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Interview: Deutsch-israelischer Jugendaustausch

Jährlich finden etwa 200 deutsch-israelische Jugendbegegnungen statt. 2006 nahm der damals 18-jährige Schüler Arne Stuberg an einem Austauschprogramm der "Evangelischen Akademie Iserlohn" teil. 14 Schüler aus Iserlohn und 14 Israelis aus Rishon Le-Zion, der viertgrößten Stadt Israels, besuchten sich gegenseitig jeweils zehn Tage lang. Mit seinem Austauschpartner, dem damals 17-jährigen Yossef Cohen, ist Arne Stuberg heute eng befreundet.

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Planet Wissen (PW): Wie bist du auf die Idee gekommen, bei einem deutsch-israelischen Austausch mitzumachen? Warum wolltest du nach Israel?

Arne Stuberg (A.S.): Ich fand einen Flyer zu diesem Austauschprogramm im Briefkasten. Zwar wollte ich in ein anderes Land reisen und an einem Jugendaustausch teilnehmen, doch dass es gerade Israel wurde, ist eher Zufall. Gerade bei Israel habe ich anfangs gezögert, Israel ist ja weit weg. Doch dann gefiel mir die Idee immer besser. Ich fand es interessant, dorthin zu fahren und die Kultur kennenzulernen und habe mich schließlich dafür entschieden. Auch viele der anderen Teilnehmer wollten zunächst nur verreisen und hatten nicht wirklich Interesse an dem Programm. Sie wollten möglichst billig mal nach Israel kommen. Ich will mich da nicht ausschließen, denn mir ging es anfangs ähnlich. Allerdings habe ich mich dann nachher sehr intensiv mit dem Programm befasst. Der Austausch war eine sehr tolle Erfahrung.

Ein mit blauem Porzellan gedeckter Tisch. Darauf stehen unter anderem Kerzenleuchter, ein Gebetbuch, ein abgedeckter Brotkorb und eine Karaffe Wein. (Rechte: dpa)

Festlich gedeckte Sabbat-Tafel

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PW: An welchem Programm hast du teilgenommen?

A.S.: Die "Evangelische Akademie Iserlohn" organisiert jedes Jahr einen Israel-Austausch mit einem Schwerpunktthema. Unser Austausch hatte das Ziel, uns die gegenseitige Kultur näherzubringen. Unser Thema lautete "Identität". Wir haben uns also damit beschäftigt, woher wir kommen und was uns ausmacht - uns als Deutsche und die Israelis als Israelis oder auch als Juden. So wurden im Rahmen des Programms die Geschichte und der Holocaust in den Vordergrund gerückt.

Als die israelische Gruppe an einem Freitagabend bei uns ankam, haben wir direkt mit ihnen Sabbat - das heilige Abendessen mit Gebet - gefeiert. Für uns Deutsche war dieses jüdische Festmahl zunächst sehr fremd. Und auch die Israelis fanden hier natürlich vieles neu und spannend. Sie haben unsere Kultur und Umgebung, den Alltag und unser Familienleben kennengelernt. Zum Beispiel waren sie sehr überrascht, dass es so bergig und grün in Deutschland ist. Als sie hier waren, waren wir in ganz Deutschland unterwegs und haben Ausflüge gemacht. Wir haben auch viele Orte besucht, die etwas mit der deutsch-jüdischen Geschichte zu tun haben, zum Beispiel das Jüdische Museum in Berlin.

Mit meinem Austauschschüler hatte ich großes Glück. Yossef ist wie ein Bruder für mich. Wir haben viel unternommen, wir haben zum Beispiel eine Burg besichtigt oder sind shoppen gegangen. Abends waren wir meist unterwegs und haben Freunde getroffen.

PW: War die Nazi-Zeit ein Thema?

A.S.: Bei unserem Schwerpunktthema "Identität" kam die Vergangenheit oft zur Sprache. Wir, die Deutschen, wussten zunächst alle nicht genau, wie wir an das Thema herangehen sollten, wie wir den Israelis bezüglich der Geschichte gegenübertreten sollten. Es war sehr merkwürdig. Allerdings ist dann schnell klar geworden, dass die Juden den heutigen Deutschen das nicht verübeln, sie glauben nicht an die Erbschuld. Es gab ein sehr offenes Verhältnis zwischen uns, und wir konnten ganz normal mit den Israelis über dieses Thema reden. Es war nicht peinlich, sondern wir haben offen über unsere Geschichte und über die verschiedenen Sichtweisen gesprochen.

