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Interview mit Johannes Gerster

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Johannes Gerster, Präsident der Deutsch-Israelischen Gesellschaft

Dr. h.c. Johannes Gerster, 1941 in Mainz geboren, ist seit Jahrzehnten intensiv im israelisch-deutschen Austausch tätig. Als CDU-Bundestagsabgeordneter war er 20 Jahre lang Vorsitzender und stellvertretender Vorsitzender der deutsch-israelischen Parlamentariergruppe. 1997 bis 2006 verbrachte er als Leiter der "Konrad Adenauer Stiftung" in Jerusalem. Seit seiner Rückkehr 2006 ist er Präsident der Deutsch-Israelischen Gesellschaft.

Ein Mann mit Brille und grauem Vollbart in schwarzem Pulli hat die Arme verschränkt und schaut in die Kamera. Er sitzt mittig in einem Wohnzimmer, hinter ihm befinden sich ein Sofa und Bücherregale. (Rechte: ddp)

"Deutsche und Israelis bilden eine Art Schicksalsgemeinschaft"

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Planet Wissen (PW): Herr Gerster, die Beziehung zwischen Israelis und Deutschen wird oft als "besonders" bezeichnet. Können Sie sie genauer beschreiben?

Johannes Gerster (J.G.): Das Wort "besonders" sagt ja zunächst gar nicht viel aus. Es stimmt, das deutsch-israelische Verhältnis ist besonders, es ist jedoch nicht besonders problematisch, sondern besonders belastet und besonders sensibel, aber auch besonders gut. Deutsche und Israelis bilden eine Art Schicksalsgemeinschaft, die durch das Schicksal in der Vergangenheit gebunden und getrennt sind. Wir hängen heute enger zusammen als manche andere Völker mit Israel zusammenhängen. So wie man aus der eigenen Geschichte nicht aussteigen kann, so kann man auch nicht aus Beziehungsgeflechten aussteigen, die aus der Geschichte und über die Geschichte hinaus entstanden sind.

PW: Wie ist denn das deutsch-israelische Verhältnis heute? Wie sehen Israelis heute Deutschland?

J.G.: Natürlich hat das Verhältnis zwischen zwei Völkern immer viele Fenster, viele Varianten. Ich kann das nicht pauschal beantworten. Israel ist ein Land voller Kriege, Krisen und Skandale. Man kann sich natürlich vorstellen, dass da nicht jeden Tag in der Zeitung steht "Wir lieben Deutschland". Aber das Verhältnis ist ein gutes und sehr intensives.

Als ich 1997 in Israel ankam, gab es eine Umfrage unter jungen Leuten: Was fällt Ihnen bei Deutschland als Erstes ein? Da kam sofort wegen der breiten Ausbildung in Sachen Holocaust die Antwort "Shoah" als erster Punkt, lange vor allem anderen. Wenn Sie heute junge Israelis fragen, Sie glauben gar nicht, wie viele Leute da rumlaufen in Israel, die Fans der deutschen Bundesliga sind. Ich habe mal für einen Beduinenjungen einen gelbschwarzen Schal von Borussia Dortmund mitgebracht, für einen anderen einen Schal von Bayern München. Denen fallen Claudia Schiffer ein, Michael Schumacher, Heidi Klum und deutsche Fußballvereine. Das Verhältnis hat sich in einem großen Maße normalisiert. Das normale Tagesleben und das Interesse hat sich entwickelt - so wie es normal zwischen zwei Ländern ist, die enge Beziehungen auf vielerlei Feldern haben.

Schmierereien auf den Grabsteinen eines jüdischen Friedhofes. (Rechte: WDR/dpa)

"Dann bricht die Narbe wieder auf"

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PW: In welchen Momenten gerät das gute Verhältnis ins Schwanken?

J.G.: Das gute Verhältnis zu Deutschland hat nur eine einzige Einschränkung: Sobald in Deutschland Fremdenfeindlichkeit vorkommt, ist das Verhältnis erschüttert. Untaten von Rechtsradikalen, wenn morgen - Gott verhüte - eine Synagoge brennen würde, wenn Steine auf jüdischen Friedhöfen umgeworfen würden, wenn ein Haus mit Ausländern angezündet würde, dann bricht die Narbe wieder auf. Dann wird kritischer nachgefragt, dann werden die Leute verunsichert. In Israel ist das Interesse am gesellschaftlichen Leben in Deutschland größer als das an anderen Ländern. Und über die amerikanische Presse wird in Israel über deutsche Ausschreitungen viel stärker berichtet, als wenn schreckliche Geschichten in Frankreich, Spanien oder Italien passieren.

