Interview: Markus Nikel
Planet Wissen PW): Herr Nikel, Sie leben schon mehr als 13 Jahre in Rom. Sind Sie inzwischen ein "echter" Römer?
Markus Nikel (M.N.): Ein bisschen schon. Manche Römer behaupten ja, ein echter Römer ist nur, wer mindestens sieben Generationen an Vorfahren in der Hauptstadt nachzuweisen hat! Solche Familien gibt es zwar noch, in allen Bevölkerungsschichten, vom Hochadel bis zum einfachen Schuster. Ein Großteil der heutigen Bevölkerung besteht aber aus Zuwanderern, die in den 1950er bis 1970er Jahren vor allem aus dem Süden nach Rom kamen.
PW: Den alteingesessenen Römern sagt man nach, sie seien ein bisschen arrogant…
M.N.: Tatsächlich sagt man den Römern eine gewisse Arroganz nach, auch eine gewisse Reserviertheit Fremden gegenüber. Man ist eben Hauptstädter und weiß, was man seinen Gästen zu bieten hat: die schönste Stadt der Welt! Ich mag aber an den Römern, dass sich hier selbst der wildeste Ärger irgendwann in Luft auflöst. Man wird vielleicht kurz laut, wird selber mal angedonnert, aber dann geht’s einfach weiter wie zuvor. Das ist sehr gesund für die Seele.
PW: Rom ist voller historischer Schätze. Stumpft man mit der Zeit ab gegenüber so viel Schönheit?
M.N.: Auf der Busfahrt zu meinem Arbeitsplatz, dem Fernsehsender RAI, fahre ich jeden morgen am Kolosseum vorbei, am Forum Romanum, an der Piazza Venezia und dann die Via Nazionale hoch… Die Sehenswürdigkeiten werden mit der Zeit selbstverständlich. Das heißt aber nicht, dass man sie nicht mehr wahrnehmen würde. Ab und zu sitze ich im Bus und dann kommt es wieder, das Wow-Gefühl!
PW:Wie stehen denn die meisten Römer zu den antiken Schätzen?
M.N.: Eher distanziert, aber auch gelassen. Man hat seit Urzeiten gelernt, mit ihnen umzugehen. Auch wenn der Römer selbst den Kunstschätzen eher uninteressiert gegenübersteht und oft kaum mehr über sie weiß als den Namen…
PW: Was unternimmt die Stadt Rom, um dieses Erbe zu wahren?
M.M.: Nach Auffassung der wichtigsten Kunstexperten unternimmt die Stadt zu wenig. Das Hauptproblem liegt in der Quantität: In Rom gibt es wahrscheinlich so viel erhaltenswerte Kulturgüter wie anderswo in einem ganzen Land. Laut Schätzungen der Unesco befinden sich 65 bis 70 Prozent des gesamten Weltkulturerbes in Italien!
PW: Was gefällt Ihnen persönlich ganz besonders an Rom?
M.N.: Was mich fasziniert, ist, dass in Rom die europäische Geschichte sehr kompensiert ist: Typisch ist das Nebeneinander, Übereinander, und Durcheinander von verschiedenen Zeiten und Epochen. Antike Säulen neben einer Barockkirche, ein Tempel, der in eine Kirche umgewandelt wird und doch nicht aufhört noch irgendwie ein Tempel zu sein… Natürlich finde ich das Klima hier toll und auch das ganz besondere Licht, das die Stadt zum Leuchten bringt.
PW: Bei aller Begeisterung für die Stadt - bestimmt gibt es auch Dinge, die nerven…
M.N.: Sicherlich. Mich nervt zum Beispiel der immense Verkehr. Der gesamte Autoverkehr muss sich durch enge Gassen quetschen, es gibt zu viele Autos und für die ist kein Platz. Anscheinend ist es auch unmöglich, in Rom ein funktionierendes Netz öffentlicher Verkehrsmittel aufzubauen. Es gibt nur zwei U-Bahn-Linien, an einer dritten Linie beißen sich die Planer wegen fehlender Genehmigungen seit Jahren die Zähne aus. Und es ist sehr schwierig, in Rom pünktlich zu einem Termin zu kommen: Weil die Busse nicht für die holprigen römischen Straßen gemacht sind, gehen sie oft kaputt und bleiben einfach stehen…
PW:Wenn Sie Gäste haben - welche Rom-Tipps geben Sie ihnen?
M.N.: Rom-Besucher schicke ich gerne in das Viertel "E.U.R." Dieses unter Mussolini neu konzipierte Viertel war geplant für die Weltausstellung 1942 in Rom, die dann allerdings nicht stattgefunden hat. E.U.R. wurde nie ganz fertiggestellt - was davon verwirklicht wurde, ist ein neoantikes Viertel, sehr einheitlich geplant mit glatten, beeindruckenden Bauten. Das Viertel ist heute sehr beliebt und wird auch oft für Modeaufnahmen genommen. Und wer bei all dem Durcheinander von Gebäuden, Kirchen und Tempeln den Überblick nicht verlieren will, der sollte sich Rom einfach mal von oben angucken. Am besten tut man das vom Gianicolo aus, einer kleinen Anhöhe hinter dem Stadtteil Trastevere. Von dort hat man einen wirklich traumhaft schönen Blick über das historische Stadtzentrum bis hinüber zur Villa Borghese. Oder man geht zur Villa Borghese, genauer zum Pincio, und schaut in die andere Richtung. Das ist fast genauso klasse.
PW:Bekommen Ihre Gäste auch einen kulinarischen Tipp für den Trip?
M.N.: Also, die römische Pizza ist ja bekanntlich nicht so gut wie die aus Neapel. Aber man sollte unbedingt “pizza al taglio“, also Pizza vom Blech probieren, in einer der vielen Stehpizzerien im Centro Storico, dem historischen Zentrum. Es gibt da die verrücktesten Varianten…
Interview: Claudia Heidenfelder, Stand vom 02.05.2008




