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Profi-Bergsteigerin Ines Papert

Herbst 1990 - Zeit der Wiedervereinigung. Ines Papert beginnt eine Ausbildung zur Physiotherapeutin. Von Klettern damals noch keine Spur. Die Begeisterung, Berge zu erklimmen, kommt eher zufällig, mit einem Umzug nach Berchtesgaden 1993. Dorthin hat es die damals 19-Jährige aus beruflichen Gründen verschlagen. Sie hat eine Stelle als Krankengymnastin in einer Berchtesgadener Klinik erhalten. Zum Klettern kommt sie mehr oder weniger zufällig. Aus langen Wanderungen werden anspruchsvolle Bergtouren. Nur sieben Jahre später, im Jahr 2000, ist Ines in der Weltspitze der Eiskletterinnen angekommen.

Ines Papert beim Eisklettern an einem gefrorenem 'Eisvorhang'. (Rechte: SWR)

Ines Papert versteht es, das Eis zu "lesen"

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Von der DDR nach Bayern

Ines Papert, Jahrgang 1974, geboren in Wittenberg, wächst in Bad Düben/Sachsen, jenseits des Eisernen Vorhangs auf. Nach der Wiedervereinigung und abgeschlossener Ausbildung zieht es sie nach Bayern. Freunde hatten ihr von der malerischen Landschaft, der guten Luft und der phantastischen Bergwelt vorgeschwärmt. Sie arbeitet als Krankengymnastin, in ihrer Freizeit unternimmt sie ausgedehnte Skitouren und durchpflügt mit dem Mountainbike das Gelände. Freunde wecken ihr Interesse fürs Klettern. Eine Schlüsselfigur zu ihrer steilen Karriere wird ihr damaliger Lebenspartner, selbst ein erfahrener Bergsteiger. Er infiziert sie mit dem Klettervirus, bringt ihr vieles bei und weckt ihren unbändigen Ehrgeiz. Jahr um Jahr steigert Ines den Schwierigkeitsgrad, den sie in der Bergwelt bewältigen kann.

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Die Vorbereitung einer Expedition (3'30'')
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Ihre erste Begegnung mit dem Eis gefällt ihr gar nicht. Auf einer normalen Klettertour muss sie vereistes Gebiet überqueren. Die Tritte sind unsicher, ihr fehlt schlicht die Erfahrung mit diesem glatten Untergrund. Ausgerechnet Eisklettern wird später aber die Spezialität der Wahlbayerin werden. Als Frau ist sie ohnehin eine Exotin auf steilen und schwierigen Routen. Aber Eisklettern ist eine absolut männerdominierte Sportart und gerade hier hat sie es allen gezeigt. Mehrfach gewinnt sie den Gesamt-Weltcup bei den Frauen und wird viermal Weltmeisterin. In Ouray, Colorado, besiegt sie nicht nur die weibliche, sondern auch die gesamte männliche Konkurrenz und wird Gesamtsiegerin des wichtigsten amerikanischen Eiskletterwettbewerbs. Als sie bei der Preisverleihung etwas von "Glück gehabt" ins Mikrophon murmelt, drückt es einer der unterlegenen Männer etwas deutlicher aus: "Ines, shut up. You kicked our butts!", was frei übersetzt so viel heißt wie: "Hör bloß auf - du hast uns vernichtend geschlagen!"

Doch nicht nur im Eis ist Ines erfolgreich. Auch beim alpinen Felsklettern und Bergsteigen zählt sie zu den besten Frauen, meistert Höchstschwierigkeiten. Sie hat die Eiger-Nordwand bezwungen, die "Kleine" und die "Große Zinne" in Italien und "The Nose" am "El Capitan" im Yosemite Valley, USA. Sie war auf dem 6914 Meter hohen "Aconcagua" in Chile, dem "Mönch" und dem "Großglockner". Doch nicht immer klappt es. 2007 ist sie mit einer Expedition im Himalaja zum 6352 Meter hohen "Arwatower" 150 Meter unterm Gipfel wegen zu schlechten Wetters gescheitert - Bergsteiger-Los.

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Extremsituationen beim Klettern (1'57'')
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Klettern mit Kind und Kegel

2000 kommt Sohn Emanuel zur Welt. Als Mutter hat sie jetzt Verantwortung gegenüber ihrem Kind. Längst ist Bergsteigen aber zu ihrem Lebensinhalt geworden, sie betreibt es professionell, hat Sponsoren. Also setzt sie alles daran, Familie und Passion unter einen Hut zu bringen. Es gelingt ihr, bestärkt durch Bergsteiger-Freundinnen, die auch Kinder haben. Darüber, das Klettern aufzugeben, denkt sie nie ernsthaft nach. Wohl aber ändert sich ihre Einstellung zum Klettern: Sicherheit steht an erster Stelle, das Machbare wird zum Gradmesser. Dann der Schock in den Dolomiten: 2004 stürzt sie an der "Marmolada" beim Versuch den "Weg durch den Fisch" zu klettern ab und erleidet einen komplizierten Unterschenkelbruch. Sie und ihr Kletterpartner Stephan Siegrist arbeiten das Geschehene auf, diskutieren viel über die Ursachen des Sturzes und wissen: Sie hatten viel Glück, sie hätten auch tot sein können.