In manchen Bereichen ist das eine Art Hassliebe gegenüber Deutschland. Aber das ist so wie in einer Familie: Wenn die Familienmitglieder ordentlich zusammenleben und sich halbwegs verstehen, lieben sie sich. Aber wehe, es wird einer beleidigt in der Familie, das ist dann schlimmer, als wenn ein Fremder ihn beleidigt. Zwischen Israelis und Deutschen hängt man psychologisch enger zusammen, obwohl die Shoah trennt. Deutschland ist oft interessanter für Israelis als andere Länder, weil wir näher dran sind. Der Staat Israel hatte anfangs zum Beispiel einen deutschen Juden, einen sogenannten Jeckes, als Justizminister. Das ist zwar etwas, was der 18-jährige Israeli meist nicht kennt, aber von diesen Dingen gibt es eine ganze Reihe.

PW: Wie sehen Sie das offizielle, das politische Verhältnis zwischen den beiden Ländern?

J.G.: Es gibt ein verdichtetes Netz zwischen israelischer und deutscher Politik. Das ist ein sehr stabiles Verhältnis. Die offizielle Ebene der deutsch-israelischen Beziehungen macht mir als Präsident der deutsch-israelischen Gesellschaft keine Sorgen. Was mir Sorgen bereitet, ist, dass in Deutschland das Wissen über Israel zurückgeht. In weiten Teilen der Bevölkerung sind das Wissen und die Meinung über Israel sehr oberflächlich geworden. Und das Leben ist vielschichtiger, als es zum Beispiel in der schlechten Berichterstattung in Zeitungen zum Ausdruck kommt, oder auch in staatlichen Communiqués. Mir bereitet Sorgen, dass Vieles einfach nicht bekannt ist. Zum Beispiel, dass das Land Israel ein gewaltiges Erfolgsmodell ist. Israels Bevölkerung hat sich in den letzten 60 Jahren verzehnfacht, aus einem Agrarland wurde ein Hightech-Land, welches unter den ersten dreien der Welt mitspielt. Und in den 60 Jahren seit der Staatsgründung hat sich Israel in einem undemokratischen Umfeld als Demokratie behauptet.

Es gibt sehr viel zu kritisieren an Israel, zum Beispiel die Siedlungspolitik der israelischen Regierung oder die Art, wie sie ihre Checkpoints behandelt. Bei aller notwendigen Kritik macht uns das Land jedoch alles in allem Dinge vor, bei denen wir in unserem selbstzufriedenen Europa nicht mehr mithalten können, bei denen wir langsam geworden sind. Um ihre Existenz zu sichern, haben die Israelis gewaltige Fortschritte gemacht, das weiß keiner in Deutschland.

Bundeskanzlerin Angela Merkel und Israels Premierminister Ehud Olmert geben sich die Hände. (Rechte: AFP)

Deutschland versucht zu vermitteln

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PW: Sie waren neun Jahre lang für die Konrad-Adenauer-Stiftung in Israel. Dabei waren Sie vor allem für israelisch-palästinensische Projekte zuständig. Wie kommt es, dass gerade eine deutsche Organisation zwischen den zerstrittenen Parteien vermittelt?

J.G.: Wir haben die Vertreter von beiden Regierungen zusammengeführt, als diese offiziell gar nicht verhandelt haben. Dass diese Aufgabe eine deutsche Organisation übernommen hat, hatte den Grund, dass die Deutschen im Gegensatz zu anderen Ländern politische Stiftungen haben. Alle anderen Länder haben nur eine offizielle Entwicklungspolitik. Wir hingegen stehen Parteien nah, die Friedrich-Ebert-Stiftung, die Konrad-Adenauer-Stiftung und so weiter. Was wir machen, ist also nicht staatliches Handeln, sondern es ist nur vom Staat gefördert. Wir sind eigenverantwortlich für das, was wir tun. Wohingegen das, was ein Botschafter in Tel Aviv macht, eine offizielle Handlung der Bundesregierung ist.

Und das Vertrauen kam, weil ich als Person auf israelischer und palästinensischer Seite schon bekannt war. Als Politiker war ich oft mit Delegationen in Israel. Anfang der 80er Jahre hatte ich gegen den Willen unseres Auswärtigen Amtes und kritisch begleitet vom israelischen Außenministerium Kontakte zu Palästinensern geknüpft. Wir haben damals einen Verein gegründet, "Coexistence", der mit Mitteln der Adenauer-Stiftung aus Deutschland diese Dialoge begonnen hat. Das war zu Zeiten, als es Israelis offiziell noch verboten war, mit Palästinensern offiziell zu reden.

Interview: Andrea Schultens, Stand vom 19.03.2008
Sendung: Israel heute, 22.07.2008

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Bildcollage zum Thema Israel (Rechte: Mauritius und Tim Kimberley)

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