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Interview: Alltag eines Europa-Abgeordneten

Damit man sich im EU-Parlament nicht verläuft, gibt es an jeder Ecke Hinweisschilder. Sind Bäume drauf, ist man auf der Seite des Parlaments, die zum Park zeigt. Prangt auf den Schildern eine Dampflok, ist es die Bahnhofsseite. Dort sitzt Michael Cramer. "Passt gut", findet er, denn Cramer ist Verkehrspolitiker. 15 Jahre lang war er für die Grünen in Berlin, seit 2004 sitzt er in Brüssel. "Ich bin ein Westfale, der als Berliner für Deutschland Europäische Politik macht, noch Fragen?" Aber klar!

Porträtfoto eines lächelnden Mannes mit Anzug und Hemd, ohne Schlips. (Rechte: Michael Cramer)

Michael Cramer kommt aus Westfalen

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Interview

Planet Wissen (PW): Warum sind Sie kein Brüsseler?

Michael Cramer (M.C.): Ich bin nur von Montag bis Donnerstag in Brüssel. Manchmal auch bis Freitag. Am Wochenende bin ich in meinem Wahlkreis Berlin. Wenn ich in Brüssel bin, arbeite ich von morgens bis abends. Wir haben die Fraktionssitzungen hier und die Ausschüsse. Dann hat man unheimlich viele Termine und Gesprächsrunden. Ich glaube, ich hatte in den vier Jahren, die ich jetzt hier bin, sieben oder acht Abende mal "frei", also keinen Termin. Ich habe in Brüssel keine sozialen Bezüge, ich kenne die Stadt kaum. Das ist bedauerlich, aber wenn ich hier Freunde hätte und wollte diese Freundschaften pflegen, dann müsste ich auch mal an Wochenenden hierbleiben und wäre nicht in Berlin.

Vor der Glasfassade des Europäischen Parlaments hängen die Flaggen der Mitgliedsländer. (Rechte: WDR/Fulvio Zanettini)

Das EU-Parlament in Brüssel

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PW: Geht das allen Europa-Abgeordneten so?

M.C.: Ja, ich glaube das geht allen so. Wenn Sie am Wochenende in Brüssel sind, haben rund um das Parlament die Kneipen geschlossen. Es ist nicht unbedingt gut für eine Stadt, wenn das Leben so auf die Werktage beschränkt ist. Ich war ein Mal in der ganzen Zeit in Brüssel in der Oper. Dabei habe ich Musik studiert. Das ist gewiss traurig, aber da gehe ich doch lieber in Berlin in die Oper. Weil man da auch Leute wiedertrifft.

PW: Wie bewältigen Sie denn die Pendelei zwischen Brüssel, Berlin und Straßburg?

M.C.: Ich fliege. Nach Brüssel mit dem Zug zu fahren würde sieben bis acht Stunden dauern, und das hin und zurück in einer Woche, das geht nicht. Also, das geht auch, aber dann ist man nicht mehr voll arbeitsfähig. Negativ ist natürlich daran, dass meine Ökobilanz zum Teufel geht. Ich habe seit 1979 kein Auto und bin hauptsächlich mit dem Fahrrad und öffentlichen Verkehrsmitteln unterwegs. Aber in den letzten vier Jahren bin ich so viel geflogen wie in meinem ganzen Leben vorher nicht.

Bei einbrechender Dunkelheit drängen sich Autos dicht an dicht. Ihre roten Rückleuchten strahlen. (Rechte: Imago)

Feierabendverkehr im Europaviertel

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PW: Wie vereinbaren Sie das mit ihren persönlichen Überzeugungen?

M.C.: Klar hätte ich es lieber anders. Aber die Berliner wollen natürlich auch etwas von ihrem Europa-Abgeordneten haben. Und ich will auch nicht hier in diesem Elfenbeintürmchen sitzen und sonst nichts mitkriegen. Ich kompensiere das viele Fliegen dadurch, dass ich bei "atmosfair" Anm.d. Redaktion: Organisation zur Verringerung von Treibhausgasen) registriert bin. Letztes Jahr hab ich 800 Euro gezahlt. Damit werden dann Projekte finanziert und sie bauen zum Beispiel in der Dritten Welt aus einem Kohlekraftwerk ein Gaskraftwerk.

PW: Wie unterscheidet sich Ihre Arbeit hier in Brüssel von der in Berlin?

M.C.: In Europa haben wir nicht das Spiel Regierung gegen Opposition. Als Parlament kriegen wir nur etwas durch, wenn wir eine gemeinsame Position finden und die auch gegenüber dem Rat und der Kommission durchsetzen. In Berlin gibt es ja offiziell keinen Fraktionszwang, aber jeder, der mal in ein Parlament hineingerochen hat, weiß, es gibt ihn doch. In Brüssel gibt es ihn wirklich nicht.

PW: Warum das denn?

