Bethlehem
Verehrt und umkämpft
Bethlehem ist für Juden, Christen und Moslems ein besonderer Ort. Die kleine Stadt im Judäischen Bergland gilt als Heimat des legendären Königs David. Die Christen verehren Bethlehem als Geburtsort Jesu Christi. Und der Prophet Mohammed soll auf seinem Weg nach Jerusalem dort gebetet haben.
Doch der verehrte Ort im Heiligen Land ist heute nicht nur Pilgerstätte und Anziehungspunkt für Touristen, sondern eine Stadt, die im Zentrum des Nahost-Konflikts steht. Wer die Geburtsstätte Jesu besuchen will, muss zunächst die Grenze zwischen Israel und dem Westjordanland passieren. In Bethlehem ist dies eine rund acht Meter hohe Mauer aus Stahlbeton mit scharfen Grenzkontrollen.
Bethlehem ist muslimisch
Rund 27.000 Menschen leben heute in Bethlehem, das seit 1995 zum palästinensischen Autonomiegebiet gehört. Fünf Jahre zuvor waren noch rund 60 Prozent der Einwohner Christen, heute sind es lediglich 15 Prozent, Tendenz abnehmend. Die Konflikte mit der Mehrheit der muslimischen Bevölkerung machen immer wieder Schlagzeilen. Die häufig beklagte Diskriminierung, aber auch die schlechte Wirtschaftslage Bethlehems bringen viele der Christen dazu auszuwandern.
Für Unmut sorgt in der Bevölkerung auch immer wieder ein Kuriosum bei der Stadtverwaltung: Sowohl der Bürgermeister als auch sein Stellvertreter müssen Christen sein. Die muslimische Mehrheit kann zwar ihre Vertreter in den Stadtrat wählen, das Stadtoberhaupt kann sie jedoch nicht stellen. So will es das Gesetz. Für jüdische Israelis ist die Stadt seit dem Jahr 2000 ganz gesperrt. Damals brach die Intifada, der palästinensische Aufstand gegen Israel, aus. Es kam zu Anschlägen, Entführungen und militärischen Gegenschlägen Israels, von denen auch Bethlehem nicht verschont blieb.
Von den Kaanitern bis Christi Geburt
Im Lauf seiner über 5000-jährigen Geschichte wurde Bethlehem immer wieder von fremden Mächten beherrscht. Friedlich ging es dabei nicht immer zu. Etwa 3000 vor Christus wurde Bethlehem als Siedlung von den Kaanitern gegründet. Viele Jahrhunderte beherrschten die Ägypter das Land, in dem sich nach und nach dann die Philister ansiedelten, die vermutlich von Kreta kamen. Schon damals galt Bethlehem als strategisch wichtiger Ort; hier kamen machten auch viele Reisende auf dem Weg nach Ägypten Halt. Um das Jahr 1200 vor Christus hatten die Philister schließlich die Oberhand gewonnen. Sie nannten das Land Palästina.
Im Alten Testament wird Bethlehem im ersten Buch erwähnt: Abrahams Sohn Jakob war mit seiner Frau Rachel unterwegs nach Hebron. Bei Bethlehem brachte Rachel einen Sohn zur Welt und starb direkt nach der Geburt. Ihr Grab kann bis heute besichtigt werden.
Im 8. Jahrhundert vor Christus sagte der Prophet Micha die Geburt des Messias voraus (Micha 5,2). Der neue Herrscher würde in Bethlehem geboren werden. Doch schon beim Geburtsort gehen die Meinungen auseinander: Während in den Evangelien Markus‘ und Johannes‘ von Nazareth die Rede ist, wird steht bei Lukas die Geschichte, wie sie bei uns jeder von Kind an kennt: Josef und Maria kamen zur Volkszählung nach Bethlehem, wo Jesus geboren wurde.
Die Geburtskirche
Zumindest über eines herrscht inzwischen Einigkeit: Beim Geburtsort handelte es sich nicht um einen Stall, sondern eine Höhle. An ihrer Stelle wurde ab dem Jahr 326 die Geburtskirche errichtet – bis heute eine der ältesten Kirchen der Christenheit und einer der bedeutendsten Stätten für Christen in aller Welt. Tausende Pilger besuchen sie jedes Jahr, vor allem zur Weihnachtszeit.
