Nachrichtenauswahl
Was ist wichtig, was nicht?
Warum kennen mehr Menschen die schriftstellerischen Versuche eines Pop-Produzenten, als die eines preisgekrönten Literaten? Die Antwort scheint auf der Hand zu liegen: Über den einen berichten die Medien ständig, der andere wurde gerade mal in einer Randnotiz erwähnt. Das Gleiche gilt auch für politische Nachrichten. Über den Konflikt zwischen Palästinensern und Israelis beispielsweise wird weitaus öfter berichtet als etwa über die vielen Grenzstreitigkeiten zwischen afrikanischen Staaten oder den Konflikt zwischen Nord- und Südkorea. Die Frage ist, wie es zu diesem Ungleichgewicht von Relevanz und Popularität kommt. Was sind die Kriterien der Nachrichtenredaktionen, nach denen sie die Themen für ihre Sendung auswählen?
Objektivität, ein erstrebenswertes Ziel
Objektivität ist das erklärte Ziel der Nachrichtenmacher und gleichzeitig die Forderung des Publikums. Doch die Nachrichtenmacher wissen auch, dass es wirkliche Objektivität nicht geben kann. Zu viele Faktoren bei der Entstehung einer Nachrichtensendung sind von subjektiven Entscheidungen der Redakteure, Reporter und Kameraleute abhängig. Dies fängt schon bei der Kameraarbeit an: Welche Aufnahmen sind wirklich die entscheidenden, um den Beitrag zu bebildern? Diese Entscheidung trifft der Kameramann vor Ort und aus seiner Erfahrung oder aus seinem Gefühl heraus. Auch bei der Bearbeitung des Materials wird subjektiv gewertet. So entscheidet der Redakteur etwa, welche Aspekte des Themas in den Beitrag kommen und welche Bilder in welcher Reihenfolge erscheinen. Die Entscheidung, welche Themen in der Nachrichtensendung behandelt werden, ist ebenfalls von der Einschätzung der Nachrichtenmacher abhängig.
Nachrichtenwert in der Wissenschaft
.In der Kommunikationswissenschaft gibt es einen Forschungsstrang, der sich ausschließlich mit der Gewichtung von Nachrichten beschäftigt. Die sogenannte "Nachrichtenwertforschung" untersucht, welche Kriterien eine Neuigkeit zur Nachricht machen. Seit den 1930er Jahren versuchen Wissenschaftler diese Kriterien zu benennen. Die wichtigsten Voraussetzungen, damit ein Ereignis in die Nachrichten kommt, sind: Aktualität und Überraschung (das Ereignis sollte neu sein), Bekanntheit, Personalisierung (die Protagonisten sollten prominent sein) Spannung (die Neuigkeit sollte einen Konflikt beinhalten), Kuriosität (das Ereignis sollte von der Norm abweichen) und Nähe beziehungsweise Identifikation (es sollte einen regionalen und kulturellen Bezug zum Verbreitungsbereich des jeweiligen Nachrichtenanbieters geben).
Mit diesem Forschungsansatz im Hinterkopf wird klarer, warum Bohlens Buch bekannter ist als das Werk von Kertész. Im Gegensatz zu Kertész ist Bohlen in Deutschland ein Star (Prominenz), er rechnet mit bekannten Personen des öffentlichen Lebens ab (Konflikt), verstößt dabei gegen moralische Normen (Kuriosität) und ist deutscher Nationalität (Nähe). Für Kertész trifft fast keiner dieser sogenannten Nachrichtenwerte zu.