M.C.: Wir sind 785 Abgeordnete, kommen aus 177 unterschiedlichen Parteien in Europa, haben aber trotzdem nur sieben Fraktionen. Die britischen Konservativen stimmen gegen jede Regelung, die europäisch ausgeweitet werden soll, sind aber in einer Fraktion mit der deutschen CDU, die sehr europafreundlich ist. Dass die da zusammen abstimmen, das geht gar nicht. Die französischen Sozialisten sind stolz wie Bolle, dass sie so viele Atomkraftwerke haben. Die deutschen Sozialdemokraten sind stolz wie Bolle, dass sie den Ausstieg aus der Kernenergie beschlossen haben, zusammen mit den Grünen. Also, das gemeinsame Abstimmen einer Fraktion in Europa, das ist in Europa wirklich die Ausnahme, das gibt es ganz selten.

Der Plenarsaal des Europaparlaments war bei der Begrüßung der neuen Mitgliederstaaten 2004 so voll wie nie. (Rechte: dpa/Rolf Haid)

Europa sind viele

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PW: Was bedeutet das praktisch für Ihre Arbeit hier?

M.C.: Es bietet Chancen, weil man mit Überzeugungsarbeit was machen kann. In den einzelnen Fraktionen kenne ich ja die Leute, die ansprechbar sind für ökologische Fragen. Und da kann man dann auch als kleine Partei mehr Stimmen kriegen. Ein Beispiel dafür ist: Ich komme aus Berlin, da habe ich den Berliner Mauerweg kreiert, das ist ein Radweg, der dort entlangführt, wo die Mauer stand. Das habe ich jetzt auch auf die europäische Ebene übertragen und eine große Mehrheit dafür bekommen: für den "Iron Curtain Trail". Als kleine Fraktion ist so was sonst nicht möglich. Das ist hier anders und spannend.

PW: Mussten Sie sich an Brüssel erst gewöhnen?

M.C.: Der Anfang war ein bisschen schwer. So ad hoc begegnet man 250 Personen, die man eigentlich kennen müsste. Man braucht eine Weile, bis man sich eingefuchst hat. Man lernt auch die nationalen Besonderheiten kennen. Die europäische Vielfalt ist ein Reichtum, wie immer so schön gesagt wird. Es ist natürlich auch mal nervig, aber zwischen Bayern und Preußen ist es ja auch nicht immer harmonisch.

PW: Das Europäische Parlament verwendet 23 Amtssprachen. Welche sprechen Sie bei Ihrer Arbeit in Brüssel am häufigsten?

M.C.: In der Fraktion, im Ausschuss, im Plenum spreche ich immer in meiner Landessprache, also Deutsch. Dafür sind die Dolmetscher ja da. Es wird immer kritisiert, dass die Übersetzungsdienste 250 Millionen Euro im Jahr kosten. Aber da hat Jacques Delors* mal gesagt: 250 Millionen Euro ist weniger, als ein Tag Krieg kostet. Aber wenn es darum geht, Kompromisse auszuhandeln oder Absprachen zu treffen, dann macht man das in der Regel auf Englisch. Ab und zu spricht man auch Französisch, aber sehr selten.

*[Anm. der Red.: Jacques Delors - französischer Politiker, langjähriger Europa-Abgeordneter und Träger des Karlspreises für Verdienste um die Einigung Europas]

Angela Merkel im roten Kostüm vor einer Masse von Journalisten, die sich mit Mikrofonen, Kameras und Aufnahmegeräten herandrängen. (Rechte: dpa)

Anfang 2007 hatte Deutschland den Vorsitz im EU-Rat

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PW: Um mal auf die typischen Vorwürfe zu kommen, die der EU gemacht werden: Warum entstehen in Brüssel so viele sinnlose Vorschriften?

M.C.: Die Bananenkrümmung, klar, das war Europa. Aber das geht nur, wenn alle mitmachen. Ich bin absolut sauer, wie mit den Vorschriften umgegangen wird. Es gibt kein europäisches Gesetz, bei dem die deutsche Bundesregierung, egal welcher Couleur, nicht zugestimmt hätte. Aber ich kenne keinen deutschen Kanzler oder Kanzlerin, die nicht gesagt haben: Was haben die Idioten in Europa schon wieder beschlossen! Dass sie selber ein Teil der Idiotie waren, das wird aber verschwiegen. Damit wird Europa zum Buhmann gemacht. Dann darf man sich nicht wundern, dass bei den Menschen ankommt: Diese Idioten in Brüssel, was machen die da, das kostet alles nur Geld, weg damit.

PW: Haben Sie Ihrer Familie mal Brüssel gezeigt?

M.C.: Mein Sohn ist jetzt 19. Vor zwei Jahren war er in den Herbstferien mit seiner Clique hier. Ich bin ausgezogen und sie haben in meiner Wohnung gewohnt. Sie haben Sitzungen mitgemacht und Daniel Cohn-Bendit hat sie in der Fraktion begrüßt. Sie kannten ihn nicht, aber sie haben es später den Eltern erzählt und die haben gesagt "Was? Den habt ihr getroffen?" Da waren sie natürlich stolz. Es hat ihnen unheimlich viel Spaß gemacht und sie erzählen davon noch heute.

Interview: Christine Buth, Stand vom 18.03.2009

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Bildcollage zum Thema Belgien aus Flagge, Häusern und Atomium. (Rechte: Mauritius/dpa)

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