Interview: Allein im Outback
Planet Wissen (PW): Ist es nicht ziemlich einsam, allein rund 6000 Kilometer über staubige Wüsten- und Steppenstraßen zu fahren?
Rainer Rawer (R.R.): Als ich von meiner ersten Station, von Perth (im Süden von West-Australien) Richtung Exmouth (im nördlichen West-Australien) gefahren bin, fand ich die Einsamkeit noch richtig klasse. Aber die Strecke liegt ja auch noch an der Küste und ist noch kein Outback. Als ich dann Richtung Landesinneres auf der Warburton Road gefahren bin, war schon weniger los. Dort kamen mir im Schnitt 20 Autos pro Tag entgegen. Auf dem Gunbarral Highway war es noch einsamer. Ich bin ungefähr drei Wochen gefahren, bis ich den Ayers Rock im Zentrum Australiens erreicht hatte.
PW: Wie viel Wasser hattest du dabei?
R.R.: So sieben Liter, das reicht normalerweise für zwei Tage. Im Sommer jedoch nur für maximal einen Tag. Man muss da schon sehr aufpassen. Wenn man sich zu weit abseits der Wege und Straßen befindet und dann etwas geschieht, kann ein längerer Aufenthalt ohne Wasser tödlich sein. Ein wichtiger Tipp ist: Immer an der Straße bei seinem Fahrzeug bleiben. Im Jahr 2001 hat sich eine Frau nach einem Motorschaden zum nächsten Roadhouse (Gaststätte) aufgemacht. Obwohl sie viel Wasser dabei hatte, hat es nicht ausgereicht, sie im Hochsommer über 40 Kilometer am Leben zu halten.
PW: Hattest du manchmal Angst im Outback?
R.R.: Man kann sich auf fast alles vorbereiten. Manchmal muss man sich vor einigen Aborigines in Acht nehmen. Leider trinken viele von ihnen und vertragen das nicht. Einige werden dann gewalttätig. Den Umgang in den Aboriginal-Communities könnte man als sehr körperlich beschreiben. Wenn es dort zum Streit kommt, ist das meist mit einem Schlagabtausch verbunden. Die Aborigines sind am liebsten unter sich. Eigentlich müsste man sich jedes Mal, wenn man über ihr Gebiet fährt, eine Erlaubnis dafür holen, aber so eng wird das häufig nicht gesehen.
PW: Wie sehen diese Aboriginal-Communities aus?
R.R.: Diese Communities sind normalerweise eine Ansammlung von ein paar Häusern. Meist gibt es dort nur ein Geschäft und wenn man Glück hat noch eine Krankenstation. Hierhin kommen die "Flying Doctors" höchstens vier Mal im Jahr zu Routine-Untersuchungen oder wenn es mal einen schweren Unfall gegeben hat. Organisiert wird diese Gemeinschaft meist von Weißen.
PW: Was für Leute trifft man außerdem im Outback?
R.R.: Natürlich viele Farmer, aber auch Touristen. Auf den wirklich schwierigen Strecken sind es meist nur Australier. Das ist zum Teil so, wie man das aus Amerika kennt: Viele Rentner haben dort ihr Wohnmobil und fahren im Winter nach Florida in die Sonne. In Australien fahren die abenteuerlustigen Leute, die Zeit haben, mit dem Geländewagen ins Outback. Die meisten haben Spaß an der Natur und wollen die berühmten Strecken mal abfahren.
PW: Bist du mit den Menschen auch mal richtig ins Gespräch gekommen?
R.R.: Klar! Die beste Möglichkeit mit einem Australier ins Gespräch zu kommen, ist, wenn was schief geht. Wenn man auf Hilfe angewiesen ist, bekommt man sie auch immer. Das Leben im Outback funktioniert nur, wenn man sich gegenseitig hilft. Wenn man wirklich Hilfe braucht und sich nicht allzu blöd anstellt, dann lernt man die Leute ziemlich schnell kennen.
PW: Und hast du mal Hilfe gebraucht?
R.R.: Öfter. Ich hatte zum Beispiel mal einen Motorschaden mitten im Outback, mitten im Nirgendwo, auf dem Oodnadatta Track, circa 50 Kilometer vor Oodnadatta (südlich vom Ayers-Rock). Nach ein paar Stunden kam ein Auto vorbei, die haben dann beim nächsten Roadhouse angehalten und gesagt, dass ich Hilfe brauche. Der Besitzer war dann gegen Abend bei mir. Als erstes hat er mich gefragt, ob ich mein Motorrad selber reparieren kann. Er hat mir angeboten, seine Werkstatt zu benutzen, er selbst habe gerade zu viel zu tun. Dann hat er mich eingeladen, bei ihm zu übernachten, weil seine Frau gerade nicht da sei und er gerne Gesellschaft habe. Von da an habe ich eine Woche für ihn gearbeitet: Ich habe für ihn die Post ausgetragen, habe in seiner Werkstatt noch andere Motorräder repariert, habe Einkäufe gemacht und seine Verwandtschaft gefahren. Ich hab so ziemlich alles gemacht, was man in einem Wüstenkaff so machen kann. Das Leben dort ist recht unkompliziert. Die Basis dafür ist gegenseitiges Vertrauen.
