Geschichte des Staates Israel
Zwei begründete Ansprüche
Die Juden begründen ihren Anspruch auf einen eigenen Staat mit dem Selbstbestimmungsrecht. Dieser Auffassung nach waren die Juden 70 nach Christus von den Römern aus ihrer historischen Heimat vertriebenen worden und warteten im Exil auf die Rückkehr. Sie hatten das Recht auf dieses Land niemals aufgegeben, war es ihnen doch nach der Bibel von Gott zugewiesen worden. Die Araber machen ebenso das Selbstbestimmungsrecht geltend, denn sie leben seit rund 1300 Jahren in Palästina. Der Zuzug von Juden lief damals auch der panarabischen Idee zuwider. Politiker wollten eine arabische Kulturnation aller Araber in einem gemeinsamen Nationalstaat schaffen, vom Atlantik bis zum Persischen Golf.
Palästina unter britischem Mandat
Im Jahr 1922 erhielt Großbritannien vom Völkerbund, dem Vorgänger der UNO (United Nations Organization), das Mandat für Palästina. Die Briten standen vor einer schwierigen Aufgabe, denn sie sollten die Balfour-Deklaration aus dem Jahr 1917 erfüllen: Die Briten verpflichteten sich damit zum einen dazu, für das jüdische Volk in Palästina eine nationale Heimstätte zu fördern. Zum anderen sollten sie aber auch verhindern, dass die Rechte bereits bestehender nichtjüdischer Gemeinschaften in Palästina beeinträchtigt würden. Die Araber lehnten das britische Mandat als völkerrechtswidrig ab. Die Juden dagegen läuteten unter den Briten eine intensive zionistische Aufbauphase ein: Insbesondere Juden aus Osteuropa wanderten ein. Der jüdische Anteil an der Bevölkerung stieg von elf Prozent im Jahr 1922 auf rund 30 Prozent im Jahr 1936. Diese Zunahme und der Landkauf der Juden für die Besiedelung riefen immer wieder gewaltsame Reaktionen der arabischen Bevölkerung hervor.
Der UN-Teilungsplan von 1947
Im Jahr 1947 brachte Großbritannien das Palästina-Problem vor die neu gegründeten Vereinten Nationen (UN). Wie konnte man dem jüdischen Volk, von dem sechs Millionen Menschen durch das deutsche NS-Regime ermordet worden waren, ein eigenes gesichertes Gebiet garantieren, ohne gleichzeitig die Rechte der arabischen Einwohner zu verletzen? Der Teilungsplan für Palästina vom 29. November 1947 sollte das Dilemma endlich lösen: Jeder der beiden Staaten sollte aus drei voneinander getrennten und nur durch enge Korridore miteinander verbundenen Teilgebieten bestehen. Während nicht viel mehr als ein Drittel der Bevölkerung Palästinas Juden waren, sollte der jüdische Staat aber wegen der vielen zu erwartenden Zuwanderer mehr als die Hälfte des Territoriums, nämlich 54 Prozent, ausmachen. Der Großraum Jerusalem sollte unter internationaler Kontrolle stehen. Mit diesem komplizierten Plan, der mit 33 gegen 13 Stimmen bei zehn Stimmenthaltungen von den Vereinten Nationen beschlossen wurde, waren weitere Konflikte programmiert. Während die Juden dem territorialen Kompromiss zustimmten, wiesen die Araber ihn als völkerrechtswidrig zurück.
14. Mai 1948: Die Proklamation des Staates Israel
Mit Beschluss des Teilungsplans kündigten die Briten die Rückgabe des Mandates für den 15. Mai 1948 an. Am 14. Mai verließen die letzten Truppen Palästina und David Ben-Gurion, der designierte israelische Ministerpräsident, rief im Namen des Jüdischen Nationalrates den unabhängigen souveränen Staat Israel aus. Ben-Gurion ließ diesen einmaligen Moment, da die Briten abgezogen und die Machtverhältnisse in Palästina neu geregelt werden mussten, nicht ungenutzt verstreichen. Hinzu kam die öffentliche Weltmeinung, die den Israelis damals sehr gewogen war. Unmittelbar nach der Unabhängigkeitserklärung wurde Israel von den USA und von der Sowjetunion diplomatisch anerkannt. Taktisch geschickt hatte Ben-Gurion die Grenzlinien des neuen Staates nicht klar definiert. Die galt es also fortan zu ziehen. Die arabische Antwort auf die Proklamation ließ nicht lange auf sich warten: Arabische Armeen, insbesondere die Ägyptens und Jordaniens, marschierten in Palästina ein.
