Deutsche Pilgerwege: Der ökumenische Pilgerweg - Die alte Via Regia
Ein großes Streckennetz
Das Christentum des Mittelalters kannte drei große Pilgerstätten: Jerusalem, Rom und Santiago de Compostela. Anziehungspunkte waren die Gräber der Apostel Petrus und Paulus in Rom und das Grab des Jakobus in Spanien. Da Jerusalem lange Zeit zum osmanischen Reich gehörte und Rom nicht die einheitliche Ausstrahlungskraft von heute besaß, entwickelte sich Santiago de Compostela, zumal der Weg dorthin eine wirkliche Herausforderung darstellte, zum beliebten und häufig frequentierten Wallfahrtsziel. Die Pilger, die sich auf den Weg machten, kamen aus den entlegensten Teilen Europas. Ein großes Streckennetz vom Norden, Osten und Süden Europas nach Galizien überspannte den gesamten Kontinent. Viele Routen führten damals auch durch das heilige römische Reich deutscher Nation, zum Beispiel im Westen durch die Pfalz von Speyer nach Hornbach und weiter nach Metz, durch den Schwarzwald nach Basel oder im Süden von Ulm nach Konstanz und von dort auf dem Schwabenweg nach Einsiedeln.
Ökumenischer Pilgerweg
Wer sich aus den Gebieten des heutigen Polens auf den Weg machte, nutzte die alte Via Regia, eine Königsstrasse, die von den östlichen Grenzen des damaligen Reiches nach Westen führte. Diese alte und wichtige Strecke, die Handels-, Heer- Post- und Pilgerstraße in sich vereinigte, wurde durch eine "Jakobusinitiative für Mitteldeutschland" im Jahr 2002 als Ökumenischer Pilgerweg neu entdeckt und wieder belebt. Den Initiatoren ging es darum, das Gebiet der heutigen Bundesländer Sachsen, Sachsen-Anhalt und Thüringen in seiner historischen Bedeutung als alte Kulturlandschaft mit einer großen Pilgertradition sichtbar zu machen. Ihr Ziel war es, ein Jakobswegenetz aufzubauen, das sich an alten Pilgerstätten und –spuren ausrichtet. Der Verlauf des heutigen ökumenischen Pilgerweges orientiert sich an der Strecke der alten Via Regia und führt von Görlitz über Bautzen, Marienstern, Kamenz, Großenhain, Wurzen, Leipzig Merseburg, Freyburg, Naumburg, Eckartsberga, Erfurt, Gotha, Eisenach nach Vacha. Eine der kulturellen und historischen Besonderheiten auf dem Weg findet man in Marienstern. Dort wurde 1264 ein Frauenkloster gegründet, in dem bis heute Zisterzienserinnen nach der Ordensregel des Heiligen Benedikt leben und arbeiten. An den Gebeten und Gottesdiensten der Nonnen können die Pilger teilhaben.
Eine lange Tradition
Auf dem Weg weiter nach Westen zeugt die Stadt Wurzen durch viele Straßennamen von der langen Tradition der Jakobspilgerschaft in Mitteldeutschland. So kommen die Pilger noch heute über die Jakobsgasse auf den Jakobsplatz, wo sich das einstige Jakobstor und die Kirche mit gleichem Namen befanden. Ein ganzes Stadtviertel verweist auf das in weiter Ferne gelegene Pilgerziel Santiago de Compostela. Sehenswert auf dem ökumenischen Pilgerweg ist auch die Stadt Eckartsberga. Darüber erhebt sich die tausend Jahre alte Eckartsburg, die eine Schutzfunktion für die Pilger auf der alten Via Regia übernahm, ähnlich zur Wartburg bei Eisenach. 2003 wurde die letzte Etappe des ökumenischen Pilgerwegs, der in Vacha endet, eingeweiht. Die alte Via Regia führte durch den Ortskern hindurch und setzte sich in Richtung Süden weiter fort. Ab Vacha, dem Ende des Ökumenischen Pilgerwegs in Mitteldeutschland, wird die Beschilderung weitergeführt zum Rhönjakobsweg, der sich nach Fulda und von dort nach Würzburg erstreckt.
Cordula Weinzierl, Stand vom 24.11.2010





