Interview mit Marion Schmitz-Reiners über belgische Politik
Planet Wissen (PW): "Belgische Regierung am Ende", "Regierung verzweifelt gesucht" - typische Schlagzeilen für die belgische Politik. Warum ist unser kleiner Nachbar so schwer zu regieren?
Marion Schmitz-Reiners (M.S.R.): Das liegt zum einen daran, dass Belgien ab 1970 föderalisiert wurde. Die einzelnen Regionen forderten immer mehr Eigenständigkeit. Das führte dazu, dass Belgien schon vor Jahren anfing, auseinanderzudriften. Zum anderen darf man nicht vergessen, dass in Belgien zwei Sprachen gesprochen werden: in Flandern Niederländisch und in Wallonien Französisch. Die Sprache ist eben doch für die Identität eines Menschen sehr wichtig.
Das alles führt dazu, dass sich die Flamen heute sehr stark als Flamen empfinden und die Wallonen als Wallonen. Das trifft natürlich auch auf die Politiker zu. Es gibt kaum noch Politiker, die gesamt-belgisch denken. Momentan ist eine Politikergeneration am Steuer, die zwischen 1960 und 1970 geboren wurde. Diese Leute sind eigentlich nicht mehr in einem richtigen Belgien geboren, sondern in einem Belgien, das auseinanderstrebt.
PW: Es gibt in Belgien Parlamente für die Regionen, für die Gemeinschaften und Gesamtbelgien. Wissen die Belgier überhaupt selbst noch, wer sie gerade regiert?
M.S.R.: Nein, wirklich nicht. Wir haben insgesamt sechs Parlamente und sechs Ministerpräsidenten. Das führt dazu, dass wir in Belgien knapp 60 Minister haben. Und die kann man natürlich nicht alle im Kopf behalten. Ich weiß auch gerade mal, wer der Ministerpräsident der wallonischen, der deutschsprachigen, der Brüsseler und der flämischen Region ist. Dazu darf man nicht vergessen, dass wir seit dem Krieg insgesamt 38 Regierungen hatten. In Deutschland waren es acht. Die wechseln hier einander so schnell ab, dass es sich teilweise gar nicht lohnt, die Namen auswendig zu lernen.
PW: Trotzdem wird auch einiges dafür getan, dass sich die Belgier wieder näher kommen und ein Gemeinschaftsgefühl entwickeln. Teilweise sind das recht kuriose Dinge.
M.S.R.: Ja, Sie meinen die Schüleraustauschprogramme zwischen Flandern und der Wallonie. Das stimmt. Die König-Baudouin-Stiftung organisiert in der Tat flämisch-wallonischen Schüleraustausch, aber auch flämisch-wallonischen Journalistenaustausch. Es gibt nämlich kein zweisprachiges nationales belgisches Fernsehen, nur französisch- oder niederländischsprachige TV-Anstalten. Dazu noch die kleinste öffentlich-rechtliche Sendeanstalt Europas, den Belgischen Rundfunk (BRF). Der ist deutschsprachig. An sich halte ich diese Programme für eine ganz gute Initiative. Bezeichnenderweise gehen aber auch sie von einer privaten Stiftung aus und nicht vom Staat.
PW: Brüssel ist die Heimat Europas. Könnte Belgien Vorbild für ein vereintes Europa sein?
M.S.R.: Wohl eher nicht. Ich finde diese Kleinstaaterei, wenn plötzlich jede Gemeinschaft ihre eigenen Theater, Schulen und Subventionen haben möchte, zeugt nicht gerade von großer europäischer Solidarität. Insofern ist Belgien Teil einer typischen gesamteuropäischen Entwicklung. Besonders problematisch ist das Ganze, da Belgien Gastland der europäischen Institutionen ist. Wenn die belgischen Bundesländer irgendwann einmal noch mehr eigene Rechte bekommen, bleibt die Frage, wohin mit Brüssel. Ich finde, Belgien ist kein Vorbild für Europa - es ist eher ein Sinnbild für ein Europa, in dem die Regionen erstarken und individuelle Ziele vor der Gemeinschaft stehen.
PW: Trotz des politischen Chaos leben Sie gerne in Belgien. Warum?
M.S.R.: Der Sprachenstreit und die politische Zerfaserung ist natürlich nur eine Seite der Medaille. Auf der anderen Seite geht es in Belgien ausgesprochen friedlich zu. Die politische Entwicklung scheint ein Selbstläufer geworden zu sein und sich nicht mehr wirklich kontrollieren zu lassen. Und sie tangiert den normalen Bürger auch nicht besonders. Davon abgesehen lässt es sich in Belgien ausgesprochen gut leben. Über allem liegt dieser romanische Lebenshauch. Das äußert sich zum Beispiel in den langen Nächten. Es gibt keine Polizeistunde, in den Städten tobt im Sommer um vier Uhr morgens noch das Leben. Wenn Sie mal nach Gent oder Antwerpen kommen, sind um zwei Uhr morgens die Restaurants noch voll besetzt. Man liebt das Leben, den Genuss. Wenn man in Belgien tafelt, tafelt man richtig, das ist dann wirklich ein Fest. Diese Art zu leben ist ein ganz wichtiges, verbindendes Element, wichtiger als jede Politik.
Interview: Monika Sax, Stand vom 18.03.2009