Der Unabhängigkeitskrieg von 1948
Von 1948 bis 2006 wurden insgesamt sechs Kriege zwischen Israel und seinen arabischen Nachbarstaaten ausgefochten. Immer ging es um das zentrale Thema: Wem gehört Palästina? Der erste entscheidende Krieg war der erste arabisch-israelische Krieg, den die Israelis den Unabhängigkeitskrieg und die Palästinenser "el-Nakba", die Katastrophe, nennen. In diesem Krieg versuchten die Israelis, die dem jüdischen Staat zugedachten Gebiete sowie jüdische Siedlungen jenseits der von den UN gezogenen Grenzen zu sichern. Sie eroberten rund 40 Prozent des Landes, das im Teilungsplan für einen arabisch-palästinensischen Staat vorgesehen war. Die Waffenstillstandslinien vom Frühjahr 1949 vergrößerten das israelische Territorium von 14.100 auf 20.700 Quadratkilometer. Dieses Gebiet gilt auch 2008 noch als das Kernland Israels. 600.000 Araber wurden vertrieben oder flohen aus ihren Dörfern. Andere blieben und wurden Israelis. Die Forderung der Vereinten Nationen an den Kriegssieger Israel, die Flüchtlinge zurückkehren zu lassen, ist bis heute gültig. Die israelische Besetzung arabischer Gebiete, die jordanische Besetzung des Westjordanlandes und Ost-Jerusalems sowie die Tatsache, dass der Gaza-Streifen unter ägyptische Verwaltung gestellt wurde, machten die Entstehung eines arabisch-palästinensischen Staates unwahrscheinlich.
Der Sechs-Tage-Krieg von 1967
Ein weiterer bedeutender Krieg war der Sechs-Tage-Krieg von 1967, der dritte arabisch-israelische Krieg. Die israelische Armee besiegte in einem Präventivschlag die Armeen dreier arabischer Staaten innerhalb kürzester Zeit. Auch dieses Mal war sie den arabischen Armeen überlegen. Israel besetzte das Westjordanland, Ost-Jerusalem, die Golanhöhen und den Gaza-Streifen. Jetzt war Israels Staatsgebiet drei Mal so groß wie vorher. Erneut flüchteten mehrere 100.000 Palästinenser in die Nachbarländer. Im November 1967 beschloss der UNO-Sicherheitsrat die Resolution 242: Israels Rückzug aus den 1967 besetzten Gebieten und eine gerechte Lösung des Flüchtlingsproblems. Indirekt bedeutete die Resolution eine Anerkennung der seit 1947 von den Israelis geschaffenen Fakten der Landaufteilung und sie ist seitdem die Grundlage aller Friedensverhandlungen. Fachleute diskutieren den Sechs-Tage-Krieg sehr leidenschaftlich. Er hat den Mythos der unbesiegbaren israelischen Armee gestärkt, dem Staat Israel aber moralisch eine Niederlage gebracht. Erst diese Besatzung, so der Tenor, hätte in den Palästinensern, die bis 1967 stets von anderen fremden Mächten regiert worden waren, ein Nationalbewusstsein erweckt. Und die israelische Strategie, die besetzten Gebiete als Faustpfand (Land gegen Frieden) zu instrumentalisieren, hätte die Palästinenser radikalisiert.
Friedensverhandlungen ohne Frieden
Der Staat Israel ist heute eine etablierte Demokratie, in der rund sechs Millionen Menschen leben. Knapp fünf Millionen davon sind Juden, eine Million Araber und rund zwei Prozent der Bevölkerung sind Christen und Drusen. Seit 1948 hat sich der Palästina-Konflikt zum israelisch-arabischen Nahostkonflikt mit internationaler Dimension ausgeweitet. Israel befindet sich mit vielen arabischen Nachbarstaaten im Kriegszustand, nur mit Ägypten und Jordanien ist Frieden geschlossen worden. Zwar haben die jahrzehntelangen gewalttätigen Auseinandersetzungen die meisten Israelis und Palästinenser überzeugt, dass die Lösung nur in einer Trennung beider Völker liegt. Seit dem Jahr 2003 bauen die Israelis eine hohe Sperranlage, die das israelische Kernland vom Westjordanland trennen soll. Aber niemand weiß, wie und wann eine Zwei-Staaten-Regelung tatsächlich zustande kommen könnte. Militante Gegner auf beiden Seiten sabotieren immer wieder aufkeimende Friedensbemühungen.
Natalie Muntermann, Stand vom 19.03.2008
Sendung: Israel heute, 22.07.2008