PW: Wie ist die Mentalität der Menschen im Outback?
R.R. Das sind fast alles gestandene Leute. Sie arbeiten täglich hart und leben in einer sehr tristen Umgebung. Besonders die Cattlemen (Viehtreiber) sind ein Schlag Mensch für sich. Viele haben ein Gewehr dabei, mit dem sie auch gerne mal ein Känguru abknallen, wenn es sich daneben benimmt. Doch trotz der rauen Schale sind sie allesamt hilfsbereit, wenn es drauf ankommt.
PW: Ein ganz anderer Schlag als Westeuropäer?
R.R.: Derber! Emanzipation zum Beispiel hat sich noch nicht im gesamten Busch herumgesprochen. Das ist besonders unfair, weil auch die Frauen im Outback im wahrsten Sinne des Wortes ihren Mann stehen, also hart anpacken müssen. Doch der typisch männliche Macho-Umgang entspricht immer noch dem, was es bei uns vor 30 bis 40 Jahren gab.
PW: Ist es für dich im Outback jemals gefährlich geworden? Du warst ja die meiste Zeit allein unterwegs.
R.R.: Einmal, als ich in der Nähe vom Cape York (im Nordosten) war. Australien ist ja das Land der Zäune. Wenn ein Zaun die Straße kreuzt, auf der man gerade fährt, macht man ihn auf und verschließt ihn wieder. An Straßen, wo viel Verkehr ist, gibt es sogenannte Grits. Das sind Schienen, die zehn bis fünfzehn Zentimeter voneinander entfernt, quer zur Straße liegen. Da trauen sich Schafe und Kühe nicht rüber. Mit dem Motorrad nimmt man normalerweise ein wenig Anlauf und springt über die Schienen. An diesem Tag hat es aber vorher geregnet und ich bin ausgerutscht. Ich bin dann irgendwo aufgeschlagen und habe mir das Schlüsselbein gebrochen.
PW: Und dann?
R.R.: Dann fiel mir ein, dass ich vor circa 20 Kilometern eine Rangerstation passiert hatte. Dahin hat mich dann jemand mitgenommen. Die Leute dort haben gesagt, dass ich großes Glück hätte, weil zufällig gerade die "Flying Doctors" in einer Aboriginal-Community ganz in der Nähe seien.
PW: Und haben die "Flying Doctors" tatsächlich so einen derben Charme wie viele sagen?
R.R.: Der Arzt hat sich auf jeden Fall gefreut, mich zu sehen. Er meinte, so ein Knochenbruch sei eine gute Sache, um seinen Assistenzarzt zu schulen. Der hat dann ein ziemlich unscharfes Röntgenbild von meinem Schlüsselbein gemacht, worauf der Arzt bemerkte: "Gratulation, so zertrümmert habe ich schon lange keins mehr gesehen." Dann hat er mir eine Schleife um den Hals gelegt und gesagt, ich soll den Arm darin jetzt einfach ruhig halten.
PW: Was waren deine wichtigsten Erfahrungen im Outback?
R.R.: Nach vielen einsamen Momenten kommt man ziemlich schnell an den Punkt, dass man mit Menschen reden will und keine Lust mehr hat, den ganzen Tag vor sich hin zu schweigen. Es passiert eine Wandlung mit einem, das geht ziemlich schnell und ohne, dass man es direkt merkt. Man geht mehr auf den anderen ein. Bei uns auf einem Campingplatz ist es ja meistens so, dass keiner mit dem anderen redet. In Australien wird man von jedem angesprochen. Jeden Abend habe ich Leute kennengelernt. Ich hab sehr viel von den Menschen gelernt. Wenn man häufiger dort ist und die Offenheit und Hilfsbereitschaft kennengelernt hat, dann versucht man das natürlich auch irgendwie umzusetzen, wenn man zurück in Deutschland ist. Wenn zum Beispiel jemand am Straßenrand steht, der offensichtlich ein Problem hat, ist es für mich selbstverständlich, dass ich helfe.
Götz Bolten, Stand vom 22.11.2004












