Interview: Journalisten in der Krise
Planet Wissen (PW): Wie während Katastrophenübungen für Rettungskräfte übernehmen in Ihren Seminaren Schauspieler die Rollen der verletzten und vielleicht traumatisierten Opfer. Was sollen die Journalisten an ihnen trainieren?
Fee Rojas (F.R.): Wie man mit Menschen umgeht, die gerade eine Extremsituation erlebt haben. Die Journalisten führen Interviews, wie sie es nach einem realen Anschlag auch tun würden. Die Schauspieler geben später ein Feedback, wie das für sie war: Wie der Journalist sich vorgestellt hat, ob der Reporter den richtigen Abstand zu ihnen eingehalten hat, welche Fragen sie gut fanden.
PW: Die Frage: "Wie fühlen Sie sich?" taucht in vielen Interviews mit Menschen auf, die gerade Zeuge einer Katastrophe geworden sind. Warum darf ein Reporter diese Frage Ihrer Meinung nach nicht stellen?
F.R.: Wenn ich das jemanden frage, der gerade etwas Extremes erlebt hat, fängt dieser im schlimmsten Fall an, in sich hinein zu spüren und stellt fest: "Ich fühle mich verzweifelt, leer, ich habe alles verloren." Ihm bleibt auch oft die Sprache weg, er spürt nur noch den inneren Abgrund. Es bringt die Leute in gedankliche Prozesse, die der Reporter nicht auffangen kann. Der sagt dann: "Ja, vielen Dank, schöner O-Ton, alles Gute noch für Sie!" Das ist geschmacklos. Solche Fragen schaden. Aber mich haben schon Journalisten von ganz seriösen Medien gefragt: "Was soll ich denn dann fragen?"
PW: Was soll ich denn dann fragen?
F.R.: Die klassischen journalistischen Fragen: Was, wann, wo. Die möchten die Leute oft gerne beantworten. Diese Fragen haben ja auch etwas Strukturierendes. Natürlich kann ich jemanden, der einen Schicksalsschlag erlitten hat, zwei Jahre später fragen, wenn er wieder auf den Beinen ist: "Wie haben Sie sich damals gefühlt?" Wenn ich merke, der hat eine Distanz zu dem Geschehen. Aber wenn ich solche Fragen zu früh stelle, dann streue ich nur Salz in die Wunde. Ich schädige meinen Interviewpartner und behindere den Heilungsprozess.
PW: Aber dem Journalisten bringt es doch womöglich ein sehr emotionales Interview, genau das, was sich die Redaktion wünscht?
F.R.: Jungen Journalisten sage ich oft: "Nichts ist auf Dauer so schwer, wie sich selbst nicht mehr in die Augen schauen zu können, weil man etwas gemacht hat, was einem noch Jahre nachhängt." Den Job zu verlieren, weil der Chef gesagt hat: "Ich will aber das Interview", das ist immer noch besser, als seine Selbstachtung zu verlieren. Wenn ich später denke: "Was habe ich denen bloß angetan?", das sind die Sachen, die noch lange Probleme machen. "Wieso habe ich so die Grenzen überschritten? Wieso bin ich zu den Leuten hingefahren und hab da geklingelt?" Ich kenne Journalisten, die das nicht gut verkraftet haben. Die nicht mehr als Krisen- oder Polizeireporter arbeiten wollen. Und ich kenne auch solche, die deswegen ganz ausgestiegen sind.
Psychologische Hilfe (2'38'')
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PW: Krisenreporter, die sensibel berichten wollen, müssen das Leid ziemlich nah an sich heranlassen. Wie überstehen die Journalisten das, ohne selbst zu Opfern zu werden und ein Trauma davonzutragen?
F.R.: Ein schützender Faktor sind funktionierende soziale Beziehungen. Dass man Menschen hat, mit denen man darüber reden kann. Die Journalistengruppe, die am ehesten traumatisiert wird, sind die Kriegs- und Krisenfotografen. Sie tragen das höchste Risiko und haben auch die höchste Suizidrate. Weil sie oft gleich zum nächsten Ort des Schreckens fliegen und häufig keine funktionierenden sozialen Netzwerke haben. Außerdem haben die Fotografen nicht die Möglichkeit, ihre Geschichte niederzuschreiben oder einen Fernsehbeitrag zu machen. Für Zeitungs- oder Fernsehjournalisten ist es eine Form der Verarbeitung, wenn sie eine Geschichte zu Ende erzählen können.
PW: Wann wird eine schlimme Erfahrung, die ein Journalist macht, überhaupt zu einem Trauma?
F.R.: Wenn ich als Journalist zu schwer verunglückten Menschen gerufen werde oder in ein Kriegsgebiet fahre, wo ich mit vergewaltigten Frauen spreche, dann ist das erstmal ein Extremerlebnis. Dass ich darüber nachdenke, davon träume, vielleicht sogar Szenen plötzlich nochmal erlebe, sogenannte "Flashbacks" habe - das ist in den ersten Wochen normal. Aber dann sollten die Selbstheilungskräfte einsetzen und ich bekomme eine Distanz dazu. Wenn das nicht passiert, kann man von einer Traumatisierung sprechen. Das kann sich durch starke körperliche Verspannungen zeigen, durch Magen- und Rückenschmerzen, Schwindel oder durch Albträume.
Ich bin allerdings der Meinung, dass die klassische Kriegs- und Krisenberichterstattung nicht so häufig schlimme Wunden hinterlässt wie zum Beispiel die jahrelange Berichterstattung über Kinderpornografie. Weil dieses Thema so nah dran an der eigenen Lebenswelt ist. Ich kenne Journalisten, die konnten am Ende kein Kind auf der Straße mehr sehen, ohne dass dabei im Inneren schreckliche Bilder auftauchten.
PW: Warum hört man so selten etwas von traumatisierten Journalisten?
F.R.: Ich denke, Journalisten beschäftigen sich in diesem Punkt nur ungern mit ihrer eigenen Rolle. Es heißt oft: "Was soll so eine Nabelschau, was sollen wir groß darüber berichten, wie es uns Journalisten geht?"
Dagegen wird kein Journalist oder Kameramann gerne sagen: "Mir sitzen die Sachen so in den Knochen, ich bin dadurch nahezu arbeitsunfähig geworden." Das wäre ja auch ein bisschen Kamikaze.
PW: Was müsste sich ändern?
F.R.: Journalisten haben keine Supervision. Wenn ich als Psychotherapeut mit missbrauchten Kindern arbeite, dann habe ich eine Supervisionsgruppe, da werde ich einmal im Monat gefragt: "Was tust du für dich? Wann beschäftigst du dich mit schönen Dingen? Wie kommst du wieder zu Kräften?" So etwas gibt es für Journalisten nicht. Ich bin nicht dafür, jeden zwangsweise dem Psychologen vorzustellen. Aber ich würde es für sinnvoll halten, dass die Redaktionsleiter sich einbringen und fragen: "Brauchst du irgendetwas?" Und vielleicht auch noch nach sechs Wochen wachsam sind und sagen: "Wenn dir etwas davon in den Knochen sitzt, dann bist du trotzdem ein sehr guter Journalist!"
Interview: Christine Buth, Stand vom 01.12.2011
Sendung: Zwischen den Fronten - Reporter im Krieg, 01.12.2011
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