Während des Aufenthalts gab es auch sehr emotionale Momente. Zum Beispiel waren wir gemeinsam in Berlin am Bahnhof Grunewald. Von dort aus wurden damals Juden in die Vernichtungslager gebracht. Wenn man sich an den Bahnsteig stellt, sieht man, dass die alten Bahnschienen immer noch vorhanden sind. An den Schienen stehen Zahlen und Städte, und jede Zahl steht für die Anzahl der Opfer, die in die jeweiligen Städte gefahren sind. Als wir dort waren, haben die Juden am Bahnsteig ein Gebet vorgelesen und es wurde gesungen. Wir, alle Jungen, hatten eine schwarze Kippa auf, die Mädchen eine andere Kopfbedeckung. Diese Situation war sehr emotional für unsere ganze Gruppe. Es gab viele Tränen, denn es war für beide Seiten sehr ergreifend, das zu sehen.

Jüdischer Junge mit Schläfenlocken und einer schwarzen Kippa. (Rechte: dpa)

"Nur streng orthodoxe Juden sehen so aus"

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PW: Wie hast du das deutsch-israelische Verhältnis empfunden? Welche Vorurteile gegenüber den Israelis wurden bestätigt oder widerlegt, und welche gegenüber den Deutschen?

A.S.: Das Verhältnis zwischen uns Jugendlichen war sehr gut. Jeder hat einen oder auch mehrere Freunde gefunden. Wenn man in Deutschland an Juden denkt, dann meint man oft streng orthodoxe Juden mit Schläfenlocken und schwarzer Kleidung. Mein einziges Vorurteil war, dass ich glaubte, alle Juden seien so oder würden sich zumindest so ähnlich anziehen. Es kam dann aber ziemlich schnell heraus, dass die heutigen Juden genauso sind wie wir. Das war ein bisschen verwunderlich. Vorher dachte ich mir: "Das ist eine andere Kultur, die Israelis werden ganz anders sein als wir." Aber im Endeffekt gibt es keine großen Unterschiede, wenn man sich die Jugend hier und die Jugend in Israel anschaut. Wir sind uns sehr ähnlich.

Die Israelis hatten das Vorurteil, dass viele Deutsche auch heute noch Nazis sind. Sie dachten auch, dass sie auf der Straße komisch angeguckt würden. Davor hatten sie große Angst, was ja auch verständlich ist. Doch dann haben sie schnell gemerkt, dass sich Deutschland sehr verändert hat im Laufe der Zeit, dass Deutschland sehr viel freundlicher geworden ist. Es kam auch zur Sprache, dass es hier immer noch viel Rassismus gibt. Doch die Israelis haben gesehen, dass sich die meisten Deutschen viel Mühe machen, um diesem Eindruck entgegenzuwirken.

Eine Frau im Badeanzug und mit Sonnenhut liegt Zeitung lesend im blaugrünen Meer. (Rechte: Mauritius)

Baden im Toten Meer

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PW: Hattest du dir den Aufenthalt in Israel so vorgestellt? Was hat dich verwundert?

A.S.: Israel war ganz anders, als ich gedacht hatte. So ähnlich stelle ich mir die Türkei vor, wo ich auch noch nie war - allein von dem Wirrwarr, das auf den Straßen herrscht, oder vom Wetter und vom Klima her. Dazu kommen die ganzen Leute, die sehr freundlich sind. Ich war in dem Glauben, dass alles sehr orthodox ist, alles sehr heilig. Doch als ich dann in Großstädte hineinkam, dachte ich mir: "Wow, wo bin ich denn hier gelandet!" Eine Großstadt dort ist wie eine Großstadt bei uns. Nur der Verkehr in der Stadt ist ganz anders, alles ist ein bisschen chaotischer. Mittlerweile kommen viele Leute nach Israel, um dort Urlaub zu machen - zu Recht, wie ich finde, denn es ist sehr schön dort. Wir waren zweimal in Jerusalem, wir waren am Toten Meer, in Tel Aviv, wir sind eine ganze Weile herumgefahren und haben viel gesehen. Allein schon wegen des Toten Meeres ist Israel eine Reise wert. Ich fand es sehr witzig, telefonierend im Meer zu liegen.

Interview: Andrea Schultens, Stand vom 19.03.2008
Sendung: Israel heute, 22.07.2008

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Bildcollage zum Thema Israel (Rechte: Mauritius und Tim Kimberley)

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