Ähnliches gilt für den Grenzkonflikt in Korea. Ein Blick auf die Weltkarte verrät, dass Korea um ein Vielfaches weiter von Deutschland entfernt ist als Israel - es gibt keine regionalen Bezugspunkte. Auch kulturell sind die Koreaner weiter von Deutschland entfernt als die Israelis, zu denen wir ein besonderes geschichtliches Verhältnis haben. Nur in Ausnahmefällen, wenn ein besonders starker Nachrichtenwert vorliegt, taucht Korea in unseren Nachrichten auf
Nachrichtenwert in der Praxis
In den Redaktionen kümmern sich die Nachrichtenmacher kaum um diese wissenschaftlichen Erklärungsversuche. Trotzdem sind sie die Grundlage ihres journalistischen Handwerks. Wissenschaftler konnten die Nachrichtenwerte erst durch die Beobachtung verschiedener Redaktionen benennen. Meist herrscht in der Praxis ein allgemeines Einverständnis über die Wichtigkeit der Themen. Die praktische Vorgehensweise bei der Themenauswahl ist je nach Redaktion verschieden. Meist wird erst über das jeweilige Thema diskutiert und dann seine Relevanz und Platzierung in der Sendung festgelegt. Für viele Redakteure ist die wichtigste Frage bei der Planung, ob das Thema sie selbst beziehungsweise den Zuschauer interessiert. Nachrichtenmacher tun sich schwer damit festzulegen, wie sie bei ihrer Auswahl vorgehen; zu viele Faktoren spielen dabei eine Rolle und oft sind es Bauchentscheidungen, die auf Erfahrungswerten beruhen.
Das Bild zur Nachricht
Bei den Fernsehnachrichten ist einer der wichtigsten Nachrichtenfaktoren das Bild zur Nachricht. Liegt kein Videomaterial zu einer Neuigkeit vor, sinken die Chancen stark, dass sie zur Nachricht wird. Natürlich gibt es Ausnahmen: Wichtige Neuigkeiten, die auf jeden Fall vermeldet werden müssen, zu denen es aber keine aktuellen Bilder gibt, werden mit einem "Bilderteppich" unterlegt. Wir alle kennen etwa die Außenaufnahmen des UN-Gebäudes in New York oder die Bilder aus dem und um den Reichstag.
In den Nachrichtenredaktionen der privaten Sender ist die Abhängigkeit der Nachrichten von Bildern besonders groß. Grundsätzlich gilt dort das Motto: "Was nicht zu bebildern ist, kommt nicht in die Sendung". In den Hauptabendnachrichten der privaten Sender kommen reine Wortmeldungen eher selten vor. Der Grund dafür: Im Gegensatz zu den öffentlich-rechtlichen Sendeanstalten sind die privaten fast ausschließlich auf die Werbeeinnahmen angewiesen. Der Preis für die Werbezeiten ist von der Zahl der Zuschauer abhängig, die das Programm sehen. Ist eine Nachricht nicht bebildert, so fürchten die privaten Nachrichtenmacher, langweilt sich der Zuschauer und schaltet ab. Die Nachrichtenauswahl ist ein täglicher Balanceakt zwischen Seriosität und kommerziellen Zwängen.
Die Konkurrenz macht es vor
Eines der stärksten Auswahlkriterien für Nachrichten sind die Nachrichten der Konkurrenz. Der wichtigste Impulsgeber für die abendlichen Fernseh-Boulevardmagazine ist die Bild-Zeitung des Tages. Die Bild-Zeitung wird täglich von so vielen Leuten gelesen, dass sie die Macht hat, Themen zu setzen.
Nachrichten müssen immer Aktualität beinhalten, doch auch ein hohes Maß an Aktualität garantiert nicht automatisch einen Platz in den Nachrichten. Neuigkeiten brauchen einen Wiedererkennungswert, etwas, das der Zuschauer schon kennt und in das er die neue Information einordnen kann. Wissenschaftler sprechen dabei von einer sogenannten "Themenkarriere". Eine typische "Themenkarriere" sieht so aus, dass ein Medium ein neues Thema setzt (beispielsweise rechtsradikale Politiker in Österreich). Da sich Medien gegenseitig beobachten, wird die Nachricht auch in anderen Redaktionen geprüft und gegebenenfalls übernommen. Wenn jetzt auch noch ein Fernsehsender das Thema in seinen Nachrichten- und Magazinsendungen behandelt, kann es schnell zu einem allgemeinen Gesprächsthema werden. Wenn ein Thema in der Bevölkerung einen gewissen Bekanntheitsgrad erreicht hat, wird die Wahrscheinlichkeit größer, dass es zu einem Thema für die Nachrichten wird.
Götz Bolten, Stand vom 01.06.2009







