennoch soll der Zuschauer bei der Stange gehalten werden, weshalb viele Fernsehmacher auf den digitalen Schnitt setzen. Die Möglichkeiten dabei sind nahezu unbegrenzt: Einzelne Bildelemente können aus Bildern ausgeschnitten, vergrößert oder animiert werden. Ein langweiliger Beitrag kann "aufgeblasen" werden, schlecht aufgenommene Bilder werden kaschiert, das Informationsvakuum wird durch vorgetäuschte Aktion ausgefüllt. Kurz: Dem Zuschauer kann ein Informations- oder Attraktionswert vorgegaukelt werden, der in Wirklichkeit keiner ist.

Götz Bolten, Stand vom 01.06.2009

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Collage aus Bildmotiven zum Thema Fernsehgeschichte. (Rechte: NDR)

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