Die eigentliche Geburtsgrotte befindet sich im Untergeschoss der fünfschiffigen Basilika. Ein 14-zackiger silberner Stern, den die katholische Kirche im Jahr 1717 auf der Mittelachse der Basilika anbringen ließ, markiert den vermuteten Geburtsort.
Fremde Herrscher
Im Lauf der Jahrhunderte herrschten viele Völker über Palästina und damit über Bethlehem. Es war Teil des Römischen Reiches, wurde im 7. Jahrhundert von den Persern erobert, 200 Jahr lang von den Kreuzfahrern beherrscht, kam unter ägyptische, türkische und schließlich unter britische Herrschaft. Nach dem Abzug der Briten und der Gründung des Staates Israel kam es zum ersten Krieg mit den Nachbarstaaten. Bis 1967 kam Bethlehem im Westjordanland unter jordanische Herrschaft. 1967 wurde es im Sechs-Tage-Krieg zwischen Israel und seinen arabischen Nachbarstaaten von Israel besetzt.
Seit Dezember 1995 gehört Bethlehem zu den palästinensischen Autonomiegebieten.
Historische Stätten hinter der Mauer
Bethlehems Stadtbild wird bis heute von den verschiedenen Mächten geprägt, die dort herrschten: Dazu gehören imposante Kirchen, Klöster und Moscheen sowie jahrhundertealte Häuser. Es mischen sich islamische, byzantinische, türkische, europäische und örtliche Stile. Zentrum der Stadt ist der Manger Square mit der Geburtskirche und - ihr gegenüber - der Omar-Moschee.
Seit 2003 prägt allerdings noch ein ganz anderes Bauwerk die Stadt: Im Norden verläuft auf rund einem Kilometer Länge die acht Meter hohe Mauer, die in Bethlehem das Autonomiegebiet von Israel trennt. Sie soll Israel vor Attentätern schützen, hat aber für die Bewohner und die Besucher des autonomen Gebiets den Nachteil, dass sie oft sehr weite Umwege zurücklegen und umständliche Kontrollen über sich ergehen lassen müssen.
Die Touristen kommen wieder
Der Tourismus hat sich für die kleine Stadt zum wichtigsten Wirtschaftsfaktor entwickelt. Rund 20 Prozent aller Beschäftigten arbeiten im touristischen Sektor; nach Beginn der Autonomie 1995 wurde mit dem Bau großer Hotels begonnen. Doch der Ausbruch der Intifada im Jahr 2000 - im Jubiläumsjahr Bethlehems - und die Furcht vor Anschlägen haben Spuren hinterlassen: Der Zustrom der Touristen nahm ab, die ersten Hotels mussten wieder schließen, da viele Besucher sicherheitshalber außerhalb der Stadt übernachteten. Betroffen waren auch die Restaurants sowie die vielen Kunsthandwerker und Händler, die vom Verkauf der zahlreichen Souvenirs leben.
Es dauerte Jahre, bis sich die Lage so weit beruhigt hatte, dass der Tourismus wieder auflebte. Die Hotels sind heute wieder gut ausgelastet, neue werden gebaut. Erstmals bekamen 2010 auch 50 israelische Reiseleiter von den Militärbehörden wieder die Genehmigung, mit Reisegruppen nach Bethlehem einreisen zu dürfen. Das Betreten des Autonomiegebiets ist den Israelis ansonsten verboten. Und bis 2010 mussten Besucher Bethlehems, die von Israel aus einreisten, an der Grenze Bus und Reiseführer wechseln.
Mehr als zwei Millionen Besucher kommen nach Angaben der Stadtverwaltung von Bethlehem inzwischen pro Jahr, um den Geburtsort Jesu zu sehen. Hauptbesuchszeit ist natürlich Weihnachten - dann ist in Bethlehem wie zu biblischen Zeiten kein einziges Herbergszimmer mehr frei.
Martina Frietsch, Stand vom 10.04.2012
Sendung: Jesus von Nazareth - Ein Wanderprediger verändert die Welt!, 11.04.2012









