Kochshows - Vom Lehrstück zum Wettstreit
Clemens Wilmenrod bittet als Erster zu Tisch
Der erste deutsche Fernsehkoch, Clemens Wilmenrod, der eigentlich Carl Clemens Hahn hieß, drehte im Februar 1953 seine Pilot-Sendung für den Nordwestdeutschen Rundfunk (NWDR): Zusammen mit seiner Ehefrau und einem Grill der Marke "Heinzelkoch" bereitete er in "Bitte in zehn Minuten zu Tisch" Omelett und Kalbsniere zu. Pro Sendung hatte er nur 15 Minuten Zeit. Das Kochen stand deshalb in dieser Zeit im Mittelpunkt - auch wenn Wilmenrod es durchaus verstand, seine Worte geschickt zu wählen. So prägte er zum Beispiel die Begriffe "Venezianischer Weihnachtsschmaus" für ein paniertes Schnitzel und "Arabisches Reiterfleisch" für ein Hackfleischgericht. Jeden Freitag begrüßte er seine Zuschauer pünktlich um 21.30 Uhr mit einem "Ihr lieben, goldigen Menschen". In späteren Sendungen machte er daraus erst "Liebe Freunde in Lucullus" und schließlich "Verehrte Feinschmecker-Gemeinde". Das Publikum liebte es.
Wilmenrod hatte durch seine Sendung einen starken Einfluss auf die Ess- und Kochgewohnheiten der Deutschen. Stellte er ein Gericht vor, wurde es tatsächlich nachgekocht und die benötigten Lebensmittel entsprechend nachgefragt. Das Angebot an Sendungen war damals allerdings begrenzt, als Kochsendung hatte "Wilmenrod bittet zu Tisch" quasi eine Monopolstellung.
In den 70ern wird im TV auch für Kinder gekocht
Fünf Jahre blieb Clemens Wilmenrod als Fernsehkoch konkurrenzlos - bis 1958 Kurt Drummer mit "Der Fernsehkoch empfiehlt" im DDR-Fernsehen erschien. Der gebürtige Sachse wurde mit den insgesamt 600 Folgen seiner Sendung zum TV-Star.
Ende der 50er und während der 60er Jahre gingen noch weitere Kochsendungen an den Start wie etwa der "Koch Club". Auch in der "Drehscheibe" des ZDF wurde regelmäßig gekocht. Dort prägte in den 70er Jahren Max Inzinger den viel zitierten Satz "Ich hab' da schon mal was vorbereitet" und demonstrierte in kürzester Zeit die Zubereitung verschiedener Gerichte. Eine Besonderheit der 70er Jahre war die Kochsendung "Lirum, larum, Löffelstiel", die sich an Kinder richtete. Ab 1974 wurden regelmäßig Kinder ins ZDF-Studio eingeladen, um dort unter Anleitung zu kochen.
Biolek kocht nicht nur, er bietet gepflegte Unterhaltung
In den 80er Jahren pflegte die deutsche Kochshow zunächst weiter ihren Service-Charakter. Zum Beispiel starteten "Servicezeit: Essen & Trinken" im WDR, ein Ratgeber-Format mit Kochelementen und "Was die Großmutter noch wusste" im SWR, das bis 2006 im Programm blieb.
Erst in den 90er Jahren begann der eigentliche Boom der Kochshow. Alfred Biolek war es, der ab 1994 mit "Alfredissimo" eine neue Ära einläutete, die der Koch-Talkshow. Zusammen mit einem prominenten Gast schnippelt er Gemüse, klirrt mit Töpfen - und vor allem: plaudert. Dazwischen darf eine gepflegte Weinprobe nicht fehlen und ein paar, sich immer wiederholende, praktische Tipps für die Zuschauer. Die Kochshow war vom Service-Stück zur samstäglichen Berieselung geworden. Seine beste Nachahmerin bekam Biolek 1997 mit Christiane Herzog, der Ehefrau des damaligen Bundespräsidenten. Sie lud sich Prominente ins Schloss Bellevue ein, um mit ihnen in der Sendung "Zu Gast bei Christiane Herzog" zu kochen und zu plaudern.
Aus der beschaulichen Talkshow wird ein Wettstreit
Seit Alfred Biolek war klar: Kochen hatte das Zeug zur Kultdisziplin. Es dauerte nicht lange, da sprossen die Kochshows wie Pilze aus dem Boden - und waren dabei längst in eine dritte Phase eingetreten. Die Plauderei war schön und gut, aber zu langsam. Es musste ein Wettstreit her. Den gab es als erstes in der Sendung "Kochduell", die von 1997 bis 2005 auf Vox ausgestrahlt wurde. Die Teams "Paprika" und "Tomate" - jeweils bestehend aus einem Laien und einem Profi - traten gegeneinander an. Nachher wurde das Werk von einer Jury bewertet.
Damit hatte die Kochshow nicht nur ein Wettbewerbselement bekommen, sondern noch etwas anderes war geschehen: Die Laienköche hatten Einzug ins Fernsehen gehalten. Der nächste Schritt war vorhersehbar: 2005 wurde das "Kochduell" von "Das perfekte Dinner" abgelöst. Professionelle Köche sind hier nicht erwünscht. Fünf Kandidaten bekochen und bewerten sich gegenseitig. 2006 startete die entsprechende Prominenten-Variante "Das perfekte Promi Dinner".
Die Laien haben oft bessere Quoten als die Profis
Aber auch im Jahr 2008 gehen Starköche mit der eher klassischen Biolek-Variante einer Kochshow an den Start. So kocht und plaudert etwa Johann Lafer zusammen mit Horst Lichter in "Lafer! Lichter! Lecker!" mit Gästen im ZDF.
Mittlerweile sind der Fantasie in Sachen Kochshow-Formate keine Grenzen mehr gesetzt. So hilft ein Trupp von Chefköchen in "Die Kochprofis" auf RTL 2 Restaurants aufzumöbeln, und in "Unter Volldampf" bekochen Amateure Restaurantgäste. Oft haben die Amateure mehr Zuschauer als die Profis. Manchmal gilt das sogar für Nagetiere: Mit dem Animationsfilm "Ratatouille" schaffte es 2007 eine kochende Ratte auf die große Kinoleinwand.
Johanna Rüschoff, Stand vom 01.06.2009
Sendung: Kochkunst in aller Munde - Berühmte Köche, 20.03.2009