Comeback

Der Unfall zieht eine längere Verletzungspause nach sich, aber Ines beißt sich durch und will so schnell wie möglich wieder die "Wände hoch". Sie kehrt zurück und greift gleich wieder ins Wettkampfgeschehen beim Eisklettern ein. Kaum von ihrer schweren Verletzung genesen, liefert sie eine beeindruckende Vorstellung ab. 2006 kehrt sie dem Weltcup-Zirkus den Rücken - es ist nicht mehr ihre Welt. Ines Papert widmet sich fortan dem Expeditionsklettern. Interessante Routen und spannende Erstbegehungen in fernen Ländern reizen sie mehr als der Gewinn von Titeln und Pokalen. Längst hat sie sich auch als Allrounderin einen Namen gemacht und die höchsten Schwierigkeitsgrade gemeistert. Sie klettert "Mixed", also Touren die zum Teil aus felsigen, zum Teil aus vereisten Passagen bestehen, und erklimmt die roten Sandsteintürme des "Castle Valley" in Utah - steile, glatte Wände, deren einzige Haltemöglichkeit für Hände und Füße ein Riss im Stein ist.

Planet Wissen Moderatorin Birgit Klaus hat sich zusammen mit Ines Papert an eine sechzig Meter hohe Felswand gewagt. Das Video zeigt, wie die beiden beim Klettern zurecht kamen. (Rechte: SWR)

Birgit Klaus am Fels (3'25'')
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Faszination Eisklettern

Trotz ihres Abschieds vom Wettkampfsport gilt Ines Papert nach wie vor als beste Eiskletterin der Welt. "Das Schöne am Eis ist, dass ich meine Linie frei wählen kann, denn anders als im Fels ist die Route nicht vorgegeben." Das nennt sie maximale Freiheit des Kletterns. Eisklettern hat für sie etwas Ästhetisches und die Vergänglichkeit des Eises macht das Ganze für sie so reizvoll und interessant. Sie will, wie sie es ausdrückt, mit dem Eis unterwegs sein. Also nicht gegen das Eis kämpfen, sondern das Eis "kennenlernen", es dann für sich nutzen, um möglichst leicht nach oben zu kommen: "Das finde ich eine sehr schöne Kombination."

Ihr Metier sind gefrorene Wasserfälle und glitzernde "Eisvorhänge", die sich an Überhängen gebildet haben. "Eis kann furchterregend schön sein", sagt Ines, und beschreibt damit die Faszination und den Respekt gleichermaßen. Eis kann man "lesen". Schon beim Einschlagen der Eisgeräte hört man, wie die Qualität des Eises ist. Die gläserne Struktur, blau-türkis schimmernde Farbenspiele, spannende Formen: Die Profi-Bergsteigerin gerät in totale Verzückung, wenn sie übers Eis und Eisklettern spricht. Fast hat man das Gefühl, es widerstrebe ihr, Eisschrauben in die gefrorene Pracht zu drehen, an denen die Sicherungsleine eingehängt wird - aber natürlich ist das lebenswichtig.

Manchmal sind sogar zirkusreife, akrobatische Fähigkeiten gefragt. Da wird schon mal das Bein über Kopfhöhe hochgezogen und werden die Zacken der Steigeisen ins Eis gebohrt, damit es weitergehen kann. Oder sie hangelt sich mit zwei Pickeln zwischen Eissäulen hoch. Dann gleicht Ines Papert einer Spinne, die mit kleinen, flinken Bewegungen Beute machen will - alles in schwindelerregenden Höhen. An Islands Küste klettert sie mit ihrer Kletterpartnerin Audrey Gariepy eine 1000 Meter hohe, senkrechte Eiswand nach oben. Wo Normalsterblichen schon beim bloßen Zuschauen der Atem stockt, spricht sie von einem freundschaftlichen Verhältnis zum Eis. Angst kennt Ines Papert scheinbar nicht, doch das täuscht: "Ich kenne natürlich Angst und Respekt, vor allem Respekt vor der Natur. Das ist auch ganz wichtig, weil uns das am Leben hält. Aber die Angst darf mich nicht in die Knie zwingen, oder meine Knie weich werden lassen und dann unnötige Fehler provozieren, die mich womöglich in eine gefährliche Situation bringen." Umso tiefer ist die Befriedigung, wenn man erschöpft, aber glücklich das Ziel erreicht hat.

"Wer schwierige Gipfel bezwingt", so sagt sie, erlebt unglaubliche Glücksmomente und bekommt ein entspannteres Verhältnis zu Alltagsproblemen. "Ich könnte mir ein anderes Leben nicht mehr vorstellen."

Harald Brenner, Stand vom 06.10.2010

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Bildcollage zum Thema Bergwelten (Rechte: dpa